Das Zentralamt für Statistik (KSH) hat die am einheimischen Arbeitsmarkt vor sich gehenden Prozesse für das Jahr 2017 umfassend aufgearbeitet. Dabei fällt eine Tendenz besonders ins Auge: Seit Jahren nimmt die Beschäftigung zu, bei gleichzeitig abnehmender Dynamik. Im vergangenen Jahr befanden sich erstmals mehr als 4,4 Millionen Ungarn zwischen 15 und 74 Jahren in bezahlten Arbeitsverhältnissen, wieder 1,6 Prozent mehr, als noch 2016. Quartalsweise aufgeschlüsselt lag der Zuwachs jeweils zum Vorjahr im ersten Quartal aber noch bei 2,5 Prozent, hielt sich im zweiten und dritten Quartal mit 1,8 beziehungsweise 1,4 Prozent nahe am Mittelwert und fiel zum Jahresende auf 0,8 Prozent zurück. Die binnen eines Jahres gedrittelte Wachstumsdynamik entspricht einer harten Bremsung, deren Ursache vom KSH beim Namen genannt wird: Dem Land gehen nämlich die Arbeitskraftreserven aus.

Garnitur komplett ausgewechselt

Viele Unternehmen haben den Ernst der Lage weiterhin nicht begriffen. Das Fachportal profession.hu zählte im ersten Quartal 2018, also ganz frisch, ein Sechstel mehr aufgegebene Stellenanzeigen. Diese verteilen sich weiterhin gleichermaßen, mit anderen Worten suchen nun auch ein Sechstel mehr Arbeitgeber als bisher nach Arbeitskräften. In der Masse werden vor allem Facharbeiter und angelernte Mitarbeiter nachgefragt. Was aber neu sein dürfte für die begierigen Unternehmen, ist die deutlich zurückhaltendere Reaktion der potenziellen Arbeitnehmer auf ihre Offerten.

Dabei könnten sich so manche Arbeitgeber Gedanken machen, noch bevor sie wertvolle Arbeitskräfte verlieren. Die seit der Jahrtausendwende weitgehend stabile Fluktuation von 10-12 Prozent hat sich nämlich binnen drei Jahren nahezu verdreifacht und erreicht mittlerweile auf Jahresebene 30 Prozent! Die Streuung hinter diesem Durchschnittswert nimmt dabei drastische Ausmaße an, denn es gibt tatsächlich Firmen, die jedes Jahr die komplette Garnitur auswechseln, während andere die Abwanderungsquote auch in dermaßen rauen Zeiten im einstelligen Bereich zu halten verstehen.

Wo eine negative Spirale droht

Gerade in den einfacheren Arbeitsbereichen befindet sich derzeit das halbe Land auf Wanderschaft. Die Personalberatungsfirma HR-Evolution weiß auch, warum. Viele Firmen versprechen den Stellenbewerbern Dinge, die sie dann nicht einhalten können oder gar nicht einhalten wollen. Das Paradies auf Erden zu versprechen, macht schon allein deshalb nicht viel Sinn, wenn den Neuen alsbald frustrierte, gestresste Mitarbeiter über den Weg laufen und ein verspanntes Klima am Arbeitsort herrscht.

Eine repräsentative Umfrage unter mehreren tausend Mitarbeitern des Handels erbrachte, dass mehr als die Hälfte von ihnen den wenig humanen Umgang, den sogenannte Führungskräfte mit ihren unterstellten Mitarbeitern pflegen, sowie die schlechten allgemeinen Arbeitsbedingungen als Hauptgrund für Kündigungen angeben. Gleich für zwei von drei Befragten ist eine gute Atmosphäre wichtiger als die Vergütung. Das ist so zu verstehen, dass die Menschen nicht bereit sind, die Sicherheit ihres bewährten Arbeitsplatzes gegen höher bezahlte Jobs einzutauschen, sofern der Lohn ausreicht, um einen gewissen Grundstandard zu wahren.

Bei HR-Evolution spricht man bereits von Erscheinungen einer Hyper-Fluktuation. Im Falle eines Produktionsunternehmens mit 300 Mitarbeitern generiert jedes einzelne Fluktuationsprozent Mehrkosten von 2 Mio. Forint im Jahr, die oberhalb von 40 Prozent bis auf 3 Mio. Forint zunehmen können. Das sind aber nur die direkten Kosten, während Fluktuation obendrein gegen Effizienz wirkt, die Mitarbeiter schneller ausbrennen und eine negative Spirale in Gang gesetzt wird.

