So wie die statistischen Zahlen für die Monate Januar und Februar eintrudelten, hoben die Analysten reihenweise ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr an. Selbst in London sahen die Experten für die aufstrebende Region Mittelosteuropas bereits ein Quartalswachstum von fünf Prozent und mehr als realistisch an. Genährt wurden diese Erwartungen nicht zuletzt durch Botschaften aus Deutschland, wo Ansätze neuartiger Konjunkturbarometer vorübergehend ebenfalls die Fünf-Prozent-Marke in den Fokus rückten. Da Ungarn ähnlich wie seine Visegrád-Partner Polen, Tschechien und die Slowakei zutiefst mit Deutschland verquickt ist, mussten solche Zahlenspiele abfärben. Dann aber vermittelten die frischen Zahlen für den März einen kleineren Schock: Baugewerbe, Industrie und Exporte verfielen aus einem zweistelligen Boom in Stagnation. Die von der alten-neuen Orbán-Regierung anvisierte Wachstumszahl von vier Prozent schien in Gefahr.

An diesem Dienstag präsentierte das Zentralamt für Statistik (KSH) nun jedoch gemessen an dem März-Dämpfer fantastische Zahlen. Demnach ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im I. Quartal um 4,4 Prozent gestiegen, saisonal und nach Kalendertagen bereinigt sogar um 4,7 Prozent. Damit konnte die ungarische Wirtschaft nahezu nahtlos an das hohe Tempo vom Vorjahr anknüpfen und ihre Leistung gegenüber dem IV. Quartal wieder um 1,2 Prozent steigern. In das Jahr 2017 war sie mit einem Quartalsplus von 1,4 Prozent gestartet, worauf zwei Quartale mit jeweils +1,1 Prozent folgten, bevor das Jahr mit 1,3 Prozent verabschiedet wurde. Nach dem Abschwung der Jahre 2015 und 2016 hält sich die einheimische Konjunktur nunmehr seit über einem Jahr (neben dem quartalsweisen einen Prozent) auf dem hohen Niveau oberhalb von vier Prozent, welches 2014 erstmals seit der großen Krise wieder erreicht werden konnte.

Diese Leistung ist nachhaltig

Von einem dauerhaften Wachstum und einem starken Potenzial sprach der designierte Finanzminister Mihály Varga angesichts der am Dienstag vorgestellten KSH-Zahlen. Er hob die bereinigte Zahl von 4,7 Prozent hervor, weil die Wirtschaft im I. Quartal mit zwei Arbeitstagen weniger als Anfang 2017 auskommen musste. Die gezeigte Leistung sei zugleich nachhaltig, weil sie sich aus ausgewogenen internen wie externen Prozessen speise, die Konjunktur ergo nicht durch eine überzogene Neuverschuldung künstlich belebt werde. Dass der Dienstleistungssektor vom Statistischen Amt als Hauptantriebsfeder des Wirtschaftswachstums ausgemacht wurde, sieht der Minister als Bestätigung der sechsjährigen umfassenden Tarif-, Steuer- und Abgabenvereinbarung von Ende 2016. Denn damit wurden dynamischere Lohnerhöhungen begleitet von einer in den einstelligen Bereich fallenden Körperschaftsteuer und sukzessive sinkenden Sozialabgaben der Arbeitgeber generiert, in deren Folge sich bei den Arbeitnehmern markant höhere Einkommen bilden.

Varga nannte stellvertretend den Einzelhandel, den Tourismus und den Wohnungsbau als Konjunkturlokomotiven. Das Wohnungsbauförderprogramm CSOK sorgte im I. Quartal für zwei Drittel mehr Neubauwohnungen, die Tourismusbranche verzeichnete zweistellige Zuwachsraten, das Einzelhandelsvolumen stieg von Januar bis März um durchschnittlich acht Prozent. Die Industrie besitze in einem günstigen internationalen Umfeld beste Aussichten, zumal das verarbeitende Gewerbe seine Investitionen im vergangenen Jahr enorm hochschraubte und insbesondere in der Automobilindustrie mittelfristig markante Steigerungen bei den Fertigungskapazitäten anstehen.

Auf der Nachfrageseite hat der Privatverbrauch eine seit der Krise nicht erlebte Dynamik erlangt, nachdem die Löhne um mehr als zehn Prozent zunahmen, die Beschäftigung ein Rekordniveau erreichte und die Inflation weiterhin verhalten ist. Allein in der Wettbewerbssphäre wurden in den letzten zwölf Monaten wieder 125.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, binnen acht Jahren waren es rund 600.000, in der gesamten Volkswirtschaft sogar 750.000 Arbeitsplätze.

Es gibt noch Skeptiker

Weil die Zahlen für das I. Quartal die Erwartungen der Analysten übertrafen, nahmen manche von ihnen bereits eine Korrektur ihrer Jahresprognose vor. Sie rechnen für die folgenden Monate mit einem Boom am Wohnungs- und Büromarkt, deutlich mehr Investitionen der öffentlichen Hand beziehungsweise in Co-Finanzierung der Europäischen Union sowie mit einer anhaltend hohen Investitionsbereitschaft des verarbeitenden Gewerbes. Die Konsumfreude der Privathaushalte habe angesichts des dynamischen Lohnzuwachses zu Jahresbeginn (der durch die Anhebung des Mindestlohns um acht Prozent und des garantierten Lohnminimums für Fachkräfte sogar um zwölf Prozent angeheizt wurde) spürbar zugenommen. Da große Investitionsprojekte der Industrie in ihre Umsetzungsphase gelangen, dürften in diesem Jahr auch die Nettoexporte wieder positiv zum BIP beitragen.

