Bei dem Bühnenprogramm „Pussy Riot Theatre“ wird es sich jedoch nicht um ein übliches Punkmusikkonzert handeln, viel eher verspricht es ein Gesamtkunstwerk zu werden, welches die brachiale Musik der Band mit Elementen einer modernen Theaterinszenierung und literarischen Passagen verbindet. Das Konzept der Show basiert auf dem Buch „Tage des Aufstands: Riot Days“ von Bandmitglied Marija Aljochina. Auf künstlerische Weise verarbeitet die heute 29-Jährige darin ihre Erfahrungen nach der Inhaftierung in ihrem Heimatland Russland und mit den menschenunwürdigen Bedingungen im Straflager, in dem die Erniedrigung der Strafgefangenen zum Alltag gehörte.

Für die Umsetzung dieses emotionalen und nachdenklich machenden Stoffes werden am 12. März im Akvárium-Klub in Budapest zwei Männer und zwei Frauen auf der Bühne stehen: Marija Aljochina selbst begleitet von Kyrill Mascheka sowie das Duo AWOTT (Asian women on the telephone), mit Nastja am Saxophone und Maxim am Keyboard und dem Schlagzeug. Gemeinsam werden die vier Darsteller Aljochinas Erinnerungsfetzen mit Licht- und Videoshow, Musik und Worten synästhetisch auf die Bühne bringen.

Nur illegal ist wirksam

Für das 2011 gegründete russische Künstlerkollektiv steht die Botschaft ihrer Auftritte an erster Stelle. Ihre Markenzeichen sind neben den aus Bildern weltweit bekannten farbigen Sturmhauben, bunte Kleider und ihre provokanten, regierungskritischen Texte. Ihre Auftritte finden des Öfteren illegal auf öffentlichen Plätzen statt. Sie vertreten eine antiautoritäre und feministische Haltung, sind gegen die Politik Putins, die sie als aggressiv und imperialistisch bezeichnen, und unterstützen basisdemokratische Organisationen. Engagiert ist die Band auch im Bildungs- und Gesundheitswesen, sie setzt sich für regionale Selbstbestimmungsrechte und sexuelle Minderheiten ein. Die Illegalität ihrer Auftritte erachtet sie als essenziell, um die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen und dem Staat als ernst zu nehmende Opposition entgegen zu treten. Ihre Protestaktionen nehmen die Performancekünstler dabei meist auf Video auf, um sie im Anschluss im Internet für alle Welt zugänglich zu machen.

Haftstrafe nach Meinungsäußerung

Ihre Auseinandersetzung mit dem russischen Staat fand im März 2012 ihren Höhepunkt, als die Band in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau eine Protestaktion gegen Kirche und Regierung abhielt. Im Einzelnen protestierte sie damit gegen das von der Kirche geforderte Abtreibungsverbot sowie die Unterstützung des Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche, Kyrill I., im Präsidentschaftswahlkampf für Wladimir Putin. Darüber hinaus unterstellte Pussy Riot dem Klerus eine Zusammenarbeit mit der russischen Staatssicherheit.

Die nur 41 Sekunden dauernde Performance vor dem Altar der Kathedrale führte zur Verhaftung von drei Bandmitgliedern. Nach monatelanger Untersuchungshaft wurden zwei der drei Frauen wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Die weltweit, vor allem aber im Westen, als ungerecht empfundene Verurteilung führte zu Protesten von Menschenrechtsorganisationen, und auch bekannte Persönlichkeiten wie Angela Merkel, Barack Obama und Madonna zeigten sich mit den inhaftierten Künstlerinnen solidarisch.

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Während ihrer Zeit im Arbeitslager traten die Frauen aufgrund der menschenunwürdigen Bedingungen mehrmals in den Hungerstreik. 2014, kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi und nur drei Monate vor Ablauf ihrer regulären Haftstrafe, wurden die Frauen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Ihrer Meinung nach ein „PR-Gag“ zur Beruhigung der Weltöffentlichkeit.

Freiheit auch im Konzert

Ende 2016, zwei Jahre nach der Freilassung, begannen Bandmitglied Marija Aljochina und Musikproduzent Alexander Tscheparuchin an dem neuen Projekt „Pussy Riot Theatre“ zu arbeiten. Noch im selben Jahr tourten sie mit dem Programm erfolgreich durch Australien und die USA. Ende 2017 setzten sie die Konzertreise in Europa fort und machten unter anderem in Deutschland, Finnland und Österreich Stopp.

Bei ihren Vorstellungen geben die vier Künstler immer wieder die Geschichte von Pussy Riot zum Besten und verkünden ihre Botschaft. Sie machen ihre Ansichten aber auch in einer Art von Aufführung deutlich, die etwas anders ist, als es die Welt von Pussy Riot gewöhnt ist. „Wir glauben, diese Geschichte kann Menschen dazu anregen, ihren eigenen Protest zu inszenieren", so Marija Aljochina. Die Show solle nicht nur von Ungerechtigkeiten erzählen, sondern auch dazu auffordern, etwas dagegen zu unternehmen. Doch bei all den moralischen Höhenflügen und den szenischen Freiheiten, die sich das Künstlerquartett nimmt, dürfte wohl auch der Punkcharakter des Konzerts nicht verloren gehen.


Pussy Riot im Akvárium-Klub

Budapest, V. Bezirk, Erzsébet tér 12

Montag, 12. März 2018

Einlass ab 20 Uhr

Eintritt: Vorkasse 4.900 Forint, Abendkasse 5.900 Forint

Weitere Informationen und Ticketbestellungen unter (+36-30) 860-3368 oder http://akvariumklub.hu

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