Doch wer sind eigentlich die Ungarndeutschen? Als Ungarndeutsche bezeichnet man die Nachfahren der in mehreren Wellen und zu verschiedenen Zeiten ins Karpatenbecken eingewanderten Deutschen. Die größte Einwanderungswelle erfolgte zwischen 1700 und 1750, als das Land nach den Türkenkriegen, zerstört und teils menschenleer war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Ungarndeutsche enteignet, entrechtet und vertrieben, etliche sogar zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Diejenigen, die in Ungarn blieben, wurden staatenlos. Der Verlust des Bewusstseins der eigenen Identität und der Muttersprache waren die Folge der Unterdrückung in den darauffolgenden Jahren.

Dem versuchen Institutionen wie beispielsweise das Ungarndeutsche Kultur- und Informationszentrum (kurz: Zentrum) entgegenzuwirken.

Ein Kulturinstitut mit verschiedenen Aufgaben

Nach eigenen Angaben ist das Ziel des Zentrums – welches 2004 von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen gegründet wurde – die Ungarndeutschen überregional miteinander zu verbinden und ihnen in der Öffentlichkeit mehr Bekanntheit zu verschaffen. „Wir sind eine Institution, die auf Traditionen basiert und gleichzeitig den Blick in die Zukunft lenkt. Beides ist uns gleich wichtig“, erklärt Mónika Ambach, Direktorin des Zentrums, im Gespräch mit der Budapester Zeitung. Man wolle die Vielseitigkeit der eigenen Nationalität aufzeigen und versuchen, auch die jüngere Generation anzusprechen.

Das gelinge vor allem dadurch, dass das Zentrum auch als eine Art Nachrichtenportal fungiert. So kann man auf der Webseite der Institution die ungarndeutschen Nachrichten mitverfolgen. „Wir berichten über alles, was die Ungarndeutschen betrifft. Darüber hinaus aber auch generell über minderheitenspezifische Themen, egal ob auf Europa- oder Landesebene“, erzählt Ambach.

Zudem übernimmt das Zentrum eine wichtige Rolle als Vermittler und leitet etwa Vereine oder Privatpersonen an die benötigten Kontakte weiter. „Wir dienen als Informations- und Koordinationsstelle“, fasst Ambach zusammen. Doch damit nicht genug: So richtige Bekanntheit erlangte die Institution vor allem durch ihre Großveranstaltungen, wie beispielsweise das Jugendfilmfest „Abgedreht“, „Blickpunkt“ – ein Wettbewerb der Bilder sowie den „TrachtTag“, der übrigens am heutigen Freitag stattfindet.

Aber auch das Puppentheater für Kinder, das Sommerfest mit Jazzmusik sowie Vorträge von Historikern und Ausstellungsreihen, wie „Zu Gast im HdU“ (Abkürzung für „Das Haus der Ungarndeutschen“, hier hat das Zentrum seinen Sitz), locken zahlreiche Besucher an. „Wir bemühen uns immer sehr darum, ein vielfältiges Programm aufzustellen, damit für jede Generation etwas dabei ist.“

Dass das Team des Zentrums nur aus vier Mitarbeitern besteht, scheint angesichts der Fülle an Aufgaben jedoch kein Problem darzustellen. „Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist und wir viel Arbeit und Herzblut investieren müssen, haben wir Spaß an dem, was wir hier tagtäglich machen“, so Ambach.

Spezialbibliothek für Ungarndeutsche

Der Tatsache, dass man mit dem Herzen dabei sein muss, stimmt auch Bibliothekar Nándor Frei zu. Er erzählt, dass es die ungarndeutsche Bibliothek schon vor dem Zentrum gab, damals diente sie noch als Archiv der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (kurz: LdU). Als dann das Haus der Ungarndeutschen im Jahr 2000 eröffnete, sah man die Möglichkeit, die Bibliothek hier einzugliedern. Bis heute können in der Bibliothek alle damaligen Publikationen der LdU eingesehen werden. Seit 2004 gehört sie dem Kultur- und Informationszentrum an und Besucher können sie im Dachgeschoss des HdU finden.

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Die Bibliothek gehört seit 2004 demZentrum an und befindet sich im Hausder Ungarndeutschen. Dort finden dieLeser Werke zur Thematik der Ungarndeutschenund darüber hinaus auchRomane, Zeitschriften, Bücher zur bloßen Unterhaltung und vieles mehr.

„Ich selbst bin kein gelernter Bibliothekar“, erklärt Nándor Frei. Der ehemalige Deutschlehrer und Ungarndeutsche väterlicherseits ist mit der Thematik der Ungarndeutschen aufgewachsen und konnte selbst nicht davon ablassen, weshalb er letztendlich die Stelle in der Bibliothek annahm. Seine Entscheidung bereut er bis heute keinesfalls. „Der Beruf ist so vielseitig. Man muss gleichermaßen introvertiert und extrovertiert sein“, findet der 39-Jährige. Er steht den Besuchern bei allen Fragen zur Seite und zeigt sich dabei sehr engagiert. Unter anderem fällt aber auch das Katalogisieren des Bibliotheksbestandes in seinen Aufgabenbereich, denn die ständig wachsende Bibliothek dient längst nicht mehr nur als Archiv und gelangt allmählich sogar an ihre Kapazitätsgrenzen.

