Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und das siebtgrößte Land weltweit. Englisch ist zwar Amtssprache, doch insgesamt werden über 500 indigene Sprachen gesprochen. Der Norden ist vorwiegend muslimisch, der Süden vor allem christlich geprägt.

Alkohol und voreheliche Beziehungen sind tabu

Auch Joshua Walter kommt aus dem Süden von Nigeria. Der heute 25-Jährige ist als einziges Kind in einer sehr christlichen und konservativen Familie aufgewachsen, die Mitglied der Pfingstbewegung ist. Die in Nigeria rasant wachsende christliche Missionsbewegung glaubt an das grenzüberschreitende Wirken des Heiligen Geistes und praktiziert eine wörtliche Auslegung der Bibel. Alkohol und voreheliche Beziehungen sind tabu. Mit 20 Jahren zieht Joshua Walter alleine nach Budapest, um an der Semmelweis-Universität Pharmazie zu studieren. Für den jungen Mann schien der Schritt nach Europa vielversprechend. „Ich wollte nie nur ein ‚lokaler Held‘ sein“, erzählt er der Budapester Zeitung.

Der junge Nigerianer träumte schon früh vom Erfolg im Ausland. Dass er dabei scheitern könnte, kam ihm nie in den Sinn. „Wenn du es in Nigeria schaffst, dann schaffst du es überall.“ Schon der Alltag in seiner Heimat sei in manchen Bereichen anstrengender als in Ungarn, beispielsweise kann man morgens nach dem Aufstehen nicht immer sofort warm duschen, da schon das Beschaffen des Wassers eine Aufgabe für sich ist.

Sich in seiner neuen Heimat Budapest einzuleben, fiel Joshua zunächst schwer. Er wusste nicht, wie man kocht und ernährte sich deshalb nur von Fastfood. Hinzu kam der ,,Kulturschock’’. Paare, die sich an den Händen halten, sich in der Öffentlichkeit küssen oder junge Leute, die rauchen, war Joshua aus Nigeria nicht gewöhnt. Anfangs wechselte er abrupt die Straßenseite, wenn sich jemand eine Zigarette anzündete. Er versuchte sich von schlechten Einflüssen fernzuhalten und sich mit den richtigen Leuten zu umgeben. Auch deshalb, weil ihm wichtig ist, den Menschen in Europa zu zeigen, dass Afrikaner nicht zwangsläufig Diebe und Verbrecher sind, sondern ehrliche, intelligente Menschen.

Mentale Kraft durch Musik und christlichen Glauben

Was Joshua bis heute viel Kraft und Halt gibt, ist seine Kirchengemeinschaft in Budapest, aber auch die Musik. Der junge Nigerianer spielt seit dem frühen Kindesalter Saxophon. Zusammen mit seiner Band musiziert er wöchentlich bei den Gottesdiensten seiner Gemeinde, mittlerweile haben sie aber auch Auftritte außerhalb der Kirche, beispielsweise in Kneipen wie dem Szimpla Kert im Jüdischen Viertel von Budapest. Im vergangenen Jahr traten sie sogar auf dem Sziget-Festival auf.

Der Kirchenbesuch und die Gemeinschaft mit den anderen nigerianischen Mitgliedern sind Joshua wichtig, um den Werten, die ihm seine Eltern bei der Erziehung mitgegeben haben, treu zu bleiben. Dennoch schätzt er auch die Freiheit und die Möglichkeit, in Budapest für sich selbst verantwortlich zu sein: ,,Ich bin immer noch Nigerianer, es ist mir aber wichtig liberal zu sein. Ich gehe auf Partys, trinke ab und zu Alkohol und gehe trotzdem in die Kirche. In Nigeria wäre das so nicht möglich.’’

