Auf ihrer Website steht ganz oben und in Großbuchstaben: „Music is what feelings sound like“. Szabina Schnöllers Verhältnis zum klassischen Operngesang ist ebenso emotional wie die Sehnsucht nach ihrem Heimatland Ungarn. In der Hauptstadt Budapest geboren, begann sie ihre Gesangsausbildung 2002 am Musikinstitut Tibor Varga (Ungarn). Nach einem erfolgreichen Abschluss setze sie ihr Studium an der Züricher Hochschule der Künste fort. Heute lebt Szabina Schnöller in der Schweiz und ist europaweit als Sopranistin tätig. „„

Frau Schnöller, Sie singen gerade die Wirtin Josepha Vogelhuber in der Operette „Im weißen Rössl“ am Theater Beinwil am See. Genau, die Vorstellungen sind im Januar gestartet und laufen bis Ende März, insgesamt sind das 24 Aufführungen.

Das, was die Rolle so interessant für mich macht, ist, dass sie schauspielerisch sehr anspruchsvoll ist. Natürlich muss man auch singen, aber die Dialoge überwiegen. Außerdem bin ich die einzige Ausländerin im Ensemble und habe noch dazu die weibliche Hauptrolle. Das ist schon toll, dass ich mit meinem Deutsch so eine Rolle bekommen habe. „„

Sie haben sich anscheinend schon ganz gut eingelebt in der Schweiz.

Ja, ich hatte die Möglichkeit, hier bei László Polgár (ungarischer Bass) weiter zu studieren, der damals schon weltbekannt war, und bin deswegen vor elf Jahren hierhergekommen. Ich war eine seiner letzten Studentinnen. Danach war ich drei Jahre lang am Theater Biel/ Soluthurn engagiert, davon zwei Jahre am Schweizer Opernstudio, seit 2012 bin ich freischaffend.

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Jetzt mal ganz ehrlich, obwohl Sie sich gut eingelebt haben und die Hauptrolle in amüsanten Verwicklungsoperetten spielen: Wie oft fehlt Ihnen Ihre ungarische Heimat?

Sie fehlt mir sehr oft. Ich habe hier zwar Kind und Mann, aber mein ganzer Familien- und Freundeskreis ist in Ungarn. „„

Also doch nicht so gut eingelebt?

Ich liebe es, hier zu sein. Die Schweiz ist sehr schön und sicher und durch meine Arbeit bin ich ständig mit vielen Nationen zusammen. Aber mir fehlt die ungarische Gastfreundschaft. Die Ungarn sind einfach sehr offen und unkompliziert, man kann sich ganz spontan treffen und muss nicht zwei Wochen vorher einen Termin ausmachen. Den Menschen hier fehlt die Paprika im Blut (lacht).

„„Wie sehr ist Ungarn denn ein Sehnsuchtsort für Sie?

In Ungarn sind meine Wurzeln, ich habe dort meine ganze Kindheit verbracht und viele wichtige Erinnerungen sind von dort. Budapest ist auch einfach eine tolle Stadt, ich bin dort aufgewachsen und in die Schule gegangen. Ganz genau kann ich das nicht beschreiben, aber jedes Mal, wenn ich in Budapest ankomme, denke ich: „Wow, diese Stadt hat etwas, was es sonst nirgends gibt!“

Nach der Operette „Im weißen Rössl“ singen Sie ja auch nochmal in Bremen...

Seit einem Jahr singe ich in Bremen in der Glocke, einem Bremer Konzerthaus. Nach einem Konzert ist Ingo J. Jander, seit zehn Jahren der dortige Orchestermanager, auf mich zugekommen. Jetzt ist er mein Manager. Dadurch singe ich nun auch wieder im April zweimal in Bremen. In der Glocke und bei einer Krebsgala im Rathaus.

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Ihr großes Debüt haben Sie in der Schweiz gegeben, als Traviata an der Schlossoper Haldenstein.

Ja, das war mein richtiges Debüt. Ich hatte zwar vorher schon Debütrollen, aber die Traviata singen zu dürfen war schon wirklich toll. Es war der Preis für einen Vorsingwettbewerb, den ich gewonnen hatte. Das ist nicht selbstverständlich, oftmals bekommt man einfach nur ein Preisgeld oder kann bei ein oder zwei Konzerten singen. Ich finde einen Wettbewerb für uns Sänger viel besser, wenn man danach die Möglichkeit bekommt, in einer Rolle über zehn Mal aufzutreten. Das lohnt sich und hat mir sehr geholfen. „„

Können Sie Unterschiede zwischen solchen Möglichkeiten für Opernsänger in Ungarn und im Ausland feststellen?

