Im eleganten Anzug auf einer Parkbank sitzend, mit einem milden Lächeln auf den Lippen und umgeben von seinen beiden Lieblingshunden – so blickt das Konterfei des verstorbenen US-Kongressabgeordneten in Richtung Donau. Tom Lantos selbst ist hier im XIII. Bezirk aufgewachsen, besuchte nur wenige Meter entfernt das Dániel-Berzsenyi-Gymnasium. Daran scheint man gerne zu erinnern, denn auch der zwischen ein paar Wohnblöcken hindurchführende Weg, der nun als Standort für die etwas größer als lebensgroße Bronzestatue dient, wurde bereits nach dem gebürtigen Budapester benannt.

Tom Lantos, eigentlich Lantos Tamás Péter, wurde am 1. Februar 1928 als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren. Kurz nach seinem 16. Geburtstag, im März 1944, marschierten die Deutschen in Ungarn ein. Noch im selben Jahr wurde Lantos aufgegriffen und in ein Arbeitslager in Szob deportiert. Nachdem er bei einem ersten Fluchtversuch entdeckt und erneut verschleppt wurde, gelang es ihm, bei einem zweiten Ausbruch nach Budapest zu fliehen. Hier versteckte er sich bei einer Tante in einem der, vom schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg unter Schutz gestellten Häuser. Er unterstütze Wallenbergs Netzwerk, dem Tausende Budapester Juden ihr Überleben verdanken, indem er sich als Kurier erbot und unter Einsatz seines Lebens Nahrung und Medizin in andere Schutzhäuser lieferte. Während Lantos unter dem Schutze Wallenbergs überlebte, fielen seine Mutter und viele weitere seiner Verwandten der Verfolgung durch die Nazis und die ungarischen Pfeilkreuzler zum Opfer.

Später sorgte Lantos dafür, dass Wallenberg posthum zum Ehrenbürger der Vereinigten Staaten ernannt wurde. Über seine Erfahrungen im Holocaust sprach er zudem in der 1998 erschienenen Oscar gekrönten Dokumentation „The Last Days“.

Passionierter Demokrat und Menschenrechtler

1946, mit knapp 18 Jahren, immatrikulierte sich Tom Lantos an der Budapester Loránd-Eötvös-Universität. Seine herausragenden Englischkenntnisse – seine Mutter war Englischlehrerin – brachten ihm ein Stipendium ein, dank dem er ab 1947 sein Studium in den USA fortsetzen konnte. Lantos ließ sich nach dem Abschluss in Kalifornien nieder und erwarb schon wenige Jahre später die US-amerikanische Staatsangehörigkeit. Ab 1981 und bis zu seinem Tod 2008 vertrat er die kalifornischen Demokraten im Repräsentantenhaus. Er ist bis heute der einzige Überlebende des Holocaust, der je als Abgeordneter im amerikanischen Kongress diente.

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In seiner fast 30-jährigen Amtszeit erwies sich der gebürtige Budapester als ein passionierter Advokat der Demokratie und der Menschenrechte. Viele Jahre leitete er den einflussreichen Auswärtigen Ausschuss. 1983 begründete er gemeinsam mit anderen Abgeordneten den Human Rights Caucus (heute Tom Lantos Human Rights Commission), einen überparteilichen Ausschuss im US-Kongress, der er sich zur Aufgabe gemacht hat, die Menschenrechte auf der ganzen Welt zu fördern und zu verteidigen.

Häufig besuchte er in seinen Amtsjahren auch seine ungarische Heimat, warnte seine Landsleute vor Antisemitismus, setzte sich aber auch für ungarische Minderheiten im Ausland ein. „Während seines ganzen Lebens war sein Herz immer in Ungarn“, erklärte die Witwe des ehemaligen US-Kongressabgeordneten, Anette Lantos, im Rahmen der Enthüllungsfeier in Budapest.

Geborener Ungar, aber Wahlamerikaner

Der Geschäftsträger a. i. der US-Botschaft, David Kostelancik, der ebenfalls an den Feierlichkeiten teilnahm, erinnerte an Lantos als einen geborenen Ungarn und Wahlamerikaner, der unermüdlich daran gearbeitet habe, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu stärken. „Tom Lantos hat an uns alle – nicht nur an uns Staatsdiener, sondern an alle Bürger – appelliert, im Angesicht der Angst Mut zu beweisen, Schwierigkeiten zu überwinden und Fehler zu korrigieren.“ Kostelancik ergänzte: „Er forderte von uns, uns daran zu erinnern, dass das Wesen unserer Zivilisation, das, was wir am höchsten schätzen sollten, die unantastbare Würde und der Wert eines jeden einzelnen Menschen ist.“

Sogar der ehemalige US-amerikanische Vizepräsident Joe Biden meldete sich mittels einer Videobotschaft im Rahmen der Einweihung zu Wort.

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Auch Bildhauer und Schöpfer des Denkmals Mamikon Yengibarian sprach Lantos seine Bewunderung aus. Der armenische Künstler habe mit seiner Bronzestatue einen „großartigen, brillanten Mann zeigen wollen, der keine Angst hatte, bis zum Ende für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kämpfen.“ Gerade unter Armeniern erfreue sich Lantos großer Beliebtheit. Unter seiner Federführung stimmte der US-Kongress dafür, den Massenmord an den Armeniern offiziell als Völkermord anzuerkennen. Für seinen Verdienst in diesem Zusammenhang bedankt sich Yengibarian eigens mit einer kleinen Plakette an einer Seite der Bronzeskulptur.

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