Wahlentscheidungshilfen gibt es in vielen Ländern Europas, da wäre beispielsweise der Wahl-O-Mat in Deutschland oder Smartvote in der Schweiz. „Überall erfüllen diese Tools gerade im Vorfeld von Wahlen eine außerordentlich wichtige Funktion“, so Dr. Melani Barlai, Mitbegründerin und Koordinatorin von Vokskabin an der deutschsprachigen Andrássy Universität in Budapest. Die Wahlbeteiligung lasse in manchen Ländern, so auch in Ungarn zu wünschen übrig. Nach den nationalen Statistiken nehmen von etwa acht Millionen Wahlberechtigten nur etwa fünf Millionen an den Wahlen teil. Das sind gerade einmal rund 62 Prozent. Gründe dafür sind laut Barlai häufig mangelndes Interesse und fehlendes Wissen über aktuelle Politik. Die etwa 15-minütige Onlinebefragung soll da Abhilfe schaffen. „Vokskabin liefert erste Informationen zu aktuellen politischen Themen“, so die Politikwissenschaftlerin.

Einschätzung anhand von 35 Fragen

Vor vier Jahren wurde Vokskabin anlässlich der damaligen ungarischen Parlamentswahlen ins Leben gerufen. Seitdem ist das Projekt auch im Vorfeld anderer Wahlen, wie Kommunalwahlen oder den Wahlen zum Europäischen Parlament im Einsatz gewesen. Die anstehenden Parlamentswahlen sind für die Entwickler des Onlinetools, als zweite nationale Wahlen seit der ersten Veröffentlichung, jedoch von besonderer Bedeutung.

Wer Vokskabin nutzt, dem werden 35 Fragen zu aktuellen politischen Themen gestellt, zum Beispiel: „Sollen gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen?“, „Sollen Schulen selber entscheiden können, welche Schulbücher sie für den Unterricht verwenden?“ oder „Soll Ungarn in den nächsten zehn Jahren den Euro einführen?“ Die eigenen Antworten werden anschließend mittels eines Algorithmus mit den Antworten der im Vorfeld ebenfalls befragten Parteien verglichen. Als Ergebnis bekommt man eine anschauliche Grafik mit einem Prozentsatz der eigenen Übereinstimmung mit den Parteien. Zusätzlich zu dieser Grafik kann man für jede Frage einsehen, welchen Standpunkt die einzelnen Parteien vertreten.

Alle Fragen sind Entscheidungsfragen, bei denen man zwischen „Ja“, „Nein“ und „Ich weiß nicht“ wählen kann. Wird eine Frage mit „Ich weiß nicht“ beantwortet, entspricht dies einer Nichtbeantwortung. Für ein realitätsnahes Ergebnis ist es natürlich sinnvoll, so viele Fragen wie möglich mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten. Zusätzlich kann man angeben, welche Relevanz man einer Frage einräumt. Dies wird ebenfalls mit der Gewichtung der Parteien verglichen und in die Auswertung mit einbezogen.

Relevante und polarisierende Fragen

Die Meinungen von neun Parteien werden bei der Auswertung berücksichtigt: Die Regierungskoalition bestehend aus dem nationalkonservativen Fidesz und der christdemokratisch-konservativen KDNP, die sozialistische Partei MSZP, die Mitte-links-Sammelbewegung Együtt, die LMP, die auf ökologische, wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit Wert legt, die rechtsradikale Jobbik, die sozialliberale Demokratische Koalition (DK), die liberale Momentum-Bewegung, die ebenfalls grüne Párbeszéd und die liberale Partei Liberálisok.

Vokskabin ist ein gemeinsames Projekt des Netzwerks Politische Kommunikation netPOL und der deutschsprachigen Andrássy Universität in Budapest. An der redaktionellen Arbeit sind sowohl Politexperten als auch Studierende beteiligt. Diese haben anhand der Parteiprogramme und der Regierungspolitik eine Anzahl von Fragen herausgearbeitet, die dann den Parteien zur Beantwortung geschickt wurden. Für die aktuelle Wahl wurden vorab 53 Fragen formuliert. Nach Eintreffen der Antworten von den Parteien wurde die Anzahl jedoch auf 35 reduziert. Kriterien für diese Auswahl waren Relevanz, verständliche Formulierung und Polarisierung. So sind zum Beispiel Fragen entfallen, die von allen Parteien gleich beantwortet wurden, da Vokskabin natürlich nur anhand unterschiedlicher Antworten die Meinung des Nutzers einer Partei zuordnen kann.

Objektivität, Wissenschaftlichkeit und Parteiunabhängigkeit

Die diesjährigen Fragen behandeln Themen verschiedener politischer und gesellschaftlicher Bereiche, wie etwa die Asyl-, Bildungs- und Sozialpolitik. Außerdem werden Meinungen zu Veränderungen der Gesetzeslage, zur Gleichstellungspolitik und zum Umgang mit Nichtregierungsorganisationen erfragt.

