Barock, Neoklassizismus, Jugendstil – es ist nicht zuletzt die vielseitige Architektur, die das Stadtbild Budapests ausmacht. Beim Vorbeigehen an den geschichtsträchtigen Häusern fragt man sich immer wieder, wie diese wohl von innen aussehen, wer hier wohnt oder was für eine Geschichte die einzelnen Gebäude haben mögen. Seit 2011 bietet das Festival Budapest100 alljährlich die Möglichkeit, hierauf Antworten zu finden, wenn die Bewohner ausgewählter Gebäude der Öffentlichkeit ihre Türen öffnen. Dieses Jahr findet die Veranstaltung am ersten Maiwochenende, vom 5. bis zum 6. Mai, statt. Beim diesjährigen Motto „Share the Square!“ liegt der Fokus auf den Plätzen Budapests und ihren umliegenden Gebäuden.

„Jedes Gebäude ist interessant“

Ursprünglich bestand die Idee des Events im Öffnen von solchen Gebäuden, die vor genau hundert Jahren gebaut wurden – daher der Name Budapest100, erklärt Projektmanager János Klaniczay. Zu Beginn, vor acht Jahren, ließen sich auch jede Menge Häuser finden, die diesem Jubiläumskriterium entsprachen; Grund war der Bauboom, den Budapest ab Ende des 19. Jahrhunderts erlebte. Schwierig wurde es vor vier Jahren, als der Beginn des Ersten Weltkriegs seinen 100. Jahrestag feierte. Die Auswirkungen des Krieges auf die Wirtschaft hatte damals auch Bauprojekten Einhalt geboten. Die Organisatoren änderten daher den Ansatz von Budapest100: Im Mittelpunkt steht heute nicht mehr das Baujahr, sondern ein bestimmter thematischer Schwerpunkt. 2016 war es die Große Ringstraße, 2017 die Promenade an der Donau, dieses Jahr sollen es nun die Plätze Budapests und ihre angrenzenden Häuser sein. Die gezeigten Bauten könnten nach diesem neuen Ansatz auch aus den letzten 50 Jahren stammen. „Natürlich mögen viele Menschen besonders alte Gebäude“, erklärt Klaniczay. Doch was hässlich oder schön ist, sei Betrachtungssache. „Unser Motto ist: Jedes Gebäude ist interessant.“

#

Die Entscheidung für die Plätze haben sich die Budapest100-Organisatoren nicht leicht gemacht, so Klaniczay. Letztendlich fiel die Wahl aber auf 23 Plätze, die von der Innenstadt aus gut erreichbar, jedoch nicht zu sehr vom Verkehr dominiert und nicht zu groß
seien. Dabei sind beispielsweise der Károlyi-kert im V. Bezirk, der Hunyadi tér im VI. Bezirk, der Almássy und der Klauzál tér im VII. Bezirk sowie der Gutenberg und der Mikszáth Kálmán tér im VIII. Bezirk. Neben den Plätzen, die der Öffentlichkeit ohnehin zugänglich sind – werden auch zahlreiche Gebäude, die an diesen Plätzen stehen, für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nimmt man alle Plätze und Häuser zusammen, findet die Veranstaltung dieses Jahr an fast 80 Standorten verteilt statt.

Aufbau einer Gemeinschaft

Ein Wochenende lang soll jeder die Möglichkeit haben, die Stadt aus einer architektonischen Perspektive näher kennenzulernen. Dabei bemühen sich die Organisatoren um ein vielseitiges Programm, erzählt Klaniczay. Letztes Jahr gab es beispielsweise Lesungen und kleine Theateraufführungen; bei einem Quiz konnten Besucher sogar ein Eis gewinnen. Einmal, erinnert sich Klaniczay, gründeten die Hausbewohner eine eigene Band, die schottische Musik im Hof eines Gebäudes spielte. Natürlich wird auch auf die Geschichte der Gebäude eingegangen. Es gibt Führungen durch Treppenhäuser, Höfe oder auch auf Dachböden. Die einzelnen Wohnungen der Bewohner bleiben der Öffentlichkeit jedoch auch an diesem Tag verschlossen.

