Auch ich habe die emotionale Achterbahnfahrt der Wahlen durchlebt – vom Himmel der Hoffnung bis in die Hölle der Lethargie. An den dadurch geschaffenen Tatsachen ändert leider auch nichts, dass es nun zahlreiche Hinweise auf Wahlbetrug gibt. Wir alle tragen die Verantwortung für die Niederlage. Ich als Kandidat und Person des öffentlichen Lebens sogar eine noch größere. Ich habe geglaubt, dass es wirklich etwas zählt, wenn ich Großdemonstrationen in Budapest organisiere, in den oppositionellen Medien zu Wort komme und die Schandtaten der Fidesz-Mafia ans Licht bringe. Ich habe gedacht, dass mit dem Hören der Wahrheit die Menschen in Scharen feststellen werden, dass Orbán sie über den Tisch gezogen hat. Ich habe mich grundlegend geirrt. Meine Worte sind nicht bei denen angekommen, die sich ausgeliefert fühlen und aus Mangel an besseren Optionen für den Fidesz gestimmt haben.

In meiner Timeline auf Facebook und im Universum der oppositionellen Hauptstadtpresse sind die einschneidenden Probleme, mit denen Millionen von Ungarn kämpfen, nicht sichtbar. Wir haben uns in diesen Kreisen zu viel mit uns selbst beschäftigt. Aber außer ein paar Zehntausend Politikabhängigen hat das in Wahrheit kein Schwein interessiert. (...)

Unser Vertrauen in Ungarn können sie uns nicht nehmen!

Oft habe ich gehört, dass das sichere Übel immer noch besser sei als eine unsichere Zukunft. Die Berechenbarkeit ist für viele beruhigend, auch wenn das die Sicherheit des feudalen Ausgeliefertseins bedeutet. Unsere Botschaft vom sich erneuernden Ungarn ist oftmals gar nicht bei allen Bürgern angekommen, oft hatten wir niemanden vor Ort, der mit seiner Arbeit in der jeweiligen Gemeinschaft dem Ganzen ein Gesicht hätte geben können.

Die freiheitsliebenden Menschen sollten jetzt jedoch nicht nach einem Sündenbock suchen, denn das ist nicht Teil der Lösung. Wir sehen hässlichen Zeiten entgegen, deshalb sind wir mehr aufeinander angewiesen als je zuvor. Die von der Arroganz getriebene Fidesz-Macht glaubt, sich nun alles mit uns erlauben zu dürfen. Unsere Arbeitsplätze zu schließen oder aufzukaufen oder uns mit fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis zu werfen. Doch unser Selbstwertgefühl, unsere Aufrichtigkeit und unser Vertrauen in Ungarn können sie uns nicht nehmen! (…)

Kein zweites Russland!

Wir müssen in einer das ganze Land umspannenden Bewegung zusammenarbeiten, in der es nicht darum geht, die ohnehin schon erhitzten oppositionellen Gemüter noch weiter anzuheizen, sondern darum, unsere Mitmenschen, die für den Fidesz gestimmt haben, ausdauernd und systematisch umzustimmen. Schritt für Schritt, Seele für Seele voranschreitend werden wir die Gemeinschaften bilden, die die Bausteine für eine Alternative sein werden. Wir werden sicherlich zuerst auf harten Widerstand stoßen, sie werden versuchen, uns mit geheimdienstlichen Methoden zu zerschlagen, aber mit der Kraft der Liebe können wir die Angst und den Hass besiegen.

In alternativen Medien muss der europäischen Stimme Ungarns Gehör verschafft werden. Mit Gemeinschaften, die alltägliche Probleme lösen, können wir das Vertrauen schaffen, das die Brücke zu unseren Mitmenschen sein wird, die uns bis jetzt noch befremdlich gegenüberstehen.

Orbán hat Ungarn nach seinen eigenen Vorstellungen geformt. Die Dekadenz, das Ausgeliefertsein, die Angst und der Hass sind die Herren in unserer Heimat. Wenn wir glauben und durchhalten, können wir Ungarn zurück nach Europa führen. Dafür werden wir auf europäische Art frei, solidarisch und aktiv sein. Wir werden nicht zu einem zweiten Russland!

Harte Jahre werden kommen und hässliche Zeiten. Aber am dunkelsten ist die Nacht nun mal vor der Dämmerung.

Der Autor ist Politiker bei der grünen LMP sowie politischer Aktivist und Publizist.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 10. April auf dem liberalen Nachrichtenportal merce.hu.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.


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