Nicht einfach nur Fachliteratur

Zunächst einmal ein paar Fakten: Im Bestand der Bibliothek befinden sich derzeit rund 7.000 Publikationen. Mindestens 80 Prozent davon behandeln die Belange der Ungarndeutschen oder damit verwandte Themen. 20 Prozent des Bestandes widmen sich den Donauschwaben im Allgemeinen, aber auch Klassiker von Goethe, Schiller oder Freud gehören zum Bestand. Die Fachliteratur nimmt über 90 Prozent des Inventars ein und die restlichen fast 10 Prozent dienen der Unterhaltung sowie dem Zweck, die deutsche Sprache besser zu erlernen. Rund 70 Prozent der vorhandenen Bücher sind deutschsprachig. Die ältesten Werke, die man hier finden kann, sind um die 100 Jahre alt.

Die Vielfalt der 7.000 Publikationen scheint endlos: Fachbücher, Anthologien, Bücher für das Unterrichtswesen, Romane, Biografien, Zeitschriften, Diplomarbeiten, Familienbücher – um nur einige zu nennen. „Wir sind bestrebt, alles aufzunehmen, was die deutsche Minderheit in Ungarn betrifft“, meint Ambach. „Als wären wir eine Spezialbibliothek für die Ungarndeutschen und für alle Forscher, die sich für das Thema interessieren“, ergänzt Frei. Zudem gebe es Raritäten, die es woanders nicht gibt.

Finanzierung und Beschaffung

Bei der Vielfalt der Werke stellt sich natürlich die Frage nach der Finanzierung und Beschaffung. „Die meisten Bücher werden glücklicherweise gespendet, etwa von Vereinen, Institutionen und anderen Bibliotheken, aber auch von Privatpersonen“, erzählt der Bibliothekar. Manchmal komme es vor, dass private Herausgeber selbst ihre eigenen Bücher vorbeibringen, weil sie sich davon natürlich mehr Reichweite versprechen. Darüber hinaus gebe es aber auch sehr kostspielige Bücher, die beispielsweise aus Fördergeldern finanziert werden müssten. Diese Geldquellen seien sehr wichtig, um den Bestand der Bibliothek zu sichern und zu erweitern.

Doch die Finanzierung an sich sei weniger das Problem, merkt Frei an. „Die Schwierigkeit liegt meist darin, überhaupt erst einmal von der Existenz einiger Bücher zu erfahren.“ Er selbst sei ständig auf der Suche nach Werken, die gerade auf den Markt kommen oder vor Ort erscheinen, und bittet um die Mithilfe der Leser, bei Neuerscheinungen die Bibliothek zu kontaktieren. Vor allem für an den Ungarndeutschen interessierte Leser hat die ständige Achtsamkeit Vorteile: „Einmal“, erinnert sich Frei, „schickte die Landesbibliothek eine ältere Dame zu uns, weil sie selbst das Buch, das diese suchte, noch nicht in ihrem Bestand hatte.“

Auf der Suche nach neuen Lesern

Doch die besten Bücher nutzen nichts, wenn niemand kommt, um sie zu lesen. Auch wenn in letzter Zeit ein steigendes Interesse zu verzeichnen sei und Besucher, die einmal dort waren, meist immer wieder kämen, lägen die Besucherzahlen unter den Erwartungen. Die Gäste seien meist Familienforscher, Pädagogen oder Studenten, die sich Anregungen in den ausgestellten Diplomarbeiten holen. „Nur sehr wenige kommen aus bloßem Interesse“, erklärt Frei. Aber das sei nachvollziehbar, da viele gar nicht von der Existenz der Bibliothek wüssten oder sie für eine klassische Fachbibliothek halten würden. „Ich möchte diese Grenzen etwas durchbrechen und auch auf die Werke hinweisen, die der bloßen Unterhaltung dienen“, erklärt Nándor Frei das Ziel seiner Arbeit.

Mithilfe der Deutschen Botschaft konnte sich die Bibliothek vor einiger Zeit ein elektronisches Katalogsystem kaufen, mit dem sie ihr Angebot nun auch online mehr einbinden will. Daraus erhoffen sie sich eine Erweiterung des Nutzerkreises. „Wir versuchen groß zu träumen und das dann auch zu verwirklichen. Bislang ist das ganz gut gelungen“, erklärt die Direktorin der Institution, Mónika Ambach, abschließend. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, ist herzlich zu den Veranstaltungen des Zentrums und in die Bibliothek eingeladen.


Haus der Ungarndeutschen

Budapest, VI. Bezirk, Lendvay utca 22

Öffnungszeiten: Montag von 13 Uhr bis 16:30 Uhr,

Dienstag und Mittwoch von 9 Uhr bis 12 Uhr und von 13 Uhr bis 16.30 Uhr,

Donnerstag von 13 Uhr bis 16.30 Uhr,

Freitag von 9 Uhr bis 14 Uhr

Weitere Informationen finden Sie unter: www.zentrum.hu oder unter www.bibliothek.hu

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