Doch nicht nur die neu eröffnete Spielstätte und die Namensänderung sollen für Überraschungen sorgen, verraten die NBB/BE-Gründer Danielle Dutombé und Prof. Jürgen Kramer im Interview mit der Budapester Zeitung, sondern auch die ganz eigen inszenierte Komödie von Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“. Premiere wird am 25. April sein. Weitere Vorstellungen sind für April und für Juni geplant. „Nach Goethe und Dürrenmatt wollen wir nun auch ein Stück von einem Sprachkünstler wie Kleist auf die Bühne bringen“, erklärt Kramer, der bei diesem Stück zusammen mit Danielle Dutombé Regie führt.

Betrug, Lüge, Korruption und Hinterhältigkeit

Im Mittelpunkt von Kleists Lustspiel steht der manipulative Dorfrichter Adam. „Es geht um Betrug, Lüge, Korruption und Hinterhältigkeit. Es hat sowohl eine persönliche als auch eine politische Note“, beschreibt Kramer. Natürlich ist „Der zerbrochene Krug“ auch ein Stück, in dem es um Männermacht und sexuellen Missbrauch geht. Der Regisseur sieht aber noch weitaus mehr Aspekte: „Die ganze moderne Skala der Bösartigkeiten, die uns in unserer Gesellschaft begegnet, ist in diesem Werk verarbeitet. Doch neben der thematisierten Macht der Männer gibt es hier auch ganz klar Frauenpower zu sehen.“

Die Handlung des Stücks folgt einer Gerichtsverhandlung, in der Dorfrichter Adam bei einer Tat zu Gericht sitzen muss, die er selbst begangen hat. Das Ganze wird dabei vollständig und in Echtzeit wiedergegeben. Erst im Verlauf des Geschehens werden Details der Geschichte enthüllt, während sich der Richter immer weiter in Lügen verstrickt.

Bevor sich das BE für den „Zerbrochenen Krug“ entschied, stand zunächst Kleists Werk „Amphitryon“ zur Auswahl, erinnert Kramer. Ein Projekt, von dem allerdings schnell klar gewesen sei, dass es zu umfangreich und zu schwer werden würde. Mit der Entscheidung für ein anderes Kleist-Stück macht die BE jedoch zugleich einigen 11. und 12. Klassen in der Umgebung eine Freude: „Mehrere deutschsprachige Schulen haben uns nahe gebracht, dass ‚Der zerbrochene Krug‘ Bestandteil des Lehrplans der Oberstufe sei“, erzählt Dutombé. Nun können die Schüler die Theatervorstellung besuchen und die Lektüre auch einmal auf eine ganz andere Art und Weise erleben.

Vorbereitung und Inszenierung

Da es nur noch knapp zwei Wochen bis zur Premiere sind, nutzen die Künstler jede Möglichkeit, um zu proben und sich immer wieder aufs Neue mit den Texten auseinanderzusetzen. Sie proben täglich von 10 bis 17 Uhr. Der Budapester Zeitung verrieten sie am Rande einer Probe, was den Kleist so schwierig macht: „Die Formulierungen müssen ganz genau stimmen. Manchmal geht es nur um ein einziges entscheidendes Wort. Wenn man es vergisst, verändert es die komplette Spielweise.“

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Das Stück wird von Geist-Rocker Demeter Dudás „auf eine sehr schräge Art rhythmisch begleitet“. Im Vordergrund: Schauspieler und Regisseur Jürgen Kramer.

„Schon lange vor Beginn der intensiven Proben bekamen die Schauspieler die Texte zugeschickt, damit sie sich mit ihren Rollen und der Sprache Kleists auseinandersetzen konnten“, betont Dutombé. Danach folgten einige Leseproben sowie Diskussionen über die Interpretation bestimmter Textstellen. „Doch so richtig verinnerlichen konnten die Künstler den Text erst bei den Proben“, findet Kramer.

