Und wieder einmal macht ein Aufruf die Runde, gegen die Digitalisierung und ihre vermeintlich große Gefahr für Aufklärung und Demokratie, gefolgt von dem üblichen Appell an die Pädagogen, doch endlich der Bedrohung durch Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren, entgegenzutreten. Im Mittelpunkt der Warnung: die Fake News, die angeblich erst seit Einführung der digitalen Medien existieren und eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die denkende Menschheit darstellten. Der im Internet surfende Bürger, so hören und lesen wir, könne bei diesem bunten Gemisch an Meinungen nicht mehr zwischen „wahr“ und „falsch“ unterscheiden. Gar nicht zu sprechen von den vielen Hasskommentaren, die man Gott sei Dank seit kurzem auf Facebook löschen darf. „Desinformation, die Pest der digitalisierten Medien“, so lautete der Titel des Vortrags in der Andrassy Universität Budapest.

Internetinformationen unter Generalverdacht

Als Philosophielehrerin wird es mir beim Lesen solch gewagter Denkansätze jedoch mulmig. Sicher ist es wichtig, auf bestimmte Gefahren der Internetnutzung hinzuweisen. Die Nutzer sollten sich darüber im Klaren sein, was beim intellektuellen Austausch in offenen Netzwerken alles passieren kann. Die Prämisse aber, dass wir nur noch lesen dürften, was „stimme‘“, ist mehr als bedenklich, denn sie reduziert die Vielzahl an Wahrheiten, die immer an spezifische Interessen gebunden sind, auf vermeintlich eine absolute Wahrheit. Noch viel bedenklicher ist schließlich auch die Forderung von Ruß-Mohl, dass Lehrer nur das kritische Hinterfragen von Informationen aus dem Internet fördern sollen. Warum sollen sie denn nicht die Hinterfragung aller Informationen fördern?

Jede Information ist an ein bestimmtes Interesse gebunden. Spricht ein Politiker etwa von der Integrationsfӓhigkeit von Migranten, dann weil ihm daran gelegen ist, dass diese sich integrieren. Berichten verärgerte Bürger über Belӓstigungen von Frauen durch Migranten, dann eben weil sie nicht damit einverstanden sind, dass über ihre Köpfe hinweg die Landesgrenzen einfach geöffnet wurden und weil sie beobachten, was um sie herum geschieht. Weder dem Politiker noch dem Bürger wird man sagen dürfen, ihre Aussagen würden „nicht stimmen“. Das gleiche gilt für Halbwahrheiten oder Verschwörungstheorien, die nicht immer nur absurd sind, denn selbst Halbwahrheiten sagen etwas aus und Verschwörungen hat es im Laufe der Menschheitsgeschichte schließlich auch genug gegeben.

Sie alle sind Teil ein und derselben Streitkultur, die nicht unterdrückt werden sollte, die ausdebattieren darf, was wer wo und wie denkt. Wollen unsere etablierten Demokratien weiterbestehen muss der Grundsatz Der Geist dient frei – „Szabadon szolgál a szellem" gelten, der auch heute noch über den Eingangstoren des berühmten Budapester Eötvös Kollegiums steht. Die Auseinandersetzung mit fremdem und selbst mit skurrilem Denken darf nicht unterbunden oder gar verboten werden. Eine solche Auseinandersetzung hat immer existiert, heute findet sie vornehmlich über das Internet statt und sie ist globaler.

Zudem werden selbst in den öffentlich-rechtlichen Sendern genügend Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten durch den Äther geblasen. Es reicht, sich diesbezüglich die fast hysterische anmutende Ungarn-Berichterstattung in den Medien der Schweiz, Frankreichs und Deutschlands vor Augen zu führen. Wie oft berichten diese, dass sich in Ungarn ein faschistoider Diktator namens Viktor Orban etabliert habe und sich mit Polen und anderen MOE Ländern gerade gegen die EU verschwöre. Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien treten hin- und wieder auch bei Berichterstattungen über die USA oder über Israel zu Tage. In den großen Medien wird also bereits genügend Fake produziert und darum ist es durchaus nachvollziehbar, dass das Vertrauen der Menschen in alles etablierte und öffentlich-rechtliche schwindet. Was dort als „Fakt“ angeboten wird, ist oftmals nichts anderes als Meinung.