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Weniger regierungsnahe Analysten merkten freilich an, dass im I. Quartal ganz sicher die Parlamentswahlen vom 8. April eine Rolle gespielt hätten. Im gewissen Maße sei der Geldfluss nach vorne verlagert worden. Zum anderen erweise sich der zunehmend dramatischere Mangel an Arbeitskräften als strukturelle Wachstumsschranke. Deshalb bleiben die Prognosen hier wie gehabt knapp unter der imaginären Marke von vier Prozent, wohingegen im Regierungslager bereits viereinhalb bis fünf Prozent für möglich gehalten werden.

Fieberkurven kratzen am soliden Bild

Das KSH teilte nur eine erste Schätzung mit dem Hinweis mit, die Konjunktur sei im I. Quartal durch Dienstleistungen, Privatverbrauch und Tourismus getragen worden. Weil die detaillierten Angaben erst mit der zweiten Schätzung in drei Wochen geliefert werden, können wir uns vorläufig nur auf die Zahlen der ersten Monate stützen, die für die einzelnen Segmente der Volkswirtschaft inzwischen vorliegen.

Im Einzelhandel beispielsweise erreichte die Dynamik im vergangenen Jahr fünf Prozent, mit steigender Tendenz in der zweiten Jahreshälfte. Dieser Aufschwung setzte sich zu Jahresbeginn eindeutig fort, mit Monatszahlen zwischen sechseinhalb und achteinhalb Prozent.

Das Baugewerbe hatte 2017 einen Rekordzuwachs um 30 Prozent hingelegt. Im Mittel der ersten beiden Monate wurde aber selbst diese imposante Zahl nochmals übertroffen, bevor im März eine Bruchlandung folgte. Die Leistung im Hochbau stagnierte, gegenüber dem Februar fiel das Bauvolumen bereinigt um ein Zehntel zurück. Freilich hatte daran hauptsächlich das Wetter schuld: Auf einen überwiegend frostfreien Februar folgte nämlich ein März, der laut Meteorologischem Dienst um mehr als fünf Grad Celsius kälter ausfiel, als vor einem Jahr. Das erklärt zusammen mit den zwei fehlenden Arbeitstagen einen Gutteil der Pleite, skeptischere Beobachter sehen aber noch schwerwiegendere Ursachen. Demnach stößt die Baubranche, die zu Zeiten der Krise mehrere 10.000 Stellen abbaute, derzeit an ihre Grenzen, die Kapazitäten sind erschöpft, es fehlt an technischen Fachleuten und Handwerkern. Projekte verzögern sich oder werden gleich ganz auf Eis gelegt, Ausschreibungen bleiben ohne Bieter.

Ähnlich wie auf dem Bau entwickelte sich die Fieberkurve der Industrie. Diese hatte ihren Ausstoß 2017 gegenüber dem Vorjahr noch um knapp fünf Prozent mehren können und damit das vorjährige Wachstum erheblich zu prägen gewusst. In den Januar startete die Industrie aber noch stärker, und auch wenn die Dynamik im Februar zurückfiel, ergab sich nach zwei Monaten weiterhin ein stolzes Plus. Der kalte März hinterließ aber auch in der Industrie seine Spuren, deren Leistung um zweieinhalb Prozent abstürzte, weil die Mehrheit der Industriezweige unter den – zweifellos beeindruckenden – Vorjahreswerten blieb. In den kommenden Monaten muss sich zeigen, ob die Verkaufsdellen auf den Außenmärkten nur vorübergehender Natur waren. Eine große Herausforderung für die Industrie lautet, aus der Not des Fachkräftemangels endlich eine Tugend zu machen, ergo der Produktivität auf die Sprünge zu verhelfen.

Dann wird auf stur geschaltet

Das ungarische Quartalswachstum lag gleich dreimal so hoch wie die durchschnittliche Wachstumszahl der Europäischen Union, die im I. Quartal auf 0,4 Prozent zurückfiel. Das mag die einheimischen Wirtschaftspolitiker im Moment mit Stolz erfüllen, erhöht jedoch das Risiko einer Konjunkturflaute im wichtigsten Aufnahmemarkt ungarischer Güter. Noch sehen Analysten hierzulande die positiven Risiken in der Überzahl, dabei wird der Forint gerade kräftig in die Mangel genommen. Seit Jahresbeginn hat die einheimische Währung gegenüber dem Euro rund zweieinhalb Prozent verloren, was jedoch im regionalen Maßstab noch keine Größe darstellt.

Bislang hat der Forint seine relative Stärke dem beeindruckenden Überschuss in der Zahlungsbilanz zu verdanken, der nach 2020 ein Ende finden könnte. Der Leitzins von 0,9 Prozent steht heute in der Region zwar nicht für die lockerste monetäre Politik, könnte aber bald zum Synonym eines übertriebenen Optimismus der Ungarischen Nationalbank werden, wenn die Notenbanken im näheren und weiteren Umfeld die Zinsen angepasst an die steigende Inflation anheben, Budapest aber auf stur schaltet. Auf die Stimmung der Investoren und letztlich selbst der Verbraucher könnte durchschlagen, wenn die Orbán-Regierung bei den anstehenden Verhandlungen in Brüssel ihren daheim vehement zur Schau gestellten Standpunkt nicht wird durchsetzen können. Sehr schnell gewinnen dort die Themen des mehrjährigen Finanzrahmens nach 2020 und der Migrationskosten an Aktualität. Dann heißt es aber auch in Budapest: Willkommen in der Realität.

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