Das ist allerdings auch selbstverständlich, schließlich hat das Felcsúter Phänomen – das ohnehin ein Meister unvergesslicher Bonmots ist – selbst kundgetan, er sei klüger als der Inhaber von Facebook. Auch an Amazon-Gründer Jeff Bezos zieht er mit rund viereinhalbfacher Geschwindigkeit vorbei. Bill Gates oder Warren Buffett kommen nicht mal in die Nähe des Gasmonteurs der Nation. Und Soros ... der lacht am Ende nicht mehr mit dem negativen Vorzeichen bei seinem Vermögenswachstum.

Man findet wahrlich keine Worte für diese Leistung, die ihresgleichen sucht.

Um aber nicht nur Beispiele aus dem entwurzelten, dekadenten Westen zu bringen – schließlich kann sich auch die südliche ungarische Heldenhaftigkeit sehen lassen. Dafür müssen wir nur auf eine Simulation verweisen, welche die Bereicherung des Phänomens von Felcsút mit den Vermögen der Elite der Horthy-Ära vergleicht. Diese Zeit stilisieren die heutigen Herren mit Status ja eh zum ehrwürdigen, goldenen Zeitalter hoch.

Die Zeitschrift Rubicon erstellte vor wenigen Jahren eine fiktive Liste der reichsten Ungarn im Jahr 1935. Deren Ränge bevölkerten echte Nobelmänner: Graf László Károly mit 15,2 Millionen Pengő, Graf Sándor Festetics mit 13,5 Millionen Pengő, Erbprinz József von Habsburg mit 10,5 Millionen Pengő Vermögen. Verschiedene innovative Volkswirte, die auf unterschiedliche Herangehensweisen schwören, haben diese Vermögen unter Berücksichtigung der Wertanpassung mit dem heutigen Vermögen des Geschäftsgenies aus Felcsút verglichen. Egal mit welcher Herangehensweise – in allen Vergleichen stellte sich heraus: Die leuchtende Flamme des Geistes aus Felcsút steckt die gesamte Horthy-Elite in die Tasche.

Nur mit Bewunderung und Anerkennung in der Stimme können wir über dieses ungarische Wunder sprechen, darüber, dass der Beethoven des Business binnen eines Jahres um 160 Milliarden Forint reicher geworden ist. Huh, was da wohl noch kommen wird, wenn sich diese Tendenz exponentiell fortsetzt? Viele schätzen: Bis 2024 wird Lőrinc Mészáros der reichste Mann der Welt. Noch dazu plant Viktor Orbán bis 2030, bis dahin wird der Felcsúter Magier ganz Europa aufgekauft, einen Bissen von Amerika genommen und sich an China gelabt haben. Und die Sorgen der Welt werden bald gelöst sein.

Also ja, ein Hungarikum. Und der Wirtschaftsnobelpreis. Mindestens.

Ich, der es bis zum stellvertretenden Funktionärsstellvertreter gebracht habe, weiß genau, dass die beispielhaften Erfolgsmenschen dauernd Ziel von gemeinen Sabotageversuchen sind. So wie nun vonseiten der Opposition. Anstatt auf unseren großen gemeinsamen Erfolg stolz zu sein, auf unseren Freund Lőrinc, hinterfragt sie eifersüchtig die Früchte seiner Arbeit, denn laut ihr sind diese nur das Ergebnis ungeheuerlicher Korruption. Dies ist, mit Verlaub, bloße Verleumdung, und hiermit nun auch widerlegt.

Oder sie behaupten, dass die rühmliche Bereicherung auf Weltniveau nur deswegen zustande kommen konnte, weil das Juwel Felcsúts, der Herr Ministerpräsident, sein Freund ist. Immerhin hat Lőrinc ja selbst zugegeben, dass er seinen großen Erfolg „Gott, Glück und der Hilfe von Viktor Orbán” zu verdanken hat. (Wobei nicht klar ist, warum zwischen Gott und Viktor Orbán überhaupt ein Unterschied gemacht werden muss.) Vielleicht liegt hier das Problem. Nur weil der Herr Ministerpräsident Freunde hat, muss diese doch nicht gleich der Fluch der Benachteiligung treffen! Wenn die gegnerischen Fans, die noch nicht einmal ein Stadion bauen können, doch lieber die beispielhafte Sorge anerkennen würden, mit der der in die Höhe geschnellte Mann für die engere Sippschaft sorgt. Er lässt sie nicht am Wegesrand stehen. Was sonst wäre dies, als die Wärme der Christdemokratie.

Es wird unseren Erfolgsmenschen von Weltrang auch oft vorgeworfen, dass sie die Unionsgelder stehlen und mit überhöhten Preisen bei staatlichen Aufträgen die gemeinsame Kasse plündern. Dabei ist es so hell einleuchtend wie eine Elios-Lampe, dass es den jammernden Oppositionellen nur wehtut, dass endlich die ungarischen Bürger in Stellung gebracht werden und nicht nur der Profit der Multis gemehrt wird. Wäre es diesen Heimatlosen denn lieber, wenn wir Brüssels Taschen füllen und das Geld der Ungarn an Soros geben würden? Denen bedeuten die Interessen der ungarischen Bürger nichts, sie dienen stets nur dem Ausland. Und die Unionsgelder, ja, was kümmert’s denn die Opposition?

Warum können wir uns nicht gemeinsam freuen, dass wir den untergehenden Westen so gerissen austricksen und ihn mitten im Freiheitskampf unorthodox über den Tisch ziehen? Und wenn’s nicht gefällt, dann verlängern wir die Felcsúter Kleinbahn eben bis nach Brüssel!



Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 13. Mai auf dem Onlineportal des linksliberalen Wochenmagazins 168 óra.

Aus dem Ungarischen von EKG

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