Wenn man das Lebensniveau daran misst, was für Autos die Menschen in einem bestimmten Land fahren, schmeicheln die verfügbaren Statistiken Ungarn nicht gerade. Ende 2017 war das Durchschnittsalter des Fahrzeugparks sämtlicher auf den Straßen des Landes verkehrenden Pkw auf 14,1 Jahre gestiegen. Zur Jahrtausendwende lag das Durchschnittsalter noch unter zwölf Jahren, im Jahre 2007 war es sogar bis auf 10,3 Jahre gefallen.

Allerdings belief sich der private Fuhrpark um das Jahr 2000 auf weniger als zweieinhalb Millionen Pkw, mit Hunderttausenden Fabrikaten aus den früheren Ostblockländern, vom Trabant über den Wartburg bis zu Skoda und Lada. Die Pkw-Flotte, die 1980 überhaupt erst eine Million Fahrzeuge ausmachte, hatte sich bis zur Systemwende verdoppelt, wobei Ostprodukte den Fuhrpark klar dominierten. In den 1990er Jahren beschränkte sich der Nettozuwachs der Pkw-Flotte auf 400.000 Einheiten, doch den absoluten Tiefpunkt in der Entwicklung brachte die Weltwirtschaftskrise: Zwischen 2008 und 2014 landeten mehr Autos auf dem Schrottplatz, als (neu) auf Ungarns Straßen zugelassen wurden.

Mehr Pkw Baujahr 1997 als Neuwagen

Eine Erhebung von Bosch wies für 2016 aus, dass weniger als die Hälfte der ungarischen Privathaushalte über ein eigenes Auto verfügt. Der Anteil der Neuwagen am Gesamtbestand ist verschwindend, nur ungefähr jedes zehnte Auto ist jünger als fünf Jahre. Aktuell sind mehr als 3,4 Mio. Pkw unterwegs, auf 1.000 Einwohner entfallen statistisch gesehen 350 Autos. Die Streuung reicht von etwas mehr als 400 Autos je 1.000 Einwohnern in den Komitaten Pest, Győr-Moson-Sopron und Vas bis zu weniger als 300 Autos in den fünf Ostkomitaten von Borsod bis Békés. Die Zahl der Oldtimer aus Ostzeiten summiert sich noch auf 65.000 Pkw. Die führenden Marken im Fahrzeugbestand sind Opel und Suzuki, deren Vorpreschen durch die Fertigung im Inland (Opel Astra in Szentgotthárd, Suzuki Swift in Esztergom) befördert wurde.

Die meisten Pkw sind selbstverständlich Importe, unter denen die Gebrauchtwagen seit Jahren die Zahl der an ungarische Kunden ausgelieferten Neuwagen übersteigen. Im abgelaufenen Jahr legte der Neuwagenmarkt zum Beispiel vergeblich um ein Fünftel auf 116.000 Pkw zu, zur gleichen Zeit strömten wieder 155.000 Gebrauchte ins Land, von denen beinahe zwei Drittel mehr als zehn Jahre auf dem Buckel hatten. Experten verweisen auf den wenig schmeichelnden Umstand, dass derzeit mehr Pkw Baujahr 1997 auf den Straßen verkehren, als 2017 zugelassene Neuwagen.

Eine Million Forint nur fürs Auto

Ein gutes Lebensniveau muss halt mit harten Talern bezahlt werden. Und die werden in Ungarn nicht so üppig ausgeteilt. Um ein Auto zu unterhalten und zu betanken, braucht es monatlich ungefähr 50.000 Forint – diesen Betrag schätzen die Autohalter selbst als die regelmäßig wiederkehrende Kostengröße. Das wären 600.000 Forint im Jahr, einschließlich Steuern und Versicherungen sowie den unausweichlichen Reparaturen nähert sich die Gesamtrechnung fürs Auto aber schnell einer Million Forint an.

Von den gut vier Millionen Privathaushalten im Lande bringt es nach Angaben des Zentralamtes für Statistik (KSH) die Hälfte nicht einmal auf ein jährliches Pro-Kopf-Nettoeinkommen von einer Million Forint. Selbst wenn zwei Personen in einem Haushalt durchschnittlich verdienen, bringen sie netto nur 2,4 Mio. Forint übers Jahr nach Hause, wovon also mindestens ein Viertel, aber leicht bis zu 40 Prozent allein fürs Auto draufgehen. Da wird verständlich, warum sich nur jeder zweite Haushalt ein Auto leisten kann.