Gegenüber der Budapester Zeitung verraten beiden Theatermacher auch schon erste Details der Inszenierung: „Das Bühnenbild wird sehr spartanisch ausfallen, schließlich sollen die Schauspieler im Zentrum stehen.“ Ein schwarz abgehängter Hintergrund und ein paar Requisiten müssen ausreichen. Das Publikum solle das Gefühl bekommen, direkt im Geschehen zu sein und der Gerichtsverhandlung tatsächlich beizuwohnen. „Es wird eine moderne Inszenierung“, fügt Kramer hinzu. „Wir haben keine klassischen Kostüme und benutzen moderne Requisiten. Das Ganze soll zeitlos werden. Gleichzeitig belassen wir aber den Text von Kleist in seiner ursprünglichen Qualität.“ Durch die moderne Inszenierung wird auch die – theoretisch veraltete – Sprache plötzlich wieder als ganz normal wahrgenommen. Das Stück sei Tragödie und Komödie zugleich, in der Umsetzung werde beides auf harmonische Weise miteinander kombiniert.

Neue Gesichter, alte Bekannte

Im „Zerbrochenen Krug“ werden im Vergleich zu den beiden bisherigen Stücken etliche neue Schauspieler auftreten. Vorab wurden mehrere Schauspieler und Schauspielerinnen aus Deutschland und Österreich zum Casting geladen. Am Ende fiel die Wahl auf Stefan Ried, der die Rolle des Gerichtsschreibers Licht bekam, Kornel Kass, Absolvent der Schauspielschule Aachen, als Ruprecht, Andreas Kosek aus Wien, als Gerichtspräsident Walter, die Ungarndeutsche Ildikó Frank als Frau Marthe Rull sowie Demeter Dudás als Geist-Rocker und Schlagzeuger, der bereits in den „Mitschuldigen“ eine kleine stumme Rolle spielte und nun das Stück, wie Kramer sagt, „auf eine sehr schräge Art rhythmisch begleitet“.

Die Besucher können sich aber natürlich auch auf bekannte Gesichter freuen. So werden die beiden Gründer, Danielle Dutombé und Jürgen Kramer, natürlich ebenso wieder auf der Bühne stehen wie die Schauspielerin Cassandra Rühmling, die einige schon aus der Inszenierung „Die Mitschuldigen“ kennen. Jochen Könnecke, der sowohl in den „Mitschuldigen“ als auch in „Play Strindberg“ zu sehen war, ist jedoch erst in der nächsten Spielzeit wieder mit dabei.

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Für kleinere Rollen und ihre Zweitbesetzungen hat das BE diesmal sogar einige Laien ins Boot geholt: „Wir wollen in größeren Stücken kleine Rollen an Leute vergeben, die nicht aus dem Bereich Schauspiel, sondern beispielsweise aus der Wirtschaft kommen. Es ist eine interessante Sache, mit ihnen zu arbeiten. Sie selbst haben eine Menge Spaß dabei, in die Theaterwelt hineinzuschnuppern und sogar dafür Applaus zu bekommen“, erklärt Dutombé. Wer allerdings die beiden bekannten deutschen Expats sind, die zur Überraschung vieler Freunde und Bekannter, plötzlich im „Zerbrochenen Krug“ auftauchen werden, wollte sie uns jedoch noch nicht verraten, um der Spannung keinen Abbruch zu tun.

„Der Ignorant und der Wahnsinnige“

Schon im Mai können sich Theaterbegeisterte auf eine weitere Premiere freuen: Das BE wird das im Jahr 1972 von Thomas Bernhard verfasste Drama „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ aufführen. „Hier erwartet die Zuschauer wieder eine neue Facette unseres Schauspielerteams“, verspricht BE-Intendantin Danielle Dutombé.