Was für Programm im Einzelnen in den jeweiligen Gebäuden und ihren Innenhöfen geboten wird, darüber entscheiden die Bewohner jeweils selbst. Die Idee ist, dass die Mitglieder einer Nachbarschaft schon in der Vorbereitungsphase der Veranstaltung untereinander Kontakte knüpfen. Dies mache das Event einzigartig, erklärt Klaniczay. Es gehe eben nicht lediglich um das Zeigen von Gebäuden, bei der Initiative werden die Hausbewohner selbst miteinbezogen. „Wir versuchen, ihnen die Möglichkeit zu geben, eine Gemeinschaft aufzubauen.“ Manche der Projektteilnehmer treffen sich auch nach dem Event regelmäßig weiter, erzählt Klaniczay. „Uns wurden schon Bilder geschickt von Picknicks, die eine Hausgemeinschaft alljährlich veranstaltet, seit sie an unserem Event teilgenommen hat.“

Mehr als 150 Freiwillige

Bei der Umsetzung der Programmideen für ihr Gebäude erhalten die Hausbewohner Unterstützung durch Budapest100. Neben Klaniczay, einem gelernten Architekten, und einer zweiten Projektmanagerin helfen über 150 Freiwillige bei der Vorbereitung und der Umsetzung der Wochenendveranstaltung mit.

#

Seit Anfang Januar treffen sie sich jede zweite Woche. Unter den Helfern sind Budapester jedweden Alters mit ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und beruflichen Hintergründen, Studenten arbeiten zusammen mit Rentnern. Die Aufgaben sehen unterschiedlich aus: Manche Freiwillige nehmen Kontakt zu den Anwohnern auf. So sind etwa die Plätze, für die sich die Organisatoren dieses Jahr entschieden haben, von insgesamt 350 Gebäuden umgeben, erzählt Klaniczay. Jedes davon schrieben sie an. Andere Helfer übernehmen die Recherche. Sie gehen in Archive und forschen zur Geschichte eines bestimmten Hauses.

Erwartungen für dieses Jahr

Für das Stadtfestival, das über 20.000 Anhänger auf Facebook hat, rechnet Klaniczay dieses Jahr wieder mit 10.000 bis 13.000 Besuchern. „Das hängt natürlich auch immer vom Wetter ab“, sagt er. Im letzten Jahr besuchten geschätzte 15.000 Menschen die Häuser und Programme von Budapest100. Die Veranstaltung, die mit der Unterstützung von Open Society Archives und dem Zentrum für zeitgenössische Architektur (KÉK) organisiert wird, ist für Besucher kostenlos. Auf der Webseite der Initiative unter budapest100.hu wird es ab dem 24. April eine ausführliche Liste mit den einzelnen Programmpunkten geben. Für einige dieser Programme, beispielsweise besondere Führungen, müssen sich Besucher vorab registrieren. Auch in diesem Jahr sollen wieder Programmpunkte in englischer Sprache angeboten werden.

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Secondhand in Budapest: LoveBug Vintage

Zwischen Cowboystiefeln und Matrjoschkas

Geschrieben von Anika Stiller

Die Festivalsaison ist auch in Ungarn in vollem Gange. Wer zum Sziget Festival, STRAND, Nagyon…

Label BadGán

Raus aus der Unsichtbarkeit

Geschrieben von Elisabeth Katalin Grabow

Farbenprächtige Muster, urbane Schnitte, aber immer mit einem Hauch von Tradition. Das ist BadGán,…

Kräftiger Preisanstieg

Inflation

Geschrieben von BZ heute

Die Verbraucherpreise legten im Juli im Jahresvergleich um 3,4%, im Vergleich zum Juni um…