Eine alte Waage, kleine Gewichte und ein Mörser stehen auf einer alten Verkaufsfläche. Im Regal dahinter befinden sich beschriftete Gefäße. Hier steht die Rekonstruktion einer Apotheke aus dem 18. Jahrhundert, einzelne Details sind sogar original: An der Wand hängt ein Diplom, mit dem ein Apotheker vor über hundert Jahren von seiner Universität ausgezeichnet wurde. Die Deckenbemalung mit religiösen Motiven über der Verkaufsfläche stammt ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert.

Der Apothekennachbau steht im ersten der vier Räume des Apothekenmuseums „Arany Sas“. Er lädt dazu ein, nachzuempfinden, wie ein Besuch beim Apotheker vor hundertfünfzig Jahren aussah. Das kleine Museum, das sich im Burgviertel in der Nähe der Matthiaskirche befindet, stellt Gefäße, Werkzeuge, Rezepte und andere Gegenstände aus der Arzneigeschichte vor. Neben einer Nachbildung der alten Apotheke befindet sich hier auch die Rekonstruktion eines Alchemistenlabors, wie es im 15. oder 16. Jahrhundert hätte aussehen können.

Eine Apotheke aus dem 18. Jahrhundert in einem Gebäude aus der Renaissance

Letzteres erinnert ein bisschen an einen Harry-Potter-Film, sodass für manch jungen Besucher dieser Anblick vielleicht das Highlight des Museumsbesuchs darstellen könnte. Doch das sei nicht der Grund für den Nachbau, sagt Magdolna Terray, die durch die Räumlichkeiten führt. „Wir nehmen an, dass hier früher tatsächlich Alchemisten gearbeitet haben.“

Sicher ist auf jeden Fall, dass in diese Räume Mitte des 18. Jahrhunderts eine Apotheke einzog. Ihr Name: „Arany Sas“ – auf Deutsch: „Goldener Adler“. Die Deckenbemalung, verschiedene Fundstücke und Dokumente zeugen davon, dass hier bis zum Ersten Weltkrieg Arzneimittel hergestellt und verkauft wurden.

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Das Gebäude stand an dieser Stelle bereits im 15. Jahrhundert, als sich das Osmanische Reich bis nach Ungarn erstreckte. „Ein Großteil der Architektur ist aus der Renaissance“, erklärt Terray. In der Wand befinden sich noch die Nischen, in die man früher Lampen stellte. Dass sich zur Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts in den Räumlichkeiten ein Geschäft befand, beweist unter anderem ein kleines Fenster zwischen den Hinterräumen und dem Ladenbereich – beziehungsweise zwischen heutigem Vorderraum des Museums und dem Nachbau des Alchemistenlabors. Dass sich das Fenster sowie die Wandnischen auf Schienbein-Höhe befinden, lässt sich dadurch erklären, dass der Boden seitdem stark erhöht wurde. Die Annahme, dass der Laden ursprünglich einem Alchemisten gehört habe, sei aber bloß eine Vermutung, erklärt Terray der Budapester Zeitung.

Gewissermaßen passend ist ein Alchemistenlabor im Apothekenmuseum durchaus, hat die Alchemie doch die Grundlagen der Chemie und damit auch der Pharmazie gelegt. Egal, ob sich hier tatsächlich einmal ein Alchemistenlabor befand oder, ob das Labor eher für den Unterhaltungswert rekonstruiert wurde: Eindrucksvoll ist das Zimmer mit der ausgestopften Fledermaus und dem Krokodil an der Decke allemal. „Viele Menschen konnten früher nicht lesen“, erklärt Terray, „daher hängte man zum Beispiel Krokodile vor den Laden, damit die Leute sehen konnten, dass sich hier ein Alchemist befand.“ Auch Fledermäuse seien eine der „Zutaten“ gewesen, mit der man damals versuchte, unter anderem ein Mittel für das ewige Leben herzustellen. Auch Gold versuchten die obskuren Wissenschaftler damals herzustellen.

Fundstücke der Arzneiherstellung aus ganz Ungarn

Neben den zwei Rekonstruktionen lassen sich in den Vitrinen des Museums jede Menge Gegenstände betrachten, die auf die eine oder andere Art im Zusammenhang mit der Arzneiherstellung stehen. Unter anderem ein Rezept aus dem 18. Jahrhundert ist hier ausgestellt, man kann aber auch jede Menge Töpfe und andere alte Gefäße betrachten. Terray verweist auf die Gefäße aus Habaner Keramik, welche von der verfolgten religiösen Gemeinde der Hutterer hergestellt wurde.

Auch ein aufwendig bemalter Weinbehälter ist zu sehen – eine blutdrucksenkende Wirkung wurde dem Wein schon früher zugesprochen –, sowie ein reichlich verzierter Tabakbehälter – Tabak sollte unter anderem bei Wurmbefall helfen. In den Vitrinen sind Gegenstände und Werkzeuge aus der Renaissance, und sogar aus der Zeit der Römer und der Kelten ausgestellt. Letztere sind jedoch noch nicht einmal die ältesten Ausstellungsstücke, erklärt Terray. Denn das sei ein alter Mumienkopf, der aus der Zeit der Pharaonen stamme. „Man hielt Mumienpulver lange für Medizin. Obwohl diese Annahme auf einem Missverständnis beruht, war das Pulver lange Zeit so gefragt, dass man begann, falsche Mumien zu verkaufen“, erläutert Terray. „Diese hier ist allerdings echt.“

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In einer anderen Vitrine befindet sich ein Papier mit Zeichnungen. „Ein Mondkalender“, so Terray. „Man sprach dem Mond Einfluss auf die Zubereitung von Medikamenten zu.“ Neben Zutaten wie Ingwer oder Muskatnüssen hätten Apotheker auch Tollkirschen für ihre Arzneien verwendet. „Im Mittelalter verwendeten Frauen beispielsweise Augentropfen aus Tollkirsche. Dadurch wurden die Pupillen erweitert, was damals als schön galt. Langfristig war das aber giftig. Viele Frauen wurden davon blind.“

Führungen empfohlen

Das Apothekenmuseum gehört zum Budapester Semmelweis-Museum, welches sich mit Medizingeschichte im Allgemeinen befasst. Der Besuch lohnt sich für alle, die an der Geschichte der Arzneimittelherstellung interessiert sind. Wer die zahlreichen Informationstafeln auf Ungarisch nicht versteht, dem hilft vielleicht eine der kleinen Broschüren, die unter anderem auf Englisch kostenlos an der Kasse ausliegen. Für genauere Erläuterungen zu den Ausstellungsstücken und den Räumlichkeiten werden außerdem für einen geringen Aufpreis informative Führungen angeboten.


Apothekenmuseum „Arany Sas“

Budapest, I. Bezirk, Tárnok utca 18

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Eintritt: 800 Forint pro Person, Führungen für bis zu neun Personen zusammen 1.000 Forint

Voranmeldung unter (+36-1) 212-5421 und (+36-1) 212-5368 oder orvostortenet@t-online.hu

Weitere Informationen finden Sie auf semmelweismuseum.hu

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