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Die Studierenden Zsófia Székely, Tünde Darkó und Mátyás Ökrös mit Melani Barlai (v. l. n. r.) auf der Pressekonferenz zur Liveschaltung des aktuellen Vokskabin-Fragebogens. (Foto: AUB)

Wie Barlai erklärt, habe man versucht, die Nutzer weder durch die Auswahl der Fragen noch durch die Formulierung selbiger in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen. „Es ist uns sehr wichtig zu betonen, dass Gesichtspunkte wie Objektivität, Wissenschaftlichkeit und vor allem Parteiunabhängigkeit für das Projekt unerlässlich sind und strengstens eingehalten werden“, so Barlai. Die Webseite fragt zudem keine persönlichen Daten ab und garantiert den Nutzern somit vollständige Anonymität.

Steigende Beliebtheit bei den Wählern

Was die Zielgruppe des Onlinetools anbelangt, so wird Vokskabin sowohl von entschlossenen als auch von unentschlossenen Wählern genutzt. Bei denen, die schon eine bestimmte Parteipräferenz haben, bestärkt die Vokskabin-Befragung zumeist erneut die persönliche Entscheidung. „Aber selbst Wähler ohne feste Parteibindung, die angeben, aufgrund eines Wahlhilfe-Tests ihre Parteipräferenz zu ändern, tun dies meist innerhalb einer Parteifamilie, also beispielsweise innerhalb des konservativen oder des links-liberalen Lagers“, erklärt Melani Barlai. Außerdem betont sie, dass Vokskabin den Wahlausgang nicht beeinflussen kann oder will, sondern das Ziel hat, die Wähler zu mehr politischer Aufmerksamkeit anzuregen. Vokskabin nimmt den Wählern somit nicht ihre Entscheidung ab, sondern stellt lediglich eine Hilfe dar und bietet eine Motivationsgrundlage zur weiteren Informationssuche.

Im internationalen Vergleich mit ähnlichen Wahlentscheidungshilfen liegt Vokskabin mit bisher insgesamt etwa 100.000 Nutzern noch lange nicht an der Spitze der Beliebtheitsskala. Doch gerade in letzter Zeit erfreut sich Vokskabin steigender Nutzerzahlen. Denn schon in der ersten Woche nach der Veröffentlichung verzeichnete die ungarische Wahlentscheidungshilfe etwa 50.000 Nutzer. Diese Rekordzahlen werden wohl weiter steigen. „Bis zur Wahl am 8. April könnten es noch deutlich mehr werden“, so die Einschätzung von Barlai.

Jobbik und Regierung auf gleicher Wellenlänge?

Die transparente Darstellung der Parteiantworten am Ende des Fragebogens ist nicht nur eine gute Möglichkeit, seine eigenen Antworten mit denen der Parteien zu vergleichen, sondern ermöglicht auch den Vergleich der Parteien untereinander. Dabei fallen einige Diskrepanzen zwischen Regierung und Opposition auf. Bei 13 von 35 Fragen vertrat die Opposition geschlossen eine der Regierungsdirektive entgegengesetzte Meinung. Diese Fragen betreffen unter anderem die Themen Rechte und Position von Frauen, den Umgang mit Nichtregierungsorganisationen und den Medienpluralismus. Andererseits zeichnet sich auch die Nähe einiger Parteien in ihrer Meinung zu der der Regierung ab. Mit 14 Übereinstimmungen ist die rechtradikale Jobbik der Regierung am nächsten, gefolgt von der Momentum-Bewegung mit acht gleichen Antworten. Die übereinstimmenden Antworten von Jobbik und Fidesz-KDNP beziehen sich hauptsächlich auf Fragen der Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Information und Motivation

Auf der Webseite von Vokskabin wird derzeit nicht nur der aktuelle Fragenkatalog mit anschließender Auswertung angeboten, sondern auch die Tests zu vergangenen Wahlen. Außerdem bietet die Website auch Informationen zu elf der aktuellen Parteien und zu politischen Phänomenen. Zum Beispiel findet man Fakten zu den Europäischen Parlamentswahlen oder zur Veränderung des ungarischen Wahlsystems vor und nach 2012. In einer übersichtlichen Darstellung kann man sich unter anderem über die Veränderungen der Bestimmungen zur Mandatsverteilung und zu den Wahlberechtigten informieren.

Vokskabin bietet also eine gute Möglichkeit, um sich politisch zu informieren und motiviert gleichzeitig zur tieferen Beschäftigung mit aktuellen Themen. Barlai betont jedoch: „Die Entscheidung für oder gegen eine Partei sollte nicht allein von dem Vokskabin-Ergebnis abhängig gemacht werden.“ Trotzdem hofft sie, mit dem Onlinetool das politische Interesse zu fördern, Anstoß zum Urnengang zu geben und damit zur Einbringung der eigenen Meinung anregen zu können.

Die Wahlentscheidungshilfe Vokskabin finden Sie unter www.vokskabin.hu.

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