„Ich erzähle bloß, vielleicht ist es nicht wichtig. Vielleicht ist es gar nicht mehr wahr. Ich erzähle bloß, damit man es weiß“, lautet der Leitspruch des Romans „Das rote Akkordeon“ von Balthasar Waitz aus dem am vergangenen Mittwochabend vorgelesen wurde. Doch beinahe wäre es gar nicht so weit gekommen. Balthasar Waitz, der ursprünglich selbst aus seinem Werk vortragen sollte, erkrankte kurz vor der Lesung so schwer, dass es ihm nicht möglich war, der Veranstaltung beizuwohnen. Dr. Ingeborg Szöllösi, Referentin des Deutschen Kulturforums östliches Europa, übernahm jedoch kurzerhand Waitz’ Rolle und las aus dem Roman vor. Ihre ursprüngliche Aufgabe der Moderation wurde von Johann Schuth, dem ersten Vorsitzenden des Verbandes Ungarndeutscher Autoren und Künstler, ausgefüllt. Ausfallen lassen oder verschieben wollten die Veranstalter den Termin jedenfalls nicht, war dieser doch keinesfalls willkürlich gewählt: Anlass war der Tag der Ungarischen Dichtung. So fanden Gäste auf ihren Plätzen zudem deutsche Übersetzungen bekannter Gedichte ungarischer Schriftsteller vor und wurden so auf das Kommende eingestimmt.

Alles rund um die Familie

Wie bereits erwähnt, widmet sich der Roman „Das rote Akkordeon“ in Form von abgeschlossenen Anekdoten den Kindheitserinnerungen des im Banat aufgewachsenen Schwabens Balthasar Waitz. Einer dieser Anekdoten verdankt der Roman seinen Titel. So wurde ein rotes Akkordeon, das der junge Ich-Erzähler von seinem Vater erhalten hatte, zum Unikum im begrenzten Kosmos seines Heimatdorfes. „Den genauen Inhalt des Buches zu beschreiben, ist sehr schwierig“, erklärt Szöllösi. Sie begleitete den Autor bereits im letzten Jahr bei seinen Lesungen und ist selbst ein großer Fan seines Werkes.

Gegenüber der Budapester Zeitung erklärt sie, dass die Erzählung rund um das Akkordeon zwar die titelgebende Geschichte, nicht aber der Kern des Romans sei. „In den 13 Kapiteln des Buches werden ganz unterschiedliche Geschichten erzählt, die nicht direkt miteinander in Zusammenhang stehen und nur durch die Hauptpersonen miteinander verbunden sind. Es rankt sich alles um die Familie“, erklärt Szöllösi.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Ich-Erzähler – also Balthasar Waitz in seinen jungen Jahren. Über das genaue Alter des Erzählers erfährt man jedoch nur, dass er gerade rechnen und schreiben lernt und darüber hinaus bereits mit den Mädchen seines Dorfes kokettiert. Vater und Mutter spielen eher untergeordnete Rollen, die wahren Bezugspersonen des Jungen sind seine Großeltern. Zum einen seine Oma, die ihn liebt und unterstützt, zum anderen der Großvater, der als Vorbild für den Jungen dient.

„Die einzelnen Erzählungen sind an sich bruchstückhaft. Aber Waitz schreibt eben aus der Perspektive eines Kindes. Und einem Kind fällt eben mal dies und mal jenes ein, wodurch es vom Thema abkommt. Das macht das Ganze sehr authentisch“, meint Szöllösi. Sie erklärt außerdem, dass die Erzählungen meist mit einem Problem beginnen, das in erster Linie die Familie, aber letztendlich auch das gesamte Dorf betrifft. „Man merkt einfach, dass dieses Buch von Situationen lebt, an die sich Waitz erinnert.“

Authentisch witzig

Darüber hinaus benutze Waitz Wörter und Begriffe, die damals im Dorf verwendet wurden. Im Roman werde nicht durch den „Filter“ der politischen Korrektheit erzählt, meint Szöllösi. So ist etwa die Rede vom „guten, deutschen Akkordeon“, das im Dorf höher angesehen werde, als eines von einem chinesischen Hersteller. Frei nach dem Motto: Alles, was aus Deutschland kommt, ist gut.

