88 Tasten besitzt ein herkömmliches Klavier und in Anlehnung daran, führte der deutsche Komponist Nils Frahm 2015 am 88. Tag des Jahres den Pianotag ein. Die seitdem jährlich stattfindende Veranstaltung soll laut seinem Schöpfer „das Klavier und alles, was dazugehört, einmal gebührend feiern.“ Angesprochen sind Pianisten und Komponisten ebenso wie Klavierbauer, Spediteure und natürlich die Zuhörer.

Auch in Ungarn wird dieser Tag mittlerweile begangen. Dieses Jahr wird dabei in Tolmács ein ganz besonderes Projekt vorgestellt. Vor drei Jahren begann der Klavierbauer David Klavins inspiriert von Nils Frahm sein bisher buchstäblich größtes Projekt: ein vertikales Klavier noch nie gesehenen Ausmaßes. Das Instrument wurde dieses Jahr hier in Ungarn fertiggestellt und wird am Sonntag in Tolmács bei Rétság der Öffentlichkeit vorgestellt.

Um 15.30 Uhr wird der Klavierbauer selbst seine Innovation vorstellen und anschließend Fragen von Interessierten beantworten. Zudem werden die Komponisten und Pianisten Amanda Bloom und Bruno Sanfilippo eine Kostprobe des einzigartigen Klangs geben. Abends, um 19 Uhr, findet in Vác zudem ein Konzert auf einer früheren Entwicklung Klavins, dem Una-Corda-Piano, einem besonders leicht klingenden Klavier aus Stahl, statt, bei dem die beiden Pianisten ihre eigenen Werke zum Besten geben werden.

Inspiration Orgel

Inspiriert durch den Orgelbau entstanden Klavins besonders große vertikale Klaviere. Denn auch die Orgelbauer sahen in der Höhe eines herkömmlichen Wohnraumes keine Grenze. Das M450i VCG passt mit seinen 4,5 Metern jedenfalls ganz bestimmt nicht in ein normales Wohnzimmer. Schon allein das Podium – dort sitzt der Pianist wie bei einem ganz normalen Klavier, nur eben eine Etage höher – befindet sich auf etwa drei Metern Höhe.

Um den Klang zu perfektionieren, schufen die Orgelbauer extra lange Pfeifen. Gleiches wollte David Klavins durch die Länge der Klaviersaiten erreichen. Er legte dabei besonderen Wert auf die tiefe Tonlage und wollte selbst den tiefsten Ton der Klaviatur, der auf gewöhnlichen Klavieren in seiner Tonhöhe unscharf und grummelig klingt, auf das gleiche klangliche Niveau wie die höheren Töne heben und besonders klar erscheinen lassen. Bei normalgroßen Klavieren sind die Saiten der tiefen Töne nämlich aufgrund der begrenzten Größe viel dicker als die anderen Saiten und erscheinen deswegen in ihrer Tonhöhe relativ undeutlich.

Diese störende Tatsache wird durch die ungewöhnliche Höhe des M450i VCG und die damit verbundene Länge der Saiten behoben. Die tiefen Saiten sind hier deutlich dünner als herkömmliche und klingen nahezu so klar wie die Töne in der Mittellage. Laut der Pianistin Amanda Bloom, die am 25. März eine Kostprobe auf dem M450i geben wird, überzeugt das Ergebnis: „Die Basssaiten sind über dreieinhalb Meter lang, das ist atemberaubend.“

„Wenn man eine Taste drückt, hat es so viel mehr Bedeutung“

Wenn man das 4,5 Meter hohe Klavier das erste Mal sieht, ist gerade die Größe das Besondere. Die Technik im Inneren unterscheidet sich dagegen kaum von einem gewöhnlichen Klavier. Doch gibt es dann zu einem normalgroßen Klavier überhaupt einen klanglichen Unterschied?

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David Klavins hatte vor diesem riesigen Projekt schon einmal ein Klavier in Übergröße geschaffen. 1987 wurde bereits das Klavins-Piano Model 370 vorgestellt. Das 3,7 Meter hohe Klavier begeisterte Pianisten und Komponisten gleichermaßen, zahlreiche Künstler haben mit dem Instrument Stunden der Zweisamkeit verbracht und seine Tasten angeschlagen. Auch der deutsche Komponist Nils Frahm war begeistert, strebte aber nach mehr. Er gab den Anstoß zu dem 4,5-Meter-Projekt, das der experimentierfreudige Klavierbauer gerne in Angriff nahm.