Unternehmen sollten sich nicht wundern über demotivierte Mitarbeiter, wenn sie in ihrer Branche und im näheren Umfeld unterm Durchschnitt zahlen. Informationen fließen heute schneller denn je; solche Unternehmen müssen damit vorlieb nehmen, was übrigbleibt. Geographisch betrachtet dehnt sich der Begriff des Umfeldes wegen des akuten Arbeitskräftemangels derweil zunehmend aus. Wenn die Konkurrenz Unterkünfte anbietet, macht dies im wahrsten Sinne des Wortes mobil. Die Arbeitnehmer interessieren ihre Nettoeinkünfte, also einschließlich Cafeteria-Leistungen und Prämien, die nicht nur auf dem Papier existieren, sowie Extras wie Wohngeld.

Wider schlechtes Marketing

Die Beschäftigungsquote ist in Ungarn im Kreis der 15-64-Jährigen auf über 68 Prozent geklettert. Im Vergleich zu 2010 bedeutet dies eine Verbesserung um mehr als 13 Prozentpunkte, und selbst noch um den Effekt der abnehmenden Bevölkerungszahl bereinigt ergibt sich ein Plus von zehn Prozentpunkten. Was sich für die Lenker der Wirtschaftspolitik als Erfolgsmeldung liest, ist für Unternehmenslenker eine Hiobsbotschaft. Den Firmen gehen die Arbeitskräfte aus, weil sich – gepuscht durch das nachhaltige Wirtschaftswachstum – immer mehr Konkurrenten am Markt tummeln, die einem die potenziellen Mitarbeiter vor der Nase wegschnappen, und weil parallel zu dieser Entwicklung immer weniger Mitarbeiter „nachwachsen“.

Hinzu kommt der Effekt der Auswanderung, den die Orbán-Regierung nach Kräften kleinzureden versucht. Als ob man dem schlechten Marketing entgegentreten wollte, gibt das KSH die Zahl der „Personen auf Entsendung im Ausland“ mit rund 100.000 an und spricht bei den ausgewanderten Ungarn selbst in den Hauptzielländern Großbritannien, Deutschland oder Österreich von „einigen wenigen Zehntausenden“. Die Statistiker sind der Überzeugung, dass die hierzulande markant steigenden Löhne den Abwanderungstrend gebremst haben. Beratungsexperten beharren derweil auf ihrer Ansicht, dass noch immer potenziell bis zu einer halben Million vornehmlich junger und zum Großteil sehr gut qualifizierter Ungarn in die Ferne schweifen wolle.

Immer mehr Stellen bleiben unbesetzt

Die Zahl der ausgeschriebenen, aber weiterhin unbesetzten Stellen nahm bis Jahresende 2017 laut KSH auf knapp zweieinhalb je 100 Angeboten zu. Heute arbeiten 425.000 Männer und 265.000 Frauen mehr, als das noch 2010 der Fall war. In Budapest entstanden gut 130.000 Jobs zusätzlich, in der Nördlichen Tiefebene nur unbedeutend weniger, im Komitat Pest – also gewissermaßen dem Speckgürtel der Hauptstadt – waren es immerhin 100.000 neue Jobs. Bei den Mitarbeitern im besten Arbeitsalter (zwischen 25 und 55 Jahren) ist die ungarische Beschäftigungsquote mit jener Deutschlands oder Österreichs gleichgezogen. Innerhalb der EU sind die betreffenden Bevölkerungsgruppen lediglich in Tschechien, Schweden und Slowenien noch aktiver.

Die nach den ILO-Standards ermittelte Erwerbslosenquote ist einzig in Tschechien und Deutschland noch niedriger als in Ungarn, das mit Malta um den dritten Platz in der Gemeinschaft streitet. In den Komitaten Vas, Veszprém und Győr-Moson-Sopron erreicht die Quote keine zwei Prozent mehr, in Szabolcs-Szatmár-Bereg sind es derweil noch immer 8,5 Prozent.

Nicht losgelöst davon ist die Zahl der Leerstellen im Wettbewerbssektor binnen eines Jahres um gut ein Drittel auf knapp 55.000 in die Höhe geschossen. Dem verarbeitenden Gewerbe fehlen allein 22.000 Mitarbeiter, wieder die Hälfte mehr, als noch Ende 2016. Ausgehend von knapp 7,5 Mio. Menschen, die hierzulande dem arbeitsfähigen Alter (zwischen 15 und 75 Jahren) zugeordnet werden können, beziffert das Statistische Amt die Arbeitsmarktreserve auf wenig mehr als 350.000 Personen. Neben 190.000 Arbeitslosen zählen dazu 40.000 „unterbeschäftigte“ Personen und knapp 10.000 Personen, die zwar Arbeit suchen, aber nur beschränkt flexibel sind, sowie 120.000 Menschen, die nicht aktiv nach Arbeit suchen. Auf die verbleibenden 2,7 Mio. Inaktiven können die Arbeitgeber derweil als Reserve ganz gewiss nicht rechnen.

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