Das kann ich nicht wirklich beantworten, da ich in Ungarn bis jetzt nur als Konzertsängerin gearbeitet habe. Ich wünsche mir aber von ganzem Herzen, dass ich auch mal in Ungarn an der Oper singe. Ich weiß, dass die Oper in Budapest eine große finanzielle Unterstützung erhalten hat, dadurch sollte es dort nicht mehr schlimm sein. Das Opernhaus in Budapest ist sowieso eines der schönsten Opernhäuser der Welt. Allein schon deshalb wäre es schon etwas Besonderes, dort zu singen. Eigentlich würde ich jedoch am liebsten freischaffend bleiben, man lernt ständig neue Dirigenten und Kollegen kennen und sieht sich die ganze Zeit mit dieser Herausforderung konfrontiert. Bei einem festen Engagement hat man immer die gleichen Kollegen. Ich habe das drei Jahre lang erlebt und denke, dass dort die Entwicklung nicht so groß ist. Wir Darstellerinnen, die wir ständig auf der Bühne stehen sollen, brauchen das. Man muss jeden Tag die Herausforderung annehmen und an sich arbeiten, das ist wie Hochleistungssport. „„

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Merkt man das im ungarischen Betrieb, dass Mittel gestrichen werden und zu revolutionäre Künstler gehen müssen?

Nein, ich denke den Künstlern in Ungarn geht es ziemlich gut. Eine Zeit lang wurde die Kultur dort nicht großartig gefördert, aber jetzt ist das wieder der Fall und das Niveau ist sehr hoch. Jedes Mal, wenn ich Zuhause bin und einen Blick in das Programmheft werfe, denke ich: „Oh, wo soll‘s denn heute hingehen?“ Es gibt einfach täglich so viele Aufführungen und Konzerte im Müpa und auch im Opernhaus, das gerade renoviert wird. Das hat zwar im Moment sicher weniger Einnahmen, weil viele Touristen nur wegen der Architektur dorthin kommen und gar nicht in die Oper gehen, aber es bekommt eine neue Akustik, es wird perfekt. Ich hoffe wirklich, dass ich dann da auch einmal singen darf. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich in meiner Heimat auftreten kann, denn ich habe nie gedacht, dass ich so lange in der Schweiz bleiben werde. Ich bin wirklich nur wegen dem Studium hierhin gekommen, aber dann kam eine Anfrage nach der anderen. Und bei so vielen Möglichkeiten, da kann und möchte man auch nicht Nein sagen. „„

Gibt es nicht auch Kolleginnen in der Schweiz, die Ihnen Ihren Erfolg neiden?

Das kollegiale Miteinander hier finde ich super. Vielleicht habe ich auch einfach nur Glück gehabt, aber hier habe ich noch nie wirkliche Kämpfe erlebt. Die meisten Kollegen, mit denen ich hier zusammengearbeitet habe, waren sehr nett. Es gibt einfach einen Probenplan und den halten alle ein. Das war auch etwas, was ich hier wirklich lernen musste, denn Pünktlichkeit ist schon eine Schwäche von uns Ungarn (lacht). „„

Wie bekommt man denn die tollen Jobs? Gibt es ein festes Schema, nach dem bei Agenturen oder Künstlern angefragt wird?

Viele Opernhäuser arbeiten mit festen Agenturen. Das heißt, dass es kein ausgeschriebenes Vorsingen mehr gibt. Nirgendwo. Entweder man wird eingeladen, oder die Opernhäuser fragen bei den Agenturen an, je nachdem was für eine Rolle sie besetzen wollen. Das ist schwierig und war früher anders. Jetzt lieferst du ein Konzert ab und vielleicht kommt danach eine Agentur auf dich zu und bietet dir eine Rolle oder eine Zusammenarbeit an. Das ist aber eher selten. Deswegen muss man jetzt auch möglichst viele Rollen lernen, die man zwar noch nicht auf der Bühne gesungen hat, aber wo man weiß, dass sie kommen könnten. Denn das Beste ist natürlich, wenn man einspringen kann. „„

Sie singen das übliche Belcanto- Repertoire, also Puccini und Verdi, aber auch Werke von Mozart, Haydn und Chabrier. Wie sieht es mit Stücken von ungarischen Komponisten aus?

