Vor genau drei Jahren war Daniel Kehlmann schon einmal Gast des Buchfestivals in Budapest, allerdings nicht als Ehrengast, wie dieses Jahr. „Aber es war trotzdem ein genauso schönes Erlebnis für mich, wie jetzt, was neben dem Buchfestival, sicher auch am schönen Wetter in Budapest lag“, so Kehlmann zu Beginn des Podiumsgesprächs. Eigentlich dachte er immer, dass nur älteren und erfahreneren Schriftstellern diese Ehre zu Teil wird und sei deswegen recht überrascht gewesen, dass dieses Jahr ausgerechnet er als Ehrengast ausgesucht worden war.

Erste Schreibversuche

Schon in seiner Kindheit war Kehlmann immer von Büchern umgeben. Sein Großvater und sein Urgroßvater waren stolze Besitzer einer kleinen Familienbibliothek, in der unter anderem auch einige Sammlerstücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu finden waren. Als seine Mutter fand, dass der junge Kehlmann zu viel fernsah, fing sie an, ihm viel vorzulesen. Da er ab einem bestimmten Punkt nicht mehr darauf warten wollte, bis ihm seine Mutter wieder etwas vorlas, fing er an, selber zu lesen. Der Übergang vom Lesen zum Schreiben vollzog sich für ihn dann genauso natürlich.

Schnell war er so fasziniert von Büchern, dass er sich entschied, selber welche zu schreiben. Bereits mit zwölf, dreizehn Jahren schrieb er seine ersten Gedichte und Kurzgeschichten. „Schrecklich schlechte Gedichte und Kurzgeschichten“, kommentierte Kehlmann seine frühen Schreibversuche. „Ein Schriftsteller ist jemand, der beendet was er anfängt, und nicht einfach anfängt etwas zu schreiben und das unvollendete Werk dann beiseitelegt. Es ist diese fast schon obsessive Denkweise: Ich muss es fertig schreiben, auch wenn es nicht gut wird, aber es muss fertig werden. Das ist was einen zum Schriftsteller macht“, erläuterte er gegenüber Moderator Balázs Lévai.

Der Prozess des Schreibens

Sodann weihte er die Zuhörer in den Prozess des Schreibens oder zumindest seines Schreibens ein. „Es ist nicht irgendein magischer Bewusstseinszustand.“ Aber es sei nun mal so, dass wenn man sich sehr auf etwas konzentriert, ob nun das Schreiben oder einfach das Lesen eines Buches und sich dabei mit seinem ganzen Wesen dieser einen Sache hingibt, man sich dann nicht mehr so genau an den eigentlichen Prozess des Schreibens oder Lesens erinnern könne, ob man etwa zwischendurch einen Kaffee geholt oder draußen ein Hund gebellt habe.

Deshalb könne sich Kehlmann auch nicht mehr so genau daran erinnern, wie das Schreiben seines letzten Romans „Tyll“ abgelaufen sei. Was er aber noch genau weiß, ist, dass es zwei bis drei Jahre gedauert habe, bis er den Teil des Buches fertig hatte, der das Leben in einem Dorf beschreibt. Er musste diesen Teil an die sieben Mal umschreiben, bis er seine endgültige Form hatte. Dabei sei er häufig an seine Grenzen gestoßen, denn er hatte nie in einem Dorf gelebt und wusste somit nicht aus eigener Erfahrung wie das Leben in einem Dorf abläuft oder „was jemand denkt, der mit einem Esel auf Wanderschaft geht“, so Kehlmann. Es sei eine große Herausforderung für jemanden wie ihn gewesen, der sein ganzes Leben in Städten verbracht habe.

#

Moderator Balázs Lévai (links) sprachmit Daniel Kehlmann über sein aktuelles Werk und den Alltag als Autor.

