Der VII. Bezirk in Budapest ist besonders für sein reges Nachtleben bekannt, es gibt zahlreiche Clubs, Kneipen und Restaurants. Mittendrin befindet sich die Basic Bar, ein kleines, gemütliches Lokal in der Dob utca 28. Betritt man dieses an einem Dienstagabend, springt einem schon von weitem ein Schild mit der Aufschrift „Couchsurfing“ ins Auge. Es steht auf einem der größten Tische des Lokals. Hier sitzen bereits Kristóf und Péter und warten gespannt darauf, wer an diesem Abend noch so alles zum Couchsurfing-Treffen kommen wird.

Kostenlos schlafen auf fremden Sofas

Doch was ist eigentlich Couchsurfing? Die Onlineplattform Couchsurfing gibt es schon seit über 10 Jahren. Sie zählt heute mehr als 10 Millionen Mitglieder. Das Prinzip lässt sich mit der Gastgeberplattform Airbnb vergleichen: Man legt sich ein Nutzerprofil mit Informationen über sich an und lädt Fotos hoch. Über eine interne Suchfunktion kann man dann Gastgeber weltweit finden und diese kontaktieren oder auch die eigene Couch für Reisende zur Verfügung stellen. Das alles funktioniert völlig kostenlos.

Natürlich setzt Couchsurfing immer eine gehörige Portion Vertrauen in einen fremden Menschen voraus, doch durch Bewertungen der anderen Nutzer erhält man ein Bild davon, wie zufrieden andere Couchsurfer mit dem Gastgeber und der Unterkunft selbst waren oder auch umgekehrt, wie zufrieden Gastgeber mit einem Gast waren. Ob man andere bei sich übernachten lässt, darüber kann jeder selbst entscheiden. Auch wenn man selbst bei anderen übernachten möchte, muss man nicht zwangsläufig auch die eigene Couch anbieten. Beherbergungen beruhen immer auf Absprachen zwischen den Beteiligten, die Dauer des Aufenthalts wird meistens im Vorhinein vereinbart.

Neben der Möglichkeit des Couchsurfings gibt es mittlerweile in vielen europäischen Städten auch die Möglichkeit an Veranstaltungen und „Couchsurfing“-Treffen wie dem in der Basic Bar teilzunehmen. Es gibt auch eine Couchsurfing-App, bei der man sich noch schneller mit anderen Reisenden vernetzen kann und über die Standortbestimmung die Möglichkeit hat, direkt zu sehen, welche Couchsurfer in der Nähe sind und sich beispielsweise auf einen Kaffee oder ein Bier treffen möchten.

Die Geschichte Ungarns gepackt in zwei Reisetaschen

Auch in der Basic Bar sind mittlerweile viele Couchsurfer aus aller Welt eingetroffen und haben sich ihr erstes Bier bestellt. Kristóf unterhält sich bereits angeregt. Der 31-Jährige organisiert seit einigen Jahren die Treffen. Er ist halb Deutscher, halb Ungar und bilingual aufgewachsen. Seit vielen Jahren wohnt er schon in Budapest. Die wöchentlichen Treffen sind für ihn eine Herzensangelegenheit.

Er erzählt: „In Budapest findet jede Woche das älteste Couchsurfing-Treffen in ganz Europa statt, seit insgesamt 12 Jahren wird es bereits veranstaltet.“ Jede Woche packt Kristóf dafür zwei große Reisetaschen voll mit Büchern, Zeitschriften und Reiseführern und nimmt sie in die Bar mit. Für ihn ist es wichtig, die Geschichte Ungarns und Budapests an Interessierte weiterzugeben. Dafür hat er eigens drei Ordner angelegt, in denen er alle möglichen Zeitungsartikel, Broschüren und Flyer auf Englisch, Deutsch und Ungarisch sammelt: „Für jeden Ordner habe ich mehrere Wochen gebraucht, aber das war es wert. Ich freue mich über jeden, der Interesse an der Geschichte Ungarns hat.“

Kristóf erzählt gerne und viel, ihm wird es jedoch zu viel, wenn er das Gefühl hat, Leute kommen und wollen um jeden Preis unterhalten werden: „Manchmal kommen Leute, setzen sich hin, schnipsen mit den Fingern und sagen ‘So ich bin jetzt hier, wann geht’s los?’. Das finde ich schade. Es nimmt mir selbst so ein bisschen die Freude daran. Es soll ja vor allem darum gehen, dass die Leute miteinander ins Gespräch kommen und dass sie vielleicht jemanden finden, der Lust hat, etwa morgen mit ihnen zum Budapester Parlament zu gehen.“

