Dass der Journalismus sich in einer schwierigen Situation befindet, sieht man nicht bloß am Schwinden regierungsunabhängiger Zeitungen in Ungarn. In den USA etwa unterstellt der amtierende Präsident den Medien, „Fake News“, also bewusste Falschmeldungen, zu produzieren. In Deutschland befindet sich die „Lügenpresse“ unter dem Dauerfeuer von ihren Kritikern. Dabei können Journalisten und Wissenschaftler einen wichtigen Beitrag für Freiheit und Demokratie leisten; für Aufklärung und damit die informierte Gesellschaft.

Stephan Ruß-Mohl widmete sich am Donnerstag vergangener Woche an der Andrássy Universität dem Thema „Ende der Aufklärung? Auf dem Weg in die desinformierte Gesellschaft“. In seinem Vortrag zeichnete er einem interessierten Publikum ein Bild von einer veränderten Medienlandschaft, von Filterblasen, in denen sich die Menschen – ohne sie zu hinterfragen – befinden, und von der Krise, in der sich der Journalismus befindet.

Ruß-Mohl, der neben seiner Tätigkeit als Professor für Journalismus und Medienmanagement in Lugano außerdem das Schweizer Medienrechercheinstitut Europäisches Journalismus-Observatorium leitet, stellte sich damit einem hochaktuellen Problem. Was tun gegen die vielen Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren, wie können die Menschen lernen, Fakten von Fake-News zu unterscheiden? Was kann der Journalismus tun, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen?

Schwindendes Vertrauen in die Medien

In einem Vertrauensranking von verschiedenen Berufen, so Ruß-Mohl, liegen Journalisten auffällig weit hinten. Während Polizisten, Universitätsmitarbeiter, und Ärzte das größte Vertrauen der Bevölkerung genießen, befinde sich das Radio auf Platz acht, Zeitungen und andere Medienformate lägen gar erst auf zweistelligen Plätzen. „Dieser Trend lässt sich bis in die 70er-Jahre zurückverfolgen“, so Ruß-Mohl, „Journalisten und Medien haben dem aber nie Beachtung geschenkt.“

Anstatt Zeitungen zu lesen, lassen sich viele Menschen im Internet mit Desinformationen, mit Halbwahrheiten oder gar Falschinformationen füttern. Die Ursache für die zunehmende „mentale Verschmutzung“ sieht er vor allem in drei Problemen: „Viele – gerade junge – Menschen sind nicht mehr bereit, für Informationen zu zahlen.“ Viele erhielten ihre Nachrichten nur noch aus dem Internet, wo sie die Informationen kostenlos erhalten. Das führe zu dem weiteren Problem, dass auch die Werbung, die den Journalismus früher finanziert hat, ins Internet abwandert.

Als drittes Übel sieht der Medienwissenschaftler schließlich die steigende Macht des PR-Sektors. „Die PR hat sich über Jahrzehnte hinweg ausgebreitet. Gerade weil immer weniger Geld und Ressourcen vorhanden sind, greifen Redaktionen immer häufiger auf Pressemeldungen der PR-Abteilungen zurück.“ Statistiken würden zeigen, dass Journalisten häufig nicht wahrnehmen, dass sie unter großem Einfluss der Öffentlichkeitsarbeit stehen, erklärt Ruß-Mohl. „Journalisten haben eine Kontrollillusion, sie denken, sie haben die PR-Leute unter Kontrolle, aber das stimmt einfach nicht.“

Das Filtern all jener Informationen, die ihnen unter anderem durch PR-Mitarbeiter zukommen, gehöre zu den wichtigsten Aufgaben der Journalisten. „Journalisten haben früher als Schleusenwärter eine wichtige Stellung gehabt“, so Ruß-Mohl. Heute werden viele Informationen ungeprüft weitergegeben.

Algorithmen als Informationsschleusen

Die Rolle des Journalismus sei geschrumpft, die Aufgabe der Schleusenwärter übernehmen zunehmend Fachfremde und Algorithmen, erklärt der Medienwissenschaftler. Er bezieht sich auf den Trend der Digitalisierung; der Suchmaschinen und der sozialen Netzwerke.

„Man wird mit so vielen Fake-News und Desinformationen überflutet, dass es schwer ist, zu sagen, was eigentlich stimmt“, so Ruß-Mohl. „Desinformation ist für mich die Pest der digitalisierten Gesellschaft.“ Dabei hätten Desinformationen durchaus schon früher existiert. Der Erste Weltkrieg habe mit einer Kampagne der Desinformation begonnen. Auch habe der frühere US-Präsident George Bush den Irakkrieg durch das Verbreiten von Desinformation begonnen, sagt Ruß-Mohl in Bezug auf die erfundenen Massenvernichtungswaffen. „Aber jetzt habe die Desinformation eine neue Dimension.“ Die Brexit-Kampagne, Wahlkämpfe in den USA und Frankreich – vielleicht auch der in Deutschland – seien von verbreiteten Desinformationen nicht nur beeinflusst, sondern geprägt gewesen.

Ruß-Mohl erzählt von sogenannten „Spin Doktoren“ in der digitalen Welt, „PR-Profis, die es mit der Wahrheit nicht mehr so genau nehmen“, Hobby-Reportern die sich als „Citizen Journalists“ bezeichnen und von „Social Bots“ – manchen IT-Experten zufolge könnten hinter einem erheblichen Anteil aller Twitter-Nutzer solche Computerprogramme, also keine echten Menschen mehr stehen.

Der Kampf gegen Desinformationen

Die Effektivität von Faktencheck-Webseiten gegen die Verbreitung von Fake-News sei dabei fraglich, so der Wissenschaftler. Die Blasen der Fake-News und der Berichtigungsseiten seien zwei separate Welten, die sich nicht mehr begegnen. Auch Schulen die Verantwortung für die Lösung dieses Problems zu übertragen, hält er für unrealistisch. „Ich würde die Idee unterstützen, aber man sollte auch darüber nachdenken, wie realistisch diese Forderung ist.“ Lehrer könnten dazu beitragen, jungen Menschen das Hinterfragen von Informationen in der digitalen Welt beizubringen, häufig stellt sich aber die Frage, wie die Lehrer selbst die benötigte Kompetenz erwerben können.

Eine Hoffnung sieht Ruß-Mohl darin, dass die Wissenschaft wieder mehr Gehör findet. Eigentlich befanden sich die Universitäten ja weit oben im Vertrauensranking, das Problem der Wissenschaft sei aber, dass Halbwahrheiten und Falschinformationen auch hier immer mehr verbreitet seien. Letztes Jahr gingen beim „March for Science“ weltweit viele Tausend Menschen auf die Straße. Letzten Monat fand die internationale Großdemonstration, bei der für den Wert der Wissenschaft und gegen die „alternativen Fakten“ marschiert wurde, bereits zum zweiten Mal statt. „Meine Hoffnung ist, dass aus den Märschen eine nachhaltige Bewegung wird“, so der Medienwissenschaftler. Eine weitere Hoffnung sieht er in der Möglichkeit der Zusammenarbeit zwischen Journalismus und Wissenschaft. „Um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen, sollten Journalisten lernen, mehr mit den Forschern zu reden – und zwar nicht immer mit denselben.“

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