Ich habe diese tiefe Sehnsucht in mir und das Bedürfnis, meine Heimat mit anderen zu teilen. Deshalb bin ich schon mehrfach mit Liedern von Kodály und Bartók im Ausland aufgetreten. Für das nächste Jahr ist ein großes Kodály-Debussy- Projekt in mehreren Ländern geplant, zu dem ich aber leider noch nicht mehr sagen darf.

„„Warum muss Klassik immer mit dem Silbersee im Publikum verknüpft sein?

Das finde ich auch wirklich blöd und sehr schade. Und ich finde, es ist meine Pflicht zu zeigen, dass ich ganz normal bin. Ich gehe aus, auch wenn ich eine Mutter bin, arbeite als Opernsängern und wiege dabei keine 120 Kilo. Viele Leute haben eine festgefahrene Einstellung von Oper: fette Leute, langweilige Musik, endlose Stücke. Früher stand auf der Opernbühne vor allem das Singen im Vordergrund und alles war viel statischer. Heute sind die Erwartungen sehr hoch, die schauspielerische Darstellung ist genauso wichtig. Ich möchte den jungen Leuten zeigen, dass ich auch eine ganz normale Frau und glücklich bin, weil die Musik mich glücklich macht. Meine Aufgabe ist es, durch die Oper den Leuten Gefühle zu ermöglichen, zu lachen, zu weinen und vor allem für diese paar Stunden vom Alltag wegzukommen. Wenn es die Klassik nicht gäbe, dann hätten wir heute auch keine Rock- oder Pop-Musik. Ich selber wollte übrigens nie Opernsängerin werden, ich habe klassische Musik regelrecht gehasst. „„

Wirklich gehasst?

Ja! Wir haben Zuhause immer den Sender Klassik-Radio gehört und außerdem musste ich Klavier spielen. Als ich meine erste Gesangsstunde hatte, habe ich zu meinem Lehrer gesagt: „Ich hasse Klassik, ich will nur Jazz machen.“ In der dritten Unterrichtsstunde hat er mir dann ein klassisches Stück vorgelegt und als ich protestiert habe, meinte er: „Wenn du lernen willst, dann sing das, wenn nicht – da ist die Tür.“ Auf diese Art habe ich schrittweise immer wieder klassische Werke singen müssen und nach einem Jahr meinte mein Lehrer: „Du hast eine Stimme, mit der man jedes Genre singen kann. Warum also nicht die höchste Disziplin?“ Als ich dann Duette und Terzette singen durfte und meine erste ganz kleine Rolle in „Die Hochzeit des Figaro“ erhalten habe, habe ich gemerkt, wie komplex die Oper ist. Das ist Schauspiel, Gesang und Tanz zusammen und mir war klar, dass das mein Weg ist. „„

Zurück zum immer älter werdenden Klassik-Publikum: Wie kann man die Oper mehr für jüngere Leute zugänglich machen?

Man sollte mehr Konzerte in einem kleineren Rahmen und auch kostenlos veranstalten. So können die jungen Leute einen viel näheren Eindruck erhalten. Es gibt so viele unterschiedliche Opern auf der Welt, da ist für jeden was dabei. „„

Und was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich kann jetzt gar keine festen Pläne machen, es kommen Anfragen und es kann immer etwas Neues passieren. Aber natürlich habe ich Wünsche – ich möchte viel häufiger in Ungarn auftreten. Am 13. April habe ich schon ein Konzert in Gyula zusammen mit der Erkel-Gesellschaft. Vor einer Woche habe ich in der Produktion von Co-Opera (Budapest) die Rolle der Gräfin, also der weiblichen Hauptrolle in Mozarts Hochzeit des Figaro erhalten. Die Aufführungen finden ab Ende Juli in Budapest, Győr, Szeged und Debrecen statt. Außerdem verhandle ich gerade mit dem Deutschen Wirtschaftsclub Ungarn über einen Auftritt beim Ball der Deutschen Wirtschaft am 26. Mai im Pester Vigadó. Ich weiß noch nicht, welche Anfragen danach kommen werden, aber meine Stimme entwickelt sich immer weiter und ich habe gemerkt, dass ich mit dem Belcanto-Gesang in die richtige Richtung gegangen bin.

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