Einheimische und Zugezogene kommen zusammen

Neben Kristóf sitzt der 23-jährige Péter. Der gebürtige Budapester kommt seit letztem Sommer fast jede Woche zum Couchsurfing-Treffen: „Für mich ist es jedes Mal wieder spannend, was für Leute kommen werden. Ich muss meine Heimatstadt Budapest nicht einmal verlassen und lerne Menschen aus aller Welt kennen. Das ist sehr inspirierend für mich. Besonders die Offenheit und Freundlichkeit schätze ich an solchen Abenden.“

Das findet auch Maria. Sie ist 25, stammt aus Russland und ist gerade zu Besuch in der ungarischen Hauptstadt: „Ich komme aus Moskau und bin für eine Woche alleine nach Budapest gereist, um mir die Stadt anzuschauen. Ich finde es super, dass das Couchsurfing-Treffen so offen ist. Ich kann einfach herkommen und bin sofort unter Gleichgesinnten.“

Die 35-jährige Niki aus Deutschland ist auch da, um mit neuen Leuten ins Gespräch zu kommen. Seit zwei Jahren lebt sie in Budapest und arbeitet als Deutschlehrerin an einem Budapester Gymnasium: „Seit ich hier lebe, komme ich regelmäßig hierher. Im Winter ist zwar nicht ganz so viel los, im Sommer dafür umso mehr. Da organisiere ich auch selbst Couchsurfing-Veranstaltungen, zum Beispiel Picknicks im Park, bei denen natürlich jeder mitmachen darf, der Lust hat.“

Ein kommerzielles Unternehmen

Ein Thema, das bei dem Couchsurfing-Treffen an diesem Abend auch besprochen wird, ist die zunehmende Kommerzialisierung der Plattform. Auch wenn sich Couchsurfing unabhängig von seiner ursprünglichen Funktion zu einer eingeschworenen globalen Gemeinschaft entwickelt hat, deren Mitglieder vor allem die Reiselust und ihre Neugierde auf alles Neue verbindet, darf man nicht vergessen, dass die Plattform auch ein kommerzielles Unternehmen ist. Der Eigentümer der 2004 gegründeten CouchSurfing International, Inc., ist der Amerikaner Casey Fenton.

Im Jahr 2011 wurde die komplette Unternehmensstruktur umgewandelt, hin zu einem gewinnorientierten Geschäftsmodell. Geld verdienen will das Unternehmen jedoch nicht etwa durch Werbung, sondern mit dem Angebot, dass Mitglieder das eigene Profil durch eine kostenpflichtige Identitätsprüfung per Kreditkarte und Telefonnummer verifizieren lassen können. Durch die Bestätigung der Authentizität des Profils verspricht Couchsurfing schneller einen Gastgeber zu finden – garantieren können sie das aber natürlich nicht. Das Angebot muss man nicht wahrnehmen, es bleibt immer noch den Nutzern überlassen, ob sie Geld zahlen wollen oder nicht. Trotzdem wird es von vielen Nutzern stark kritisiert, da es dem kostenlosen und gemeinnützigen Ideal der Couchsurfing-Gemeinde widerspricht.

Auch die Couchsurfer in der Basic Bar bedauern den Wandel der Onlineplattform. Kristóf schlussfolgert: „In den letzten Jahren hat sich bei Couchsurfing zwar einiges verändert, aber für viele, die hier jede Woche herkommen, ist nach wie vor das Lebensgefühl Couchsurfing entscheidend, die Abenteuerlust und die Möglichkeit, sich überall auf der Welt sofort mit Gleichgesinnten zu vernetzten. Couchsurfing ist zwar mittlerweile eine kommerzialisierte Plattform, aber letztendlich liegt es an uns, den Couchsurfern, was wir daraus machen.“ Und in diesem Sinne wird Kristóf auch weiterhin seine Couchsurfing-Treffen organisieren.

Fazit

Wenn man selbst vor Ort ist, merkt man schnell, dass die Couchsurfing-Treffen eigentlich keine bestimmte Zielgruppe haben, fast alle Altersstufen sind vertreten, Einheimische, Zugezogene und Reisende kommen zusammen. Manche gehen noch zur Universität, andere sind in der Kreativbranche unterwegs und wieder andere stehen schon mit beiden Beinen im Berufsleben. Entscheidend scheint einzig und allein die Couchsurfing-Mentalität zu sein, die Abenteuerlust und die gegenseitige Offenheit, mit der sich die Menschen aus aller Welt begegnen.

Wer mehr über die Couchsurfing-Treffen erfahren möchte, kann das natürlich auf der Couchsurfing-Plattform selbst tun oder auch in der Facebook-Gruppe „Couchsurfing Budapest Group Official“. Natürlich kann man auch einfach spontan an einem Dienstagabend ab 20 Uhr in der Basic Bar zum wöchentlichen Treffen kommen.

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