„Doch Künstler sein, bedeutet, sich in seinen Werken ehrlicher, vollkommener und mit einem reicheren Wortschatz auszudrücken, als man es normalerweise tun würde. Man könnte sagen, dass man durch das Lesen eines Werkes einen intelligenteren, lustigeren und interessanteren Menschen kennenlernt, als den eigentlichen Schriftsteller. Das bezieht sich übrigens auf jede Art von Kunst, nicht nur auf das Schreiben“, fand Kehlmann. Ein anderes herausforderndes Thema beim Schreiben des „Tyll“ sei die Religion gewesen. Er wollte unbedingt über diese Welt schreiben, in der jeder religiös ist und nicht gläubig zu sein gar keine Option ist. Obwohl er selber nie religiös war, fand er es viel einfacher, darüber zu schreiben. Das Phänomen der Religion finde er sehr faszinierend.

Die Vorzüge der Handschrift

Die Mehrheit seiner Bücher schrieb Kehlmann übrigens handschriftlich. Das sei nicht so ablenkend und man könne sich besser konzentrieren, als wenn man an einem Computer schreibt. „Auf einem Blatt Papier kann man schlecht seine E-Mails checken oder sich anderweitig ablenken lassen.“ Außerdem empfinde er das Schreiben per Hand als ungemein anregend.

Als Beispiel dafür führte er das Schreiben seines Romans „Du hättest gehen sollen“ an, der nur ein Jahr vor „Tyll“ veröffentlicht wurde. Hier geht es um ein Notizbuch, das in einem Geisterhaus gefunden wird. „Das Schreiben des Buches war unheimlich befriedigend“, erinnert er sich. Es sei ihm vorgekommen, als wäre er selber in der Geschichte und wäre derjenige gewesen, der das Notizbuch geschrieben habe.

Allerdings rette das handschriftliche Schreiben nicht vor schlechtem Schreiben, warnte er. Für ihn sei es jedoch auch einer seiner Tricks, der ihn motiviert, denn als Schriftsteller hat man weder einen Vorgesetzten, noch feste Arbeitszeiten. „So muss man sich selber durch Tricks motivieren“, sagt er. Es kam schon häufig vor, dass er anfing, einen Roman zu schreiben, dann aber unvollendet beiseitelegte. Wenn so etwas passiert, weiß er, dass er sich ein höheres Ziel setzen müsse. „Als Schriftsteller muss man sich Sachen vornehmen, von denen man denkt, dass man sie sowieso nicht schafft.“ Etwas über das Kehlmann viel nachdenkt, ist ein Rat des US-amerikanischen Schriftstellerkollegen Jonathan Franzen: „Wenn du das Gefühl hast, du solltest über etwas nicht schreiben, dann ist es genau das, worüber du schreiben solltest.“

Rubik-Würfellöser – aber nur rückwärts

In seinem Roman „F“ gab es einen Charakter, der seinem Verleger Alexander Fest vom Rowohlt Verlag etwas zu traurig vorkam, also gab Kehlmann dem Charakter ein Hobby. So schrieb er dem traurigen, übergewichtigen Priester eine Leidenschaft für Rubik-Würfel zu. In dieser Stelle erwähnte Kehlmann, dass bei der Vorstellung seines Buches „F“ im deutschen Fernsehen ein kleiner Ausschnitt gezeigt wurde, in dem er einen Rubik-Würfel perfekt zusammensetzt. Nachdem Moderator Balázs Lévai ihm allerdings spontan einen Rubik-Würfel in die Hand gedrückt hatte, gab er jedoch zu, dass er das Rubik-Würfel-Zusammensetzen eigentlich gar nicht beherrsche und der Ausschnitt im Fernsehen einfach nur rückwärts abgespielt wurde. Ihm wurde ein perfekt zusammengesetzter Würfel gegeben und er brauchte ihn nur durcheinanderdrehen.

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Parlament startet in den Herbst

Absurde Behauptungen, schwachsinnige Argumente

Geschrieben von BZ heute

Wenn es Arbeit gibt, ist alles gegeben, sagte Ministerpräsident Viktor Orbán in seiner Ansprache zum…

Die Letzte Seite: Urheberrechtsvorstoß der EU

Memes ade?

Geschrieben von EKG

Am Mittwoch stimmten die Abgeordneten des Europäischen Parlamentes über eine neue…

15. Jameson CineFest in Miskolc

Starkes Programm zur Jubiläumsedition

Geschrieben von Katrin Holtz

Ab heute dreht sich in der nordungarischen Stadt Miskolc erneut alles rund um das Thema Film. Zum…