Aber auch der Großvater, ein großer Verachter der sozialistischen Feiertage und eben jener Wirtschaft spricht frei von einer „walachischen Sauwirtschaft“. Waitz, so Szöllösi, habe seine Erinnerungen authentisch und unverfälscht rüberbringen wollen, auch wenn die Begriffe heute so nicht mehr eingesetzt würden und er damit möglicherweise auch auf Widerstand stoßen würde.

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Den Erzählungen von Waitz wohnt ein ganz eigener Humor inne. Stellen aus dem Buch, in denen beispielsweise beschrieben wird, wie alle das rote Akkordeon beäugen und jeder „seinen Senf“ dazugibt oder in denen die Oma die Angebetete ihres Enkels als zu dürr und ihre Nase als zu lang befindet, sowie die Tatsache, dass der junge Balthasar das Musizieren mit dem Akkordeon gar nicht mag und nur der Großmutter zuliebe ständig „La Paloma“ spielt, entlockten dem Publikum im Haus der Ungarndeutschen ein Schmunzeln nach dem anderen.

Doch Szöllösi erklärt, dass Balthasar Waitz nicht immer nur auf diese humoristische Art und Weise schreibe, sondern ihm auch ganz andere Stile lägen. So erhielt das Publikum kurze Einblicke in zwei andere Kurzgeschichten des Autors, die zu nachdenklichen und bedrückten Gesichtern führten, da der Autor darin Themen wie Depression verarbeitet und mit dem schmalen Grat zwischen Lachen und Weinen spielt.

Ein Junge vom Dorf

„Womöglich ist es ein Altersphänomen, dass man irgendwann wieder zum Ursprung zurückkehrt“, vermutet Szöllösi. Zu Beginn seiner literarischen Karriere habe Waitz sich schon einmal dem Leben im Dorf gewidmet, allerdings nur kurzzeitig, da er dann anfing, über seine Erlebnisse in der Stadt zu schreiben. Dort fühlte er sich allerdings immer nur als Zugereister, als Fremder. Zudem hätten die Eindrücke seiner Kindheit ihn nie wirklich verlassen, weshalb er begann, sie zu Papier zu bringen. „Und in dieser Dorfwelt, in der er beheimatet ist, geht er nun vollkommen auf“, erklärt Szöllösi und verweist auf seinen neuesten Roman.

„Balthasar Waitz ist einer der wenigen, die im Banat geblieben sind, während viele andere beispielsweise nach Deutschland auswanderten“, erzählt Szöllösi der Budapester Zeitung. Sie selbst beschreibt ihn als eine ruhige, eher weniger redselige Person. „Er ist ein sehr guter Beobachter und bringt viel Empathie für Menschen und Situationen auf.“ Gerade deshalb gelingt es Waitz wohl auch sich in die sehr kindliche Perspektive einzufühlen, aus der er in seinem Buch schreibt. Da Waitz seine persönlichen Erinnerungen wiedergibt und die Form des Ich-Erzählers keine Distanz zur Handlung zulässt, wird dem Leser das Gefühl vermittelt, direkt im Geschehen zu sein.

„Ich wünsche mir, dass viele Leute die Werke von Waitz kennenlernen und dass weiterhin so viele Exemplare bestellt werden, wie es schon bei vorherigen Lesungen der Fall war. Das wünscht man jedem guten Autor“, erklärt Szöllösi abschließend.

Balthasar Waitz wurde 1950 als Banater Schwabe in Nitzkydorf, in Rumänien geboren. Er studierte Germanistik und Rumänistik an der Universität Temeswar/Timișoara und ist heute sowohl als Journalist, Schriftsteller, Dichter und Übersetzer tätig. Beim Begriff der Banater Schwaben handelt es sich um eine deutsche Bevölkerungsgruppe im Banat, einer historischen Region Südosteuropas, die auf dem heutigen Gebiet der Staaten Rumänien, Ungarn und Serbien liegt.

Wer Interesse an dem Roman „Das rote Akkordeon“ hat, kann es auf der Website: www.booklooker.de erwerben oder sich bei der Bibliothek des Zentrums (www.zentrum.hu) melden. Dort ist ebenfalls geplant, das Buch in den eigenen Bestand aufzunehmen.

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