An den grundlegenden Voraussetzungen hat sich seitdem kaum etwas geändert: Ein überragend starker Fidesz wird von einer heterogenen Schar an verschiedenen Parteien herausgefordert. Rein zahlenmäßig sind sie zwar zusammengenommen stärker, da sie aber nicht geschlossen wie ein Block auftreten, spielt das mit Blick auf das gültige Wahlgesetz, das der jeweils stärksten Partei zugutekommt, keine Rolle.

Trotz der Ähnlichkeit zur Situation von vier Jahren gibt es heute dennoch einige wesentliche Unterschiede, die auf den letzten Metern für eine gewisse Spannung sorgen. An erster Stelle ist hier die entradikalisierte Jobbik zu nennen. Markige rechtsradikale Sprüche und EU-Fahnen verbrennen – das war einmal. Heute tritt die Jobbik wie eine konservative Volkspartei auf. Parallel zu diesem Wandlungsprozess verblasste zugleich die dicke rote Linie rund um die Partei, die anderen oppositionellen Kräften und Wählern bisher schon den Gedanken daran verbot, sich der Jobbik zu nähern.

Eine formale Blockbildung mit der Jobbik ist zwar immer noch nicht möglich, für viele Wähler aus dem linken und liberalen Spektrum hat sich die Jobbik aber immerhin zu einer wählbaren Alternative entwickelt. Wenn auch nicht aus tiefster Überzeugung heraus, so doch als „kleineres Übel“, um den Fidesz, der für sie immer mehr Ähnlichkeiten mit der klassischen Jobbik aufweist, in die Schranken zu weisen.

Spannender ist diese Wahl aber auch deswegen, weil übereinstimmend alle maßgeblichen Meinungsforschungsinstitute mehr oder weniger deutlich zugeben müssen, dass sie wirklich belastbare Prognosen hinsichtlich des Wahlergebnisses diesmal nicht bieten können. Stattdessen sind vermehrt Stimmen zu hören, die behaupten, dass der Fidesz zu hoch und die Herausforderer zu niedrig gemessen werden.

Es ist auch schwer abzuschätzen, inwieweit die an einem Regierungswechsel interessierten Wähler in den Wahlkabinen letztlich taktisch wählen werden, also dem aussichtsreichsten Herausforderer ihre Erststimme geben, oder nach alter Gewohnheit frei nach Parteienpräferenz ihr Kreuz setzen.

Interessant dürfte zudem werden, wie geschlossen die Fidesz-Wähler von 2014 ihrer Partei erneut die Stange halten. Es ist nicht auszuschließen, dass insbesondere die überzeugten Konservativen unter ihnen inzwischen so große Probleme mit dem Stil der Fidesz-Regierung und ihrem Umgang mit öffentlichen Geldern haben, dass sie lieber zu Hause bleiben. Nicht weil sie ihre Partei nicht mehr mögen, sondern weil sie davon überzeugt sind, dass dem Spitzenpersonal ihrer Partei eine nochmalige Zweidrittelmehrheit endgültig zu Kopf steigen würde.

Wenn es parallel zu solchen Überlegungen innerhalb des seit Jahren nicht wachsenden Fidesz-Lagers auch noch von Seiten der Fidesz-Gegner eine große Wahlbeteiligung gibt, könnte es durchaus eng für die Orbán-Partei werden. Wobei die meisten Beobachter davon ausgehen, „eng“ bedeute in diesem Zusammenhang lediglich, dass der Fidesz diesmal „nur“ eine – mehr oder weniger komfortable – absolute Mehrheit erhält.

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