Noch bevor sich Presse und Beobachter in Vermutungen und Spekulationen ergehen konnten, brachte Jobbik-Pressesprecher Péter Jakab nach Vonas Abtreten erstes Licht ins Dunkel. Er bekräftigte, dass bereits in der Satzung der Jobbik festgehalten sei, dass die Partei sich berufen sieht, die gesamte ungarische Bevölkerung zu vertreten. Dementsprechend sei also auch die Frage nach der Ausrichtung als Volkspartei beantwortet.

Ganz so eindeutig schien die Richtungsfrage jedoch nicht. In den letzten Wochen schien ein Machtkampf in der ehemals rechtsradikalen Partei entbrannt zu sein. Mit László Toroczkai, Bürgermeister von Ásotthalom, war erneut ein rechter Hardliner ins Rennen um das Amt des Parteivorsitzenden gegangen. Und seine Chancen standen nicht einmal schlecht: Toroczkai war bereits stellvertretender Parteivorsitzender und ist ein lautstarker Vertreter derer, die den Wandel hin zu einer zahmen Volkspartei schon länger kritisch betrachten.

Knappes Ergebnis

Am vergangenen Samstag kam die Jobbik nun also zum Parteitag zusammen. Die Vorstandswahl war gleichzeitig auch eine Richtungswahl, die die parteiinternen Auseinandersetzungen darüber, ob die Jobbik zu ihren radikalen Wurzeln zurückkehren oder ihren Kurs auf dem Pfad der Mäßigung fortsetzen soll, beenden sollte. Vertreten wurde erstere Linie von den Kandidaten László Toroczkai und Dóra Dúró, wobei Toroczkai als Vorstand, Dúró als stellvertretende Vorsitzende antrat. Den Willen, „das Erbe Gábor Vonas” und damit den Mäßigungskurs der Partei fortzusetzen, bekundeten Tamás Sneider und Márton Gyöngyösi.

Dass die führenden Köpfe der Partei den Mäßigungskurs präferierten, war ebenfalls im Vorfeld bekannt. Gábor Szabó, einflussreicher Parteisekretär, machte nie einen Hehl daraus, den weiteren Weg der Jobbik in Richtung Mitte zu sehen.

Mit 54 zu 46 Prozent setzte sich das gemäßigte Duo dann am Samstag letztlich auch durch. Nicht alle waren mit dem Ergebnis zufrieden. Während Pressesprecher Ádam Mirkóczki am Samstag vor der Presse stand, um über die hinter verschlossenen Türen stattfindenden Geschehnisse auf dem Parteitag zu berichten, verließ ein Jobbik-Gesandter mit enttäuschtem Gesicht den Saal und warf seinen Mitgliedsausweis theatralisch zu Boden.

Steht eine Spaltung bevor?

Dass das Ergebnis so knapp ausfiel, überraschte viele, vor allem, wenn man das Ergebnis mit einer internen Umfrage nur wenige Tage vor dem Parteitag vergleicht. Da sprachen sich noch eindeutige 70 Prozent für den gemäßigten Sneider aus. Woher der plötzliche Sinneswandel kommt, ist unklar. Auch das Nachrichtenportal index.hu zitiert Jobbik-Abgeordnete, die das Wahlergebnis des Parteitages mit „das war knapp” kommentierten. Eine Spaltung der Partei ist nicht vollkommen ausgeschlossen. Tamás Sneider hat zwar durchaus Erfahrungen am radikalen Rand, war er doch einst Anführer einer Skinhead-Gruppierung, doch seine Stahlkappenstiefel hat der 45-jährige Politiker schon lange gegen Krawatte und Anzug eingetauscht.

Als neuer Vorsitzender der Partei wird er sich nun bemühen müssen, die Parallelen zwischen seiner persönlichen und der Geschichte der Partei zu nutzen, um eine Abspaltung des radikalen Flügels zu verhindern. Dies wird sicher nicht ohne Zugeständnisse an den rechten Rand möglich sein. Die Frage ist nur, inwieweit sich dieser rechte Rand von der ohnehin nach rechts verschobenen politischen Mitte entfernt hat.

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