Die Größe ist zwar beeindruckend, aber der Klang habe für beide immer im Vordergrund gestanden, so Klavins. „Die Qualität des Klangs und seine Stärke sind nicht vergleichbar mit irgendeinem anderen Klavier auf der Welt“, so Bloom im Interview mit der Budapester Zeitung. In der Spielart würde sich nichts unterscheiden, außer dass es, statt den normalen zwei oder drei Pedalen, nur das rechte, das Fortepedal gibt. Der Nachhall ist schon von Natur aus größer als bei anderen Klavieren. Auch im Anschlag der Tasten gebe es keinen physischen Unterschied, beschreibt Klavins. „Aber jedes Mal, wenn man eine Taste drückt, eine Note spielt, hat es so viel mehr Bedeutung.“

Das Zeitlose hörbar machen

Seit sie drei Jahre alt ist, spielt Amanda Bloom auf den verschiedenen Flügeln und Klavieren der Welt. Die australische Pianistin lebte schon in Kambodscha, London und Jordanien, drehte Musikvideos und nahm unter anderem in Indien, Thailand und Malaysia ihre Alben auf. Nun hat sie auch Europa für sich entdeckt und mit Vác ihren ersten längeren Aufenthaltsort gefunden. Ihr nächstes Album wird kommenden Sommer in Berlin aufgenommen.

Beim abendlichen Konzert am 25. März präsentiert sie dem Publikum jedoch vorab schon mal einen exklusiven Einblick. Die Veranstaltung ist allein der Klaviermusik gewidmet. Bloom sieht es als Rückbesinnung auf ihre Wurzeln. Denn sonst experimentiert die Komponistin gerne mal mit Gesang und verschiedener Instrumentierung. Ihre Stücke finden sich zwischen Pop und klassischer Musik wieder. Sie möchte damit keinem Trend folgen, sondern das Zeitlose hörbar machen.

Im anderen Teil des Pianotag-Programms in Vác ist die Musik des argentinischen Komponisten Bruno Sanfilippo zu hören. Der in Spanien lebende Pianist sucht mit seiner Musik neue Qualitäten des Klangs und taucht in seine Tiefe, um magische Facetten hervorzuholen. Inspiriert wird er durch verschiedene Genres, wie der Film- und Minimal-Musik. Inspiration bezieht er unter anderem auch aus der Musik Claude Debussys oder Erik Saties. Für Sonntag hat er einen Mix aus seinem gesamten Schaffen vorbereitet.

64 Tasten – 64 Saiten

Die Feier zum Pianotag widmet sich dieses Jahr aber nicht nur dem größten vertikalen Klavier der Welt. Der eher klassische Teil der Veranstaltung findet am Abend um 19 Uhr statt. Da geht es nicht mehr um Größe, sondern eher um das Grazile, das Schlanke. Klavins Una-Corda-Piano hat nur eine Saite pro Ton. Gewöhnliche Klaviere haben in der hohen und Mittellage immer drei Saiten, um den Ton voller und lauter klingen zu lassen. Doch gerade das wollten Nils Frahm, der das einzigartige Klavier in Auftrag gab, und Erbauer David Klavins nicht.

Der Klang des Una-Cordas ist leichter, wärmer, engelsgleich. Frahm beschreibt den Klang als eine Mischung aus Klavichord, Gitarre und Harfe. Durch mehrere Möglichkeiten der Dämpfung kann man dem ohnehin schon leisen Klang viele weitere Nuancen entlocken. Nicht nur im Klang ist das Una-Corda reduzierter, auch die Anzahl der Tasten ist mit 64 geringer als bei normalen, 88-tastigen Pianos. Laut Pianistin Bloom eine Herausforderung für die Spielweise: „Für das Una-Corda-Piano habe ich meine Stücke umgeschrieben, sie friedlicher und intimer gemacht, und damit passender für dieses besondere Instrument.“

Konzert für Auge und Ohr

Die beiden Pianos von Klavins sind nicht nur in Größe und Klang besonders, auf den zweiten Blick fällt auch auf, dass sie nicht die gewöhnliche Holzverkleidung tragen, sondern quasi nackt sind. So kann man jeden Vorgang im Klavier nicht nur hören, sondern auch sehen. Das Holz außerhalb des Klaviers sei für den Klang nur hinderlich und würde die Bestrebung nach Kraft und Klarheit einschränken, erklärt Klavins.

Das Konzert am Abend in Vác mit dem grazilen Instrument aus Stahl bildet einen guten Kontrast zum mächtigen und majestätischen Klang des am Nachmittag in Tolmács vorgestellten Viereinhalb-Meter-Klaviers. So werden alle Facetten des innovativen Klavierbaus abgedeckt und man kann sich auf eine Show für Auge und Ohr freuen.

Workshop – Präsentation des Klavins M459i (Update: gecancelt)

25. März, 15:30 Uhr

2657 Tolmács, Bogányi Produktionsanwesen 12121

Una-Corda-Pianokonzert

25. März, 19 Uhr

Klavins Piano Manufaktúra Kft.

2600 Vác, Galcsek utca 8-10


Eintritt für beide Veranstaltungen ab 4.500 Forint. Weitere Informationen und Ticketbestellung finden Sie unter www.klavins-pianos.com.

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