Für Mieter kaum machbar

Die Diskrepanzen sind auch regional enorm. Monatlich verdienten Budapester im vergangenen Jahr 250.000 Forint netto. Damit wäre ein Auto eigentlich kein Thema, doch ausgerechnet die Hauptstädter verfügen über die relativ geringste Anzahl an Autos – wahrscheinlich kommen viele von ihnen sehr gut auch ohne den eigenen Pkw zurecht. Auf dem Lande gewinnt das Auto als Fortbewegungsmittel zwar an Bedeutung. Aber nur im Komitat Győr-Moson-Sopron bringen es die Lohnempfänger auf mehr als 200.000 Forint netto im Monat; in Komárom-Esztergom und Fejér liegen sie bereits knapp darunter.

Wer zur Miete wohnt und dafür selbst außerhalb von Budapest neuerdings 60.-100.000 Forint monatlich einkalkulieren muss, wird sich das mit dem eigenen Auto wohl zweimal überlegen. In neun Komitaten des Landes zahlen die Arbeitgeber im Schnitt weniger als 160.000 Forint im Monat, in Borsod 154.000 Forint, in Nógrád 152.000 Forint und in Szabolcs nicht einmal 138.000 Forint. Das sind Durchschnittswerte, die von 60 Prozent der dort wohnhaften Arbeitnehmer verfehlt werden, zum Teil markant. Zumal in diesen Problemgebieten nicht nur die Arbeit schlechter bezahlt wird; dort sind zugleich die Personen in den öffentlichen Arbeitsprogrammen überrepräsentiert, deren Vergütung von der Regierung seit geraumer Zeit bewusst eingefroren wurde.

Bevor man nun meint, die Zahlen wären dramatisch genug, hier ein kurzer Rückblick auf das Jahr 2007: In jenem Jahr verdienten neben den Budapestern nur die Arbeitnehmer in fünf Komitaten (neben Győr, Komárom und Fejér noch in Pest und Baranya) netto 100.000 Forint im Monat. Damals wurden 176.000 Neuwagen ausgeliefert, 2008 noch 158.000 – dann halbierte sich der durch Kreditvergaben an Hinz und Kunz künstlich aufgeblähte Markt. Denn auch mit netto 100.000 Forint im Monat wurden tatsächlich Autoschlüssel bei minimaler Anzahlung an die Kunden übergeben, die bei Monatsraten ab 30.000 Forint noch keinen Liter Sprit getankt hatten. Dabei kosteten selbst Kleinwagen zu jener Zeit schon rund 3 Mio. Forint.

Tatsächlich haben sich die Nettolöhne im vergangenen Jahrzehnt nur in Győr-Moson-Sopron annähernd verdoppelt, Budapest und Komárom hielten mit einem Plus um 85-90 Prozent weitgehend mit bei dieser Dynamik. Landesweit wuchsen die Löhne um 70-80 Prozent; in sechs ohnehin problematischen Komitaten waren es noch weniger, beim ostungarischen Schlusslicht Szabolcs ganze 50 Prozent. Anhand solcher Entwicklungen kann sich jeder selber ausrechnen, wann es für den Durchschnittsungarn eine größere Herausforderung darstellte, sich ein neues Auto anzuschaffen.

Wohlstand mit Gutscheinen?

Wenngleich das Auto in Ungarn noch immer ein Statussymbol darstellt, misst sich das Glück auch an anderen Dingen. So hat das Nézőpont-Institut Ungarn soeben auf Platz 2 als besonders gut regiertes unter zehn Ländern Mitteleuropas gesetzt, nur knapp hinter Deutschland und bereits deutlich vor Tschechien und Österreich. Die zweifellos gegebene politische Stabilität verhalf zu dieser großartigen Platzierung, aber auch in den Dimensionen Wirtschaftswachstum und Lebensqualität landete Ungarn im Spitzenfeld der Region – mehr von dieser Studie können Sie in unserem Artikel auf den Seite 24 und 25 lesen.

Dass es mit dem Lebensstandard dennoch nicht so weit her sein kann, zeigen Gesten von Politikern der Regierungsparteien, die im Wahlkampf Lebensmittel verteilen. In die gleiche Kategorie fallen die Erzsébet-Gutscheine im Wert von 10.000 Forint (32 Euro), die es zum Weihnachts- und Osterfest für die Rentner gibt, oder die „winterliche Senkung der Wohnnebenkosten“ von einmalig 12.000 Forint (38 Euro), die Premier Orbán mit der Kältewelle Ende Februar begründen mochte, obgleich doch der Winter insgesamt recht mild war.

Dabei hätte er, wenn er denn wollte, kräftiger „Hand anlegen“ können: Für Brennholz mussten die Familien in diesem Winter mehrere 10.000 Forint zusätzlich bezahlen, weil die Preise förmlich explodierten. Der amtlich regulierte Gastarif war dagegen stabil. Doch 3,5 Millionen Privathaushalte heizen mit Erdgas – natürlich gilt das pünktlich zum Wahltermin Anfang April eintrudelnde Spesengeschenk genau ihnen.

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