Seltsam nur, dass das unter Belagerung stehende Wien bei einem internationalen Vergleich im vergangenen Jahr noch Platz zwei der lebenswertesten Städte der Welt erreichte. Wie auch im Jahr davor. (...) Budapest hingegen schaffte es in dem 140 Städte umfassenden Vergleich gerade einmal auf Platz 36.

Zwischen den beiden Hauptstädten liegen also 34 Plätze. Von Platz 36 aus selbstbewusst in die Kamera zu sagen, dass es dort oben, ganz an der Spitze unbewohnbare Bezirke gibt – das ist ein typischer Zug, der die eine Hälfte des Landes ausrasten lässt und die andere Hälfte zum Fremdschämen animiert. Diese peinlich berührte Hälfte fühlt sich nun in ihrem Glauben bestärkt: Entspannt euch, die Spitzenkräfte sind noch lange nicht erschöpft. Schaut, selbst nach so langer Zeit können sie in Sachen Skrupellosigkeit immer noch einen drauflegen.

(...)

Warum so ein Schwachsinn?

Die Frage ist natürlich, warum der Kanzleramtschef so etwas getan hat. (...) Nicht etwa, weil Ungarn unter den in Wien lebenden Ausländern die siebtgrößte Gruppe darstellt. Nein, denn solche Gesichtspunkte oder gar ein Abgleich mit der Realität würden bedeuten, dem gesunden Menschenverstand zu folgen und sich zu bemühen, Widersprüche zu vermeiden – diese Jungs (Anm.: gemeint ist die Regierung) spielen in einer ganz anderen Liga. Die Frage nach dem Warum bleibt also. Hinzu kommt, dass den meisten ungarischen Wählern beim Gedanken an Wien nicht die Migrantenapokalypse in den Sinn kommt, sondern der auf dem Autodach transportierte Kühlschrank und die so sehnsüchtig gewünschte Lebensqualität. Die aber ist hierzulande unter der Ägide Lázárs und den Seinen in noch weitere Ferne gerückt.

Deswegen ziehen ungarische Migranten dorthin und nicht die Österreicher als Migranten hierher. Wie auch sonst niemand.

Aber warum erzählt dieser Mensch so offensichtlichen Schwachsinn, und gibt sich damit ebenso sehr der Lächerlichkeit preis, wie er auch abstoßend wirkt?

Weil es funktioniert. Darum. Denn nur das funktioniert überhaupt noch. Wenn er so offensichtlichen Schwachsinn einwirft, wird sich jeder tagelang damit beschäftigen. Je größer und offensichtlicher der Schwachsinn, umso länger die Wirkung. (...) Auch sie (Anm.: die Regierung) weiß, dass nur sehr wenige diesen Schwachsinn glauben. Aber das ist nicht wichtig. Sie wollen niemanden mehr überzeugen, auch über ihre Regierungsarbeit können sie nichts sagen, aber jeden Tag, an dem nicht über ihre Diebstähle gesprochen wird, verbuchen sie als Erfolg.

Ablenkung vom Elios-Skandal

Nicht grundlos. Wenn wir uns den Ertrag der vergangenen Tage ansehen, ist das geschehen, was sie erwartet haben. Zwei Wochen lang wurde über nichts anderes berichtet als über die Vorwürfe, die „erste Familie“ würde sich bereichern. Langsam wuchs ihnen ihr eigener Dreck über den Kopf. Seit drei Tagen nun ist der Elios-Skandal aus den Nachrichten und den sozialen Medien verschwunden, stattdessen diskutieren wir den offensichtlichen Schwachsinn. (...)

Lázár machte sich deshalb zum Trottel, weil er nach Hódmezővásárhely ziemlich in Panik verfallen war. Vermutlich ist auch Szilárd Németh nicht der Tölpel, als der er sich regelmäßig darstellt. Auch er schützt seinen Vorgesetzten bloß mit seinem Leib. Dort stehen sie also, aufgereiht und mit runtergelassenen Hosen. Es zählt nicht, ob man sie auslacht. Ihre einzige Hoffnung ist, dass sie den Blick auf Orbán und sein Vermögen verstellen.

Das Beste, was wir in den kommenden Wochen tun können, ist, dass wir durch sie hindurchschauen. Wir sollten nicht über jedes Stöckchen springen. (...)

Doch verstehen Sie auch, was das heißt? Der zweite Mann der Regierung ging persönlich nach Wien, um persönlich aufzuzeigen, wie furchtbar es sei, unter eben den Umständen zu leben, die sich die gesamte ungarische Bevölkerung sehnlichst wünscht – die da oben haben echt Angst.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 8. März auf dem Onlineportal der linksliberalen Wochenzeitung hvg.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.

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