Um nachzuvollziehen, was den Figyelő zur Publikation einer derartigen Liste bewogen haben könnte, sollte man zunächst wissen, woher die ursprüngliche Zahl der 2.000 von Orbán erwähnten „Soros-Agenten“ stammt. Sie geht auf eine geleakte Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen Tracie Ahern und (so Vermutungen) einer israelischen Sicherheitsfirma zurück. Darin spricht der ehemalige Finanzvorstand des Hedgefonds Soros Fund Management davon, dass der US-amerikanische Geschäftsmann György Soros bereits Millionen Dollar an Stiftungen in Ungarn gespendet habe und dass – weltweit, nicht allein in Ungarn – bereits rund 2.000 Menschen in von ihm (mit)finanzierten Stiftungen arbeiten würden.

Veröffentlicht wurde der Mitschnitt samt Untertitel als „Soros-Leaks“ beim Regierungsblatt Magyar Idők. Dieses ließ in der Übersetzung jedoch eben jenen Teil aus, in dem Ahern über das weltweite Engagement dieser 2.000 Menschen spricht.

Sogar Tote gehören zum „Soros-Netzwerk“

Anders als die Magyar Idők machte sich der Figyelő nun daran, dem in Regierungsmedien als „Soros-Netzwerk“ bezeichneten Personenkreis konkrete Namen zuzuordnen. Die Liste der 200 sogenannten „Soros-Agenten“ umfasst hauptsächlich Namen von Personen im Umfeld von Universitäten, Instituten und regierungskritischen NGOs. Neben Universitätsdozenten wie Biochemiker András Perczel (Verfasser des Kommentars auf Seite 11 dieser Ausgabe) werden beispielsweise auch Mitarbeiter von Organisationen wie dem Helsinki-Komitee und dem Flüchtlingshilfeverein Menedék gelistet.

Wirklich gründlich scheint der Figyelő bei der Erstellung der Liste jedoch nicht recherchiert zu haben. Wie es scheint, wurden einfach die Webseiten diverser Organisationen durchforstet und die Namen der dort aufgeführten Mitarbeiter gesammelt. Allerdings sind die Webseiten häufig veraltet. So finden sich Personen auf der Figyelő-Liste, die bereits seit Längerem nicht mehr bei der entsprechenden NGO arbeiten. Auch Personen, die bereits seit mehr als zwanzig Jahren verstorben sind, werden als aktive „Soros-Agenten“ aufgeführt.

Insgesamt wurde für den als „Investigativartikel” bezeichneten Beitrag ausschließlich auf frei zugängliche Informationen zugegriffen. Allerdings versäumt es der Figyelő zu erklären, was er genau unter dem „Soros-Netzwerk” versteht und was den gelisteten Personen vorgeworfen wird.

Angebliche „Soros-Agenten“ reagieren mit Humor

Während diese Frage weiterhin unbeantwortet im Raum stehen bleibt, hat die „unrühmliche Liste” auch einen unerwarteten Nebeneffekt: Statt mit Angst zu reagieren, scheinen sich viele mit den gelisteten, angeblichen „Soros-Agenten“ zu solidarisieren. Dabei ist Humor das Mittel der Wahl. Miklós Koren, seines Zeichens Volkswirt, startete zum Beispiel auf der Online-Plattform change.org eine Petition, auf der all jene unterschreiben können, die ebenfalls einen Platz auf der Liste des Figyelős beanspruchen. Binnen vier Tagen erreichte die Petition das ausgeschriebene Ziel von 7.500 Unterzeichnern, die persönlichen Bemerkungen der Unterzeichner zeigen deutlich, wie wenig Ernst die Bürger die ursprüngliche Liste nehmen (Kommentare im Kasten). Und auch die Gelisteten selbst scheinen ihr vermeintliches Stigma eher mit Stolz zu tragen.

Der Figyelő kündigte bereits an, weitere Veröffentlichungen zu den „Soros-Agenten“ folgen zu lassen. Ob diese mehr belastbare Informationen enthalten werden, ist ungewiss. An zu veröffentlichenden Namen dürfte nun allerdings kein Mangel mehr herrschen.

Kommentare zur Figyelő-Liste im Rahmen der Petition auf change.org


Janet Kelley: „Mein Ehemann ist auf der Liste. Ich wurde ausgelassen. Ich verlange ebenso Anerkennung. Ich kämpfe für Frauenrechte in Ungarn.“


Demeter Márton: „Im vergangenen Jahr habe ich an der Sommeruni der CEU einen Kurs für texanische Studenten gehalten, ausgerechnet über Pressefreiheit.”


Kálmán Sóvári: „Als ehemaliger Bombardierer der Weltraumzeppelinflotte von György Soros verdiene ich einen Platz auf der Liste.”


Nikolay Marinov: „Ich bin stolzer Empfänger eines Open-Society-Stipendiums und neige mein Haupt vor den Bemühungen von Herrn Soros, der Demokratie zu helfen.”


Christine Baldonieri: „Demokratie ist kein Zuschauersport. Lang lebe Soros!”


Botond Póti: „Bin ich etwa nur noch einen Dreck wert, dass ich nicht drauf bin?”

Konversation

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