In diesem Werk geht es um essenzielle Fragen der Kunst. Viel mehr wollen die BEler derzeit aber noch nicht preisgeben. Doch sie sind sich sicher, dass es eine Herausforderung wird: „Nach Goethe, einem Deutschen, und Dürrenmatt, einem Schweizer, ist es nun interessant, auch ein Stück eines Österreichers wie Thomas Bernhard zu inszenieren“, meint Dutombé. Die Umsetzung sei deswegen so spannend und eine Herausforderung, weil jeder der drei Autoren seine ganz eigene Sprache habe. Auch die Schauspieler sind sich einig, dass sie mal wieder richtigen Spaß haben werden, sich mit einem anderen Spiel-Stil zu beschäftigen und sich in eine neue schauspielerische Ausdrucksform hineinzuarbeiten. Die Besetzung der einzelnen Rollen ist bereits klar: BE-Neuling Stefan Ried wird in der Rolle des Wahnsinnigen zu sehen sein, Cassandra Rühmling übernimmt die Rolle der Opernsängerin und BE-Gründer Jürgen Kramer wird den Ignoranten spielen. Für Dutombé bleibt die kleine Rolle der Garderobiere.

Vom Spirit- zum Drei-Raben-Theater

Auch wenn das Schauspielensemble 2018 mehrere Vorstellungen im Budaer Spirit-Theater gab, befand es sich doch immer auf der Suche nach einer festen Spielstätte. Diese hat sie nun im „Három Holló“ (dt.: „Drei Raben“) gefunden. Während die Besucher dort im Erdgeschoss ein Literaturcafé erwartet, befindet sich im Untergeschoss das 240 Quadratmeter große Drei-Raben-Theater. „Das Spirit-Theater war auf Dauer nicht zukunftsträchtig“, begründet Kramer den Umzug. Zum einen, weil die Bühne für die Art Theater, die den Gründern vorschwebt, zu klein und zum anderen, weil das Spirit-Theater selbst bereits mit zahlreichen Vorstellungen ausgelastet gewesen sei. Beim BE-Team ist die Freude über die nun feste Spielstätte jedenfalls groß.

Trotz alledem ist das Ensemble jedoch weiterhin auf Hilfen angewiesen. Mit den Einnahmen aus den Ticketverkäufen könnten nur die minimalsten Ausgaben gedeckt werden, betont Dutombé. Deshalb werde weiterhin nach Sponsoren gesucht. Dabei sind auch Sachspenden etwa in Form von außergewöhnlichen Kostümen, Schminken, Masken, Requisiten oder Garderobenspiegeln erwünscht, erklärt die NBB-Intendantin. Auch über Hilfe bei der Erstellung einer Webseite würde sich das Ensemble freuen. „Nur Sponsoring kann eine deutschsprachige Bühne für Budapest langfristig erhalten. Die NBB- Schauspieler kommen größtenteils aus Österreich und Deutschland und können nicht mit niedrigen Gagen, wie sie etwa in Ungarn für Schauspieler üblich sind, engagiert werden“, erklärt Dutombé.

„Zudem sollen die Schauspieler weiterentwickelt werden. Sie sollen an ihren Rollen und Aufgaben wachsen, um ein eigenes Ensemble des BE zu sichern. Das geht nicht nur während der Proben eines neuen Theaterstücks, sondern kann auch ein gemeinsames Arbeiten und Ausprobieren außerhalb von geplanten Stücken bedeuten. Doch auch das braucht Zeit, und wie jeder weiß, Zeit ist Geld! Hinzu kommen Kosten für Unterkunft, Reisen, Spesen und so weiter“, ergänzt Kramer.

Wer das Budapester Ensemble unterstützen möchte, kann jederzeit mit den Gründern selbst Kontakt aufnehmen und sich dabei auch Tickets für die bevorstehenden Veranstaltungen sichern. Kontaktieren Sie uns bitte unter NeueBühneBudapest@gmail.com oder telefonisch unter +36-20-204-2093.


Kommende Vorstellungstermine im Drei-Raben-Theater

(Budapest, V. Bezirk, Szabad sajtó út 2):

„Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist

25., 27. und 28. April sowie 1., 2. und 3. Juni

„Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von Thomas Bernhard

24., 25. und 26. Mai

Die im März aus logistischen Gründen, die mit der Eröffnung des gesamten Literaturcafés zusammenhingen, abgesagten Spieltermine der Komödie „Play Strindberg“ von Friedrich Dürrenmatt werden am 22. und am 23. November nachgeholt.

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