„Auf diesen Leinwänden unterhalten sich zwei Österreicher“, erklärt László Bandy am Eröffnungsabend der Ausstellung „Mikro-Makro“. Gemeint sind hiermit David Reumüller aus Graz in der Steiermark und der in Budapest lebende Josef Wurm. Beide Künstler haben das Wagnis unternommen, ihre Arbeitsweisen zu kombinieren und somit Malereien im Teamwork zu erschaffen. Bei sechs der insgesamt elf ausgestellten Werke handelt es sich um solche Gemeinschaftsgemälde. Der Grundstein für die Ausstellung „Micro-Macro“ wurde bereits ein Jahr zuvor in einer Galerie in Budapest gelegt. „Alle heute hier handelnden Personen haben sich dort kennengelernt“, erzählt Christiane Kada, wissenschaftliche Oberrätin im Kulturressort der steirischen Landesregierung.

Auf ein Experiment eingelassen

Ein Problem, das es zu bewältigen galt, waren die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Künstler. Wie David Reumüller gegenüber der Budapester Zeitung erklärt, interessiert er sich besonders für jede Art von Verhüllungen, für „all das, hinter dem wir uns gerne verstecken“. Mittels Projektoren, Videoinstallationen und digitalen Fotos widmet er sich unter anderem den gesellschaftlichen Problemen.

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Glücklich über den gelungenen Abend zeigen sich Frau Regina Rusz (links im Bild) und Christiane Kada (rechts) zusammen mit der österreichischen Botschafterin Elisabeth Ellison-Kramer.
Josef Wurm hingegen bezieht seine Inspiration von Menschen, die er liebt und bedient sich fast ausschließlich der Malerei. „Zu Beginn gab es eine große Unsicherheit von beiden Seiten, einfach, weil wir ganz unterschiedlich arbeiten“, so Reumüller. Josef Wurm ist ein Maler im traditionellen Sinne. Seine Pinselführung und die Striche wirken routiniert. „Meine Arbeit ist dagegen immer sehr konzeptionell“, verrät Reumüller gegenüber der Budapester Zeitung. „Das heißt, ich plane und komponiere sie immer vorher schon durch, und wenn ich sie fertig konzipiert habe, übertrage ich sie auf Wände oder wie hier auf Leinwände.“

Genau hier liegt auch das Spannungsfeld, welches die Ausstellung zu umschreiben versucht: Wie wirken das Konzeptionelle Reumüllers und die Spontanität von Wurm zusammen, und was kann daraus entstehen? „Wir haben uns auf das Experiment eingelassen und das Ergebnis war für uns beide sehr überraschend“, meint Reumüller.

Ein einziges Bild zweimal erleben

Unterschiedliche Perspektiven beeinflussen, wie wir ein Kunstwerk wahrnehmen. Dasselbe gilt auch für die Werke der beiden jungen Künstler: Gewisse Details lassen sich nur aus einiger Entfernung erkennen, andere hingegen entdeckt der Betrachter erst, wenn er direkt vor dem Bild steht. Je nach Blickwinkel und Abstand vermitteln die Werke also unterschiedlichste Eindrücke. „Und genau dieses Wechselspiel der Effekte macht es interessant. Man kann ein einziges Bild auf diese Art zweimal erleben“, so Josef Wurm.

Beide Künstler sind sich einig, dass sich ihre Erwartungen bezüglich der Eröffnung dieser außergewöhnlichen Ausstellung bereits vollends erfüllt haben: „Eigentlich macht man so ein Experiment oft, weil man es danach ausgestellt sehen will“, so Reumüller. Gerade beim Aufbau, der drei Tage dauerte, hätten beide gemerkt, wie sie von Tag zu Tag glücklicher wurden. „Gute Galerie, gute Räume. Wir haben versucht, den Konflikt zwischen unseren beiden Persönlichkeiten zu inszenieren und es hat funktioniert, und insofern ist meine Erwartung schon erfüllt“, merkt Reumüller zum Abschluss an.

Gemeinsames Schaffen

Aus der Sicht der Veranstalter ist das Ziel der Ausstellung außerdem, die Botschaft zu vermitteln, dass Künstler, unabhängig vom Wohnort, gemeinsam etwas schaffen können. „Die Begeisterung für die zeitgenössische Kunst ist uns allen zu eigen“, erklärt Christiane Kada. Sie findet es erfreulich, dass die Künstler nach der Periode ihrer Zusammenarbeit für die Eröffnung der Ausstellung im Kulturforum erneut zusammengekommen sind.

Der ungarische Maler und Grafiker László Bandy (links) bei seiner Begrüßungsrede.

Seit jeher bestehe eine gute Kooperation zwischen der Steiermark und Ungarn, besonders im Bereich der bildenden Kunst, merkt auch Regina Rusz an. Die Direktorin des Österreichischen Kulturforums Budapest sieht es als ihre Aufgabe, österreichische und ungarische Künstler zusammenzubringen, aber auch die Werke österreichischer Künstler in Budapest zu präsentieren.

Wer sich nun selbst ein Bild von dem Zusammenwirken zweier so unterschiedlicher Künstler, verschaffen möchte, dem steht die Ausstellung „Micro-Macro“ noch bis zum 9. April im Österreichischen Kulturforum Budapest offen.


"Micro-Macro“ im Österreichischen Kulturforum

Budapest, VI. Bezirk, Benczúr utca 16

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr

Eintritt frei

Weitere Informationen finden Sie unter www.bmeia.gv.at/

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