Man hört eine Sopranstimme. Das „r“ ist gerollt, es klingt wie in der Oper. Dann: völlig verschiedenartige Töne. Moderne, elektronische Klänge ertönen im Hintergrund der Opernstimme. Letztere lösen Gänsehaut aus. Die mal rhythmische, mal wellenartige Hintergrundsequenz taucht das Ganze in eine traumartige Welt. Das Stück trägt den Namen „Light“, die Stimme darin gehört Eszter Harazdy. Die ungarische Sängerin und Songschreiberin bringt in ihren Liedern Oper und Elektro zusammen.

„Extreme zu kombinieren, finde ich immer toll,“ erklärt die 32-Jährige gegenüber der Budapester Zeitung. Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer musikalischen Arbeit erzählt. Die Begeisterung fürs Singen wurde Harazdy schon in die Wiege gelegt. Ihre Mutter ist die international bekannte Sopranistin Andrea Rost.

Der Weg zum Gesang

„Meine Mutter sagt immer, ich hätte schon gesungen, bevor ich zu sprechen anfing“, erzählt Harazdy schmunzelnd, „Daran kann ich mich zwar nicht erinnern, aber ich habe wohl immer alles nachgesungen.“ Schon zu Kindergartenzeiten sei bei ihr der bewusste Wunsch entstanden, Sängerin zu werden.

Erst letzten Juni schloss die junge Frau schließlich ihre Gesangsausbildung und ihr Studium an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest ab. Von ihrer Mutter habe sie über all die Jahre viel Unterstützung erhalten. „Sie sagt immer, man muss lieben, was man macht. Sie meinte zwar, der Weg sei nicht einfach, aber sie wollte mir nicht davon abraten. Das fand ich so schön.“ Trotzdem versucht sich Harazdy auch von der erfolgreichen Mutter abzugrenzen, musikalisch geht die junge Frau mitunter in eine ganz andere Richtung.

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Die Sängerin wohnt mal in Budapest, mal in Berlin. Sie spricht fließend Ungarisch und Deutsch, ihre Texte schreibt sie auf Englisch. (Foto: Szilveszter Noel Dömök)

Ob Harazdy je eine andere Karriere erwogen habe? „Fotografie interessiert mich – das mache ich nebenbei. Das ist eine gute Abwechslung zum Singen.“ Mittlerweile verdiene sie mit Foto-Aufträgen sogar etwas Geld. Dem Fotografieren hat die Sängerin auch zu verdanken, dass sie ihre lange gehegte Idee, Oper und elektronische Musik zu kombinieren, letztes Jahr in die Tat umsetzen konnte. „Ich liebe elektronische Musik, besonders die Richtung Minimal und Disko,“ erklärt sie. „Ich habe mich gefragt: ‚Warum können wir das eigentlich nicht mit einer Opernstimme kombinieren?‘“

Elektro, Oper und Haiku

Über einen Fototermin lernte sie die Komponistin Bernadett Tarr kennen. Das Treffen, bei dem es zunächst nur um Fotos ging, hält Harazdy heute für eine Schicksalsbegegnung. „Ich erzählte ihr von meiner Idee und sie fand sie gut.“ Nun arbeiten die beiden an einem ersten Album. „Ich fange immer damit an, den Text zu schreiben, überlege mir dann eine Melodie dazu und schicke das an Bernadett. Sie hört es sich an und wir besprechen, welche Musik dazu passen würde. Sie kreiert die ganze Atmosphäre.“

Die Liedtexte verfasst Harazdy nicht etwa in ihrer Muttersprache Ungarisch, sondern auf Englisch. Neben dem Inhalt nimmt sie es dabei auch mit der Form sehr genau: „Ich schreibe die Texte in Haiku.“ Dabei handelt es sich um ein traditionell japanisches Gedichtformat. „Ich bin ein riesiger Japan-Fan. Und deshalb habe ich mir gesagt, die Texte müssen in Haiku sein. Bisher hat das gut funktioniert“, so Harazdy. Was der Songschreiberin an dem exotischen Versmaß gefällt, ist, dass es sich nicht reimen muss. „Das macht das Schreiben einfacher.“

Zwischen zwei Städten

Neben Ungarisch und Englisch spricht die gebürtige Budapesterin auch fließend Deutsch. „Der, die, das ist natürlich immer noch ein Problem“, lacht sie. Ihre Sprachkenntnissen verdankt sie unter anderem ihrem Lebensgefährten, einem Deutschen, den sie vor einigen Jahren in Berlin kennenlernte. „Wir reden fast nur auf Deutsch miteinander“, erklärt die Sängerin. Außerdem haben die beiden neben einer Wohnung in Budapest auch eine in Berlin, wo Harazdy viel Zeit verbringt.

Welche Stadt ihr besser gefällt, kann sie jedoch nicht endgültig sagen. „Budapest gefällt mir von der Architektur her besser,“ so Harazdy, Berlin sei dafür aber offener und durchmischter. „In Berlin sind auch sehr viele mit dem Fahrrad unterwegs, es gibt Tausende von Mini-Ateliers. Das fängt in Budapest jetzt auch an, aber in Berlin gibt es das schon seit rund 20 Jahren.“ Grundsätzlich schätze sie es deshalb sehr, mal in der ungarischen und mal in der deutschen Hauptstadt leben zu können.

Auftritte mit der berühmten Mutter

Doch nicht erst durch ihren Lebensgefährten lernte Harazdy Deutsch: Mit vier oder fünf Jahren eignete sie sich bereits die Grundlagen der Sprache an, als sie ihre Mutter nach Wien zu ihren Auftritten in der Staatsoper begleitete.

