Gerüchten zufolge erklärte Viktor Orbán im Frühjahr 2015 in einem nicht öffentlichen Gespräch, warum Ungarn unter der Fidesz-KDNP-Regierung keine weiblichen Minister hat. Demnach beruhe die ungarische Politik grundlegend auf fortlaufendem Rufmord, der brutale Situationen schaffe, mit denen Frauen einfach nicht umgehen können.

Aber ein paar mutigerer Frauen bedürfe es dann doch, denkt er. Wobei man nicht vergessen sollte, was die „arme Mónika Lamperth” damals alles „abbekommen hat” (Lamperth war unter den Sozialisten sowohl Innen- als auch für die Komitate zuständige Ministerin). Der Premier dachte leider auch nicht an Frau Lászlóné Németh, die zwischen 2011 und 2014 Entwicklungsministerin im zweiten Orbán-Kabinett war. Er dachte nicht an all das, was sie so abbekommen hatte ...

Es scheint jedoch, als seien diese brutalen Zeiten nun vorbei, denn anders als in der vorangegangenen Legislaturperiode schlug Orbán nun auch eine Frau als Ministerin (ohne Geschäftsbereich, zuständig für das Nationalvermögen) vor.

Seien wir ehrlich: Es ist ziemlich traurig, dass heute, da die ungarische Regierung veröffentlicht hat, mit welchen Ministern sie die kommenden vier Jahre arbeiten wird, wir dies als positives Ergebnis verbuchen.

Nur 10 Prozent Frauen im Parlament

Andrea Bártfai-Mager hübscht zwar die Statistik auf – bisher landet Ungarn im internationalen Vergleich stets auf den hintersten Plätzen, wenn es um weibliche Politiker, aber vor allem Minister geht. Doch wir sind noch immer Lichtjahre von der Gleichberechtigung der Geschlechter (auch) in der Politik entfernt. Momentan steht Ungarn mit einem Anteil von 10,1 Prozent Frauen im 199 Abgeordnete fassenden Parlament auf Platz 158 der Interparlamentarischen Union (IPU) (auf dem ersten Platz ist übrigens Ruanda, wo 63 Prozent der Abgeordneten weiblich sind).

Das ist bedauerlich, aber keinesfalls überraschend. Was könnte dies noch klarer machen, als dass der ungarische Ministerpräsident aus Anlass des Frauentages direkt in die Küche des Parlaments geht, um dort aufs Weibsvolk anzustoßen, dem er ein paar Blumen überreichen kann. Woanders im Parlament nach Frauen zu suchen, kam ihm gar nicht in den Sinn. Es ist aber auch ein verdammt großes Gebäude...

Na gut, etwas anderes können wir auch nicht wirklich von einem Ministerpräsidenten erwarten, der sich nach eigenen Aussagen nicht mit Frauenangelegenheiten beschäftigt (damals war die Rede von Réka Szemerkényi, der ungarischen Botschafterin in Washington). Der glaubt, Frauen würden von Männern sogar mehr respektiert, als ihnen eigentlich zustünde und der erst vor Kurzem behauptete: „Die gesamte europäische Kultur baut darauf auf, dass – auch wenn wir Männer da sicherlich nicht fehlerfrei sind – wir die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen anerkennen.”

Ach ja, und der als ersten Schritt in Sachen demographisch repräsentativer Regierung plant, einen Gesellschaftsvertrag mit den ungarischen Frauen abzuschließen – um deren Gebärfreudigkeit im Interesse der Zukunft Ungarns zu steigern. Das liege ja eindeutig in der Verantwortung der Frauen, es sei ihre Aufgabe, der Druck muss auf ihnen abgeladen werden, auf niemanden sonst (es hebe ruhig die Hand, wer mit dem Ministerpräsidenten einen Faustschen Pakt übers Kinderkriegen schließen will!).

Bis dahin hoffen wir einfach gemeinsam, dass es Andrea Bártfai-Mager besser ergehen wird als der „armen Mónika Lamperth” – was auch immer das bedeuten mag.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 27. April auf dem regierungskritischen Online-Nachrichtenportal merce.hu.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

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