Zur Eröffnung der Ausstellung in Budapest, die in Kooperation mit der ukrainischen Zenko-Stiftung und dem Budapester Frühlingsfestival organisiert wird, erschienen am vergangenen Donnerstag auch viele der ausstellenden ukrainischen Künstler selbst, um der anwesenden Presse und Interessierten einen Einblick in ihre vielseitige Kunst zu gewähren. Die Kuratoren fassen den Kerngedanken der Ausstellung so zusammen: „Die Ukraine ist ein Land in dem Korruption, Zensur und die damit einhergehende Zerstörung von Kunstwerken an der Tagesordnung sind. Was bedeutet zeitgenössische Kunst heutzutage eigentlich in einem System, in dem Menschen mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit, einer Schönheit und einem elementaren Konzeptualismus Barrikaden auf dem Hauptplatz ihres Landes errichten, für die sie selbst die besten Künstler der Welt beneiden?“

Wie verarbeitet man permanente Revolutionen?

Diese Kernfrage wird in der Ausstellung von den vielen, ganz unterschiedlichen Künstlern jeweils auf ganz eigene Art und Weise beantwortet. In den Ausstellungsräumen finden sich riesige Installationen, zahlreiche Videodokumentationen, Skulpturen, Collagen, Fotografien, Zeichnungen und dazwischen auch aufwendig gestaltete Gemälde. Bemerkenswert ist, dass bei vielen von ihnen das scheinbar Unscheinbare im Vordergrund steht, die Bewältigung des täglichen Lebens.

Der Fotograf Boris Mikahallov beispielsweise arbeitete über Jahre in seiner Heimatstadt Kharkiv an einer Fotoserie, der er den Namen die „Rote Serie“ (1968-1975) gab. Dabei gibt die ständige Anwesenheit der Farbe Rot seinen Aufnahmen von Landschaft und Leuten in der Ukraine einen charakteristischen Akzent. Laut Mikahallov ist die Farbe Rot das mächtigste Symbol des revolutionären Kampfes, vereinnahmt von den Funktionären der Sowjetunion. Sie habe das alltägliche Leben der ukrainischen Menschen in den 1970er-Jahren in solch einem Ausmaß durchdrungen, dass sie auch heute noch ständig präsent ist.

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Mikahallov fragt: „Welche Aufgaben hatten wir Fotografen und Künstler aus dem Untergrund? Ohne sich dessen bewusst zu sein, waren wir damit beschäftigt, die Exzesse der Sowjetunion aufzudecken. Gleichzeitig mussten wir so handeln, dass wir sicherstellen konnten, nicht eingesperrt zu werden. Dabei war natürlich unser Hauptziel das Ende der Verherrlichung der Sowjetunion.“

Nacktheit als Protestform

Die Künstlerin Maria Kulikovska hat mit der „Happy Birthday. Performance Documentation 2015“ eine extreme Form des Protests gewählt: Noch vor den Ereignissen rund um den Maidan, also den Bürgerprotesten ab November 2013 gegen die ukrainische Regierung, begann Kulikovska Abgüsse ihres eigenen Körpers zu machen. Anschließend wurde das Projekt im Institut für Zeitgenössische Kunst im ostukrainischen Donezk gezeigt. Während der bewaffneten Konflikte in Donezk 2014 beschlagnahmten Separatisten das Gelände der Fabrik, in dem das Kunstzentrum untergebracht war, und zerstörten die Ausstellung von Kulikovska.

In Erinnerung an dieses Erlebnis inszenierte die Künstlerin ihre aufsehenerregende „Happy Birthday“-Performance 2015 in der Londoner Saatchi-Galerie. Dabei zerstörte Kulikovska, nackt und mit einem Hammer ausgerüstet, die noch existierenden Skulpturabgüsse ihres eigenen Körpers. In diesem Akt sah sie eine Antwort auf die Zerstörung ihrer Kunst durch die Separatisten. Fotos der Aufführung und Überreste der aus Seife gefertigten Skulpturen sind aktuell ebenfalls im Budapester Ludwig-Museum zu sehen.

„Wirst du mich jetzt einsperren lassen?“

Die Ausstellung bietet auch viele Videoinstallationen, in denen die Künstler die ständigen Veränderungen ihrer Heimat auf eindrückliche Art und Weise verarbeiten. So wandert der Videokünstler Piotr Armianovski mit seiner Kamera auf den Plätzen seiner Heimatstadt Mariupol im Südwesten der Ukraine umher. Er verbindet sie zwar noch mit Kindheitserinnerungen, doch meist sind von ihnen lediglich Ruinen übrig geblieben.

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Er lässt in den Videos aber auch einfache Menschen zu Wort kommen, die sonst eher wenig Gehör finden. So erzählt ein alter Mann von der Zeit, als Stalin an der Macht war. Eine Zeit, als noch alles besser für ihn war. Am Ende der Erzählung fragt er den Künstler: „Wirst du mich jetzt einsperren lassen?’’ Armianovski verneint und erkundigt sich nach dem Grund für diese Annahme. Der alte Mann erwidert darauf: „Weil ich dir die Wahrheit erzählt habe.“ Werke wie diese zeigen, wie zwiegespalten die Bevölkerung der Ukraine auch heute noch denkt und fühlt.

Ukraine: Ein Land im ständigen Umbruch

Seit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 ist die Ukraine unabhängig. Doch im Februar 2014 brach infolge der Euromaidan-Proteste ein bewaffneter Konflikt in Teilen der Ostukraine aus, der bis heute andauert. Die Krim und Teile der Ostukraine befinden sich seit 2014 nicht mehr unter der Kontrolle der Zentralregierung. Laut den Kuratoren der Budapester Ausstellungen haben all diese Prozesse, zusammen mit der Globalisierung und der Entfaltung des Internets einen starken Einfluss auf die zeitgenössische ukrainische Kunst: „Die andauernden sozialen Turbulenzen sind schon fast zur Gewohnheit geworden und die Weltanschauung von mehreren Generationen ist vom Leben in einer Zeit der radikalen Veränderungen geprägt. Die Zeit von den späten 1980er-Jahren bis weit in die 2010er-Jahre hinein wird als schmerzvolle Suche nach Entfaltung der ukrainischen Identität gesehen und gleichzeitig auch als komplizierter Bruch mit dem sowjetischen Modell, in dem Kultur das Produkt einer Ideologie ist.“

Die Ausstellung „Permanent Revolution. Ukrainian Art Today“ ist auch deshalb so sehenswert, weil man geradezu erleben kann, was ein ständiger Konflikt innerhalb eines Landes für die Bewohner selbst bedeuten muss, was die ukrainische Kultur und die Traditionen des Landes eigentlich prägt und wie sich diese durch den ständigen Ausnahmezustand verändern. In den einzelnen Kunstprojekten wird auch immer wieder auf die Frage angespielt, wie sich die Ukrainer eigentlich die Zukunft ihres Landes vorstellen – einem Land, das bis heute in ständiger Revolution verbleibt.


„Permanent Revolution. Ukrainian Art Today“

Noch bis zum 24. Juni 2018

Budapest, IX. Bezirk, Komor Marcell utca 1

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr

Eintritt: 1.600 Forint pro Person

Weitere Informationen finden Sie unter www.ludwigmuseum.hu

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