Schon in Harazdys Kindheit feierte ihre Mutter Andrea Rost als Opernsängerin große Erfolge. Die Sopranistin bekam Hauptrollen in den renommiertesten Opernhäusern der Welt und erhielt für ihren Gesang viele Preise. Dennoch fürchtet Harazdy nicht, im Schatten ihrer Mutter zu stehen: „Wir sind so unterschiedlich. Natürlich ist das nicht so schön, wenn alle denken, dass du genauso singst. Ich höre oft von anderen, wie ähnlich wir einander sehen und wie ähnlich unsere Stimmen sind, aber das stört mich nicht, denn ich mache jetzt etwas ganz anderes.“ Und trotzdem gibt es auch Kooperationen zwischen Mutter und Tochter. Am 19. April zum Beispiel treten beide im Rahmen des Budapester Frühlingsfestivals im Nationalen Filmtheater Uránia auf. Mit dabei ist auch Eszters Vater, Miklós Harazdy, der das Konzert am Klavier begleiten wird.

Harazdys Eltern sind seit Langem geschieden, arbeiten aber nach wie vor häufig zusammen. „Sie sind sehr gut befreundet. Meine Mutter arbeitet sogar oft mit der neuen Frau meines Vaters, die ebenfalls Pianistin ist“, erklärt Harazdy. Die Idee des gemeinsamen „Familien“-Auftritts stamme von ihrer Mutter. „Sie wollte zeigen, wie unterschiedlich man Operngesang angehen kann. Sie ist immer bei der Oper geblieben und singt Arien. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, das zu machen, was ich mache. Das wollte sie zeigen.“ Bei dem Konzert begleitet der Vater nur die Mutter am Klavier. Die Begleitung für ihre Stücke, erklärt Harazdy, bringe sie auf dem USB-Stick mit.

Ein neuartiger Musikstil

Sämtliche Hintergrundklänge, erzählt Harazdy, stelle Tarr am Computer her. Dabei fließen die musikalischen Vorstellungen und Wünsche der Sängerin natürlich ein: „Bei ‚Light‘ habe ich zu Bernadett gesagt, ich möchte, dass es klingt, als seien wir unter Wasser. Und sie hat genau so eine Musik komponiert, die ich im Kopf hatte. Sie versteht mich zum Glück sehr gut.“

Wenn Harazdy ihre Musik mit irgendeinem anderen Musikprojekt vergleichen müsste, dann würde sie dafür am ehesten die isländische Sängerin und Komponistin Björk heranziehen. Auch sie geht in Richtung Elektro, so Harazdy, nur der Gesang unterscheide sich von den Musikstücken der ungarischen Sängerin – es ist bei Björk eben kein Operngesang.

„Ich glaube, so etwas wie bei mir gab es bisher noch nicht“, sagt Harazdy. Mit ihrem Stil könnte sie also ihre ganz eigene Nische gefunden haben.

Entgegen Harazdys Erwartungen scheinen viele Menschen sehr offen für diese Art von Musik zu sein. Die Sängerin erinnert sich an einen Auftritt in Sopron, einer Stadt nahe der österreichischen Grenze: „Wir hatten im Voraus nicht gesagt, was für Musik ich machen würde. Wir wollten mal abwarten, was die Leute sagen. Sie zeigten sich alsbald sehr begeistert. Das war eine riesige Überraschung.“

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Für ihre Auftritte kleidet Harazdy sich gerne außergewöhnlich: „Ich liebe den Kubismus, ich liebe eckige Sachen und Sachen, die leuchten.“ (Foto: Szilveszter Noel Dömök)

Bei ihren Auftritten achtet Harazdy nicht nur darauf, die Hörnerven anzusprechen, auch die visuelle Inszenierung ist ihr wichtig. Sie mag das Außergewöhnliche und das zeigt sie auch mit ihren Kostümen. „Ich liebe den Kubismus, ich liebe eckige Sachen und Sachen, die leuchten und die durchsichtig sind. Alles aus Plexi mag ich“, erzählt Harazdy und kann die Begeisterung in ihrer Stimme kaum verbergen. Am liebsten würde sie bei ihren Auftritten gleich alle Sinne ihrer Konzertbesucher ansprechen. Auch mit Videojockeys, also DJs, die live Videos mixen, würde sie gerne arbeiten. Bei den Videos könnten auch ihre eigenen Fotografien verwendet werden. Sogar Tänzer könnte sie sich bei ihren Auftritten vorstellen. Trotz all der extravaganten Visionen für ihre Kunst tritt Harazdy im Alltag eher dezent auf.

Neben dem anstehenden Konzert in Budapest plant Harazdy in naher Zukunft auch Auftritte in Deutschland, wo die Musikszene ihrer Kunst gegenüber besonders aufgeschlossen scheint. Auch in Japan versuche sie Kontakte aufzubauen, erklärt die Sängerin. „Die machen dort aus allem Kunst. Ein sehr faszinierendes Volk.“ Wo es sie in Zukunft jedoch genau hinverschlagen wird, kann sie noch nicht sagen. „Mir gefällt es, mal hier und mal dort zu sein.“


Konzert „Mutter – Tochter: 2 Stimmen, 2 Seelen“

mit Andrea Rost, Eszter Harazdy und Miklós Harazdy (Klavier)

Festsaal des Nationalen Filmtheaters Uránia

Budapest, VIII. Bezirk, Rákóczi út 21

Beginn: 19.30 Uhr

Tickets: 6.000 Forint

Weitere Informationen finden Sie unter https://btf.hu und www.urania-nf.hu

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