Die eigentliche Gefahr für Denkfreiheit und Demokratie

Der Begriff Fakt kommt aus dem lateinischen „facere“ und bedeutet „tun“. Ein Fakt beschreibt, was jemand nachweislich getan hat oder was getan worden ist. Zur Erklärung von politischen oder sonstigen gesellschaftlichen Zusammenhängen benötigt man jedoch mehr als nur „Fakten“. Man braucht Hintergrundwissen, Quellenkritik und den Willen, die Vertreter aller Interessensgruppen sprechen zu lassen. Dieser Auftrag aber wird in den großen Medien schon lange nicht mehr wahrgenommen, denn es gilt der Grundsatz: man darf die Masse der Zuschauer, der Leser oder der Zuhörer intellektuell nicht überfordern. Und so bekommen diese eben tatsächlich nur Fakten und dazu eine Überdosis an Meinung präsentiert.

Wer anders denkt, ist der Feind. Wirkliche Kontroversen sind in diesen Medien nicht mehr zu erwarten. Die Politiker schwätzen an den Problemen vorbei, die politischen Talkrunden werden von ehemaligen Sportjournalisten geleitet, zu denen Maybritt Illner ebenso gehört, wie Günter Jauch, Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner. Was zählt, ist die Quote, der Beifall belohnt die Ansichten, die am besten gefallen und beeinflusst so auf bequeme Weise die Zuschauer. Journalisten sind schon seit geraumer Zeit keine Intellektuellen mehr, sondern Entertainer, genau wie die Lehrer. Hierin und nicht in den digitalen Medien liegt die eigentliche Gefahr für Denkfreiheit und Demokratie.

Doch wie konnte es dazu kommen? Unsere Kultur ist logozentrisch, ihre Geistesgeschichte ist die Geschichte des Rationalismus und seit der Öffnung Mittel-und Osteuropas und dem Sieg des Wirtschaftsliberalismus auch die Geschichte der Rationalisierung. Von Anfang an bedeutete das: „Allgemeinheit“ statt Besonderheit, Regelhaftigkeit und Berechenbarkeit statt Zufall, Bevorzugung von Ordnung, Stabilität und Misstrauen gegenüber allem, das sich einer gewissen Kontrolle entzieht. Unter dem schönen Wort „Aufklärung“ sollte die Vernunft über die Naturgewalten siegen und damit auch über die Gewalt des Menschen gegen den Menschen. Doch schon Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben in ihrer berühmten Schrift „Dialektik der Aufklärung“ davor gewarnt, dass sich hinter dem wachsenden Rationalismus die trügerische Hoffnung verbirgt, dass die Vermehrung der rationalen Macht langfristig vor allem dem Selbsterhalt der herrschenden Eliten dient.

Die Herrschaft der Zahlen

Diese Eliten haben nun Anfang des neuen Jahrtausends begonnen, auch alles Kulturelle und Intellektuelle zu rationalisieren und sogenannten Quoten zu unterwerfen. Das Ultimum der rationalen Vernunft ist bekanntlich die Zahl. Sie beherrscht heute nahezu alles, vor allem das Beurteilen von Qualität: die Sendequoten, die Verkaufsquoten von Bestsellern, die Beliebtheitsquoten von Politikern, Professoren und Universitäten. Eine Quote zeigt jedoch nur, was gefällt und das ist nicht unbedingt immer das qualitativ Beste.

Durch sie wird jedoch der Grundstein für eine konformistische Gesellschaft gelegt. Gesendet wird, was die Quote als „gut“ präsentiert, geschrieben wird, was die „Quoten“ steigen lässt, gesagt wird, was nicht zu viele Konflikte provoziert, sondern viel Beifall erheischt. Und so rutschen wir immer tiefer in eine extrem langweilige, eintönige, weil nicht wirklich kontroverse Medienkultur, aus der die Menschen eben gerne ausbrechen – hinein ins Facebook, wo sie seitenweise frei denken und debattieren dürfen oder sich gegenseitig Artikel empfehlen können; hinein in die Foren, in denen sie sich über Einrichtungen oder Krankheiten informieren können; hinein ins Youtube, dort gibt es unglaublich viele Sendungen, die die seltsamsten Entdeckungen zur Diskussion stellen. Ja, warum denn eigentlich nicht?

Nun, es ist ganz einfach: eben weil die Mächtigen vor diesem unkontrollierbaren intellektuellen Wildwuchs Angst haben. Insofern ist die digitale Welt genau das Gegenteil dessen, was man ihr vorwirft: Sie ist keine Gefahr für Demokratie, denn Demokratie ist Vielfalt. Und Vielfalt findet man vor allem übers Internet. Es ist eine extrem pluralistische und geistig grenzenlose Welt, in der sich das Individuum vollkommen frei bewegen kann. Noch! Denn ihre Feinde haben sich schon zum Kampf gerüstet. Der Angriff auf Facebook wegen angeblichen Datenmissbrauchs und Haßpropa-ganda ist in Wirklichkeit ein Angriff gegen diesen freien Austausch von Ideen.

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