Auf der Bühne ist er am glücklichsten: Joshua Walter und sein Saxophon. (Foto: Facebook)


Auch wenn er nach wie vor in engem Kontakt mit seinen Eltern steht, wissen diese nicht, dass er Alkohol trinkt und er erzählt ihnen auch nichts davon. Vor etwa einem Jahr färbte er sich blonde Strähnen ins Haar. Als er davon ein Foto auf Facebook stellte, forderte ihn sein Vater auf, es sofort zu löschen. Es ist nicht einfach für Joshua, eine Balance zwischen seinem neuen und seinem alten Leben zu finden, aber dennoch gibt er nicht auf und versucht es immer wieder. Neben Jazz und Saxophon ist ihm auch das Singen sehr wichtig. Dieses Jahr will er an der Musikcastingshow X-Faktor in Budapest teilnehmen, um sein Können unter Beweis zu stellen.

Rassismus: Kleider machen Leute

Insbesondere seit dem Beginn der Flüchtlingskrise 2015 wird das Thema Einwanderung in der ungarischen Gesellschaft kritisch diskutiert. Der ungarische Grenzzaun und die heraufbeschworene Terrorgefahr durch Migranten sind bedeutende Themen im aktuellen Wahlkampf. In einem Interview mit dem ungarischen Kossuth-Radio verglich Regierungschef Viktor Orbán kürzlich „Migrantenströme“ mit einer Zahnpastatube, deren Inhalt, „ist er erst einmal aus der Tube raus, sich auch nicht mehr zurückdrücken lässt“. Orbán sprach sich deshalb dagegen aus, Einwanderer überhaupt erst ins Land zu lassen.

Joshua Walter fällt im Budapester Stadtbild auf, er ist dunkelhäutig, an die ständigen Blicke auf der Straße hat er sich inzwischen gewöhnt. Er sagt, dass er deutlich spürt, dass sich die Stimmung in Ungarn seit der Flüchtlingskrise gegen Migranten gewendet hat und es dadurch auch für ihn teilweise schwieriger ist, gegen das Klischee des Arbeitsplätze klauenden Ausländers anzukämpfen. Seitdem wird er auch häufig gefragt, mit welchem Boot er nach Ungarn gekommen sei.

Umso mehr achtet Joshua Walter darauf, den Menschen durch sein Äußeres keinen Anlass zu geben, ihn für einen Flüchtling zu halten: ,,Wenn du dich ordentlich kleidest – Sakko, Krawatte und ein gutes Parfum –, dann merken die Leute, dass du jemand bist und irgendwo arbeitest. Dann denken sie auch, dass du ganz nett bist.’’ Besonders wenn er gut angezogen am Sonntag in die Kirche geht, hat er das Gefühl, bewundernde Blicke zu bekommen und akzeptiert zu werden.

In der Finanzwelt gibt es kaum Christen

Nach zwei Jahren in Budapest hat Joshua Walter seinen Studiengang gewechselt, mittlerweile studiert er Wirtschaft und Buchhaltung. Pharmazie hatte er nur seinen Eltern zuliebe studiert, er hat aber gemerkt, dass ihm das Fach nicht liegt. Er sagt, dass in der Finanzwelt viele Leute zwar keine Christen sind, es ihm aber nichts mehr ausmacht. Joshua ist kein religiöser Freak und will vor allem unabhängig sein. Der junge Nigerianer versucht aber auch, gegen die herablassende Einstellung anzukämpfen, mit der viele Menschen Afrika begegnen.

Seiner Meinung nach würden sich Europäer oft überlegen fühlen und ihre eigenen Gesetze auf Afrika übertragen wollen. Fünf Jahre in Budapest haben aber auch bei Joshua Veränderungen bewirkt, er ist viel selbstständiger geworden: Durch YouTube-Videos hat er gelernt, nigerianisch zu kochen und bereitet jetzt für sich selbst das Essen seiner Heimat zu. Eines Tages will er nach Nigeria zurückkehren, mit den ganzen Erfahrungen und Erlebnissen seiner Budapester Zeit im Gepäck.

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