Marie-Theres Thiell, die Vorstandsvorsitzende der Gruppe, nahm dieses Missverhältnis zwischen hoher Investitionssumme und vergleichsweise niedrigem Bewusstsein in der Gesellschaft in der vergangenen Woche einmal zum Anlass für eine große Pressekonferenz. Auf ihr wurde nicht über große Einzelinvestitionen informiert, sondern darüber, dass die Gruppe auch in diesem Jahr wieder rund 30 Milliarden Forint in unterschiedliche Projekte zur Erneuerung und zum Ausbau ihrer Netzinfrastruktur investieren werde. In den kommenden Jahren werde diese Summe um jährlich etwa eine Milliarde Forint steigen.

„Stromversorgung ist ein wichtiger Standortfaktor“

Mit diesen Investitionen solle die Stabilität der Netze auch bei steigendem Energiebedarf aufrechterhalten und verbessert werden. „Aus Ungarns Wirtschaftsboom ergeben sich für uns neue Herausforderungen“, so die Vorstandsvorsitzende. Insbesondere durch das Erscheinen neuer Produktionsunternehmen erhöhe sich im Versorgungsgebiet der Gruppe die Stromnachfrage. Neue Investoren kämen aber nur, wenn sie eine stabile Stromversorgung vor Ort vorfinden würden. „Insofern spielt dieser Standortfaktor eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Wettbewerbsfähigkeit Ungarns“, unterstrich Marie-Theres Thiell. „Mit unseren Investitionen in den Netzausbau tragen wir unseren Teil dazu bei, dass Ungarn auch weiterhin ein guter Platz zum Investieren bleibt“, wies Frau Thiell auf den Zusammenhang zwischen zukünftigen Investitionen durch neue Investoren und den gegenwärtigen Investitionen ihrer Gruppe hin. „Wir wollen unseren Teil dafür leisten, dass der Wirtschaftsboom in Ungarn anhält“, versprach sie.

Auch die e-Mobility und der Ausbau der entsprechenden Versorgungsinfrastruktur im Rahmen des ambitiösen Jedlik-Plans der Regierung würden ohne ein modernes, gut funktionierendes Stromsystem nicht in dem gewünschten Tempo vorankommen. Herausforderungen würden sich aber auch aus der zunehmenden Gewinnung und Netzeinspeisung von Solarenergie ergeben. Bei der Wettbewerbsfähigkeit sehe die Vorstandsvorsitzende unter anderem noch bei der Anschlusszeit von neuen gewerblichen Kunden Raum für Verbesserungen, wobei sie an dieser Stelle sogleich unterstrich, dass hier auch viel von den behördlichen Gegebenheiten abhänge.

#ELMŰ-ÉMÁSZ-Topmanager bei der Pressekonferenz: József Béres, Franz Retzer und Marie-Theres Thiell.


„Wir brauchen ein stabiles regulatorisches Umfeld“

Damit sich ihr Unternehmen auch weiterhin so intensiv um die Verbesserung der Energieversorgung kümmern könne, brauche die Gruppe jedoch ein stabiles regulatorisches Umfeld und eine unterstützende Umgebung. Nur wenn diese vorhanden wären, würden die deutschen Eigentümer, innogy und EnBW, grünes Licht für weitere milliardenschwere Investitionen in Ungarn geben. Auf eine Frage der Budapester Zeitung, wie es derzeit um die Zusammenarbeit mit dem ungarischen Staat bestellt sei, erklärte sie, dass diese inzwischen auf der ersten Ebene sehr gut funktioniere. Verbesserungsbedarf gäbe es aber sicherlich noch auf der Arbeitsebene und bei der Genehmigungsvergabe. Mit einer gewissen Sorge blicke sie übrigens dem Inkrafttreten der neuen EU-Datenschutzrichtlinie GDPR im Mai entgegen – im ersten BZ Magazin dieses Jahres beschrieben wir diese Problematik anhand eines Interviews. Immerhin betreue ihre Gruppe mehr als zwei Millionen Kunden. Sie würde in dieser Frage einen Dialog mit den Behörden begrüßen, aus dem klar hervorgehe, was sie en detail erwarten würden. „Wir brauchen eindeutige Ausgangsparameter.“ An einem ließ sie jedoch keinen Zweifel: „Obwohl es sich um große Herausforderungen handelt, werden wir sie meistern.“

„Wir wollen bleiben“

Auf eine Frage der ungarischen Nachrichtenagentur MTI teilte die Vorstandsvorsitzende mit, dass die Unternehmensgruppe bereits seit zwei Jahren jährlich rund 30 Mrd. Forint an eigenen Mitteln für den Ausbau und die Modernisierung der Netze aufgewendet hat. Die Geschäftspläne für die nächsten drei Jahre sehen eine Anhebung dieser Summe auf jährlich 32 Mrd. Forint vor. Über die nächsten 10 Jahre hinweg plant die ELMŰ-ÉMÁSZ-Gruppe die Errichtung von 17 neuen Umspannwerken, darunter einem Dutzend im Großraum Budapest. In diesem Jahr werden drei neue Umspannwerke – in Szécsény, Újhartyán und Gyöngyöshalász (für Apollo Tyres) – übergeben. Bis 2020 sollen in den Mittelgebirgen Mátra, Bükk und Pilis auf einer Strecke von 120 km Erdkabel verlegt werden.

Befragt nach der, eine Zeitlang erwogenen möglichen Übernahme des Privatkundengeschäfts der Gruppe durch den Staat stellte Marie-Theres Thiell klar, dass dieses Thema derzeit nicht mehr auf der Tagesordnung sei. Bei entsprechenden langwierigen und komplizierten Verhandlungen konnte zwischen beiden Seiten keine Einigung erzielt werden. Dann sei es zu einem Ausstieg der französischen Eigentümer aus dem regionalen Stromversorger Démász und zum Einstieg des Staates in dieses Unternehmen gekommen. Der entscheidende Unterschied zwischen ihrer Unternehmensgruppe und der Démász sei: „Die Franzosen wollten raus, aber wir wollen bleiben“, betonte Marie-Theres Thiell.

Die ELMŰ-ÉMÁSZ Gruppe in Zahlen

Die Gruppe versorgte im vergangenen Jahr 44 Prozent der ungarischen Verbraucher mit Strom. Dabei übertrug sie über ein 68.439 km großes Netz mit 2,3 Millionen Anschlusspunkten insgesamt 17,2 Terrawattstunden. Das Versorgungsgebiet erstreckt sich im nordöstlichen Viertel Ungarns auf einer Fläche von 19.626 km2. Zu den größten neuen Kunden der letzten Jahre gehören unter anderem Apollo Tyres, Takata, Samsung, Siag und Bosch.

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
PICK Deli und Gourmet im V. Bezirk

Die Gourmetkantine der Wurstfabrik

Geschrieben von Katrin Holtz

Die Salamis und Wurstspezialitäten aus dem Hause Pick lassen nicht nur in Ungarn, sondern in ganz…

Shell Beach

„In Budapest killen sie die Clubs“

Geschrieben von Andrea Ungvari

Post-Hardcore ist grundsätzlich ein Außenseiter, das will es auch sein. Die Musikrichtung, die einst…

Die Oppositionsseite / Kommentar zur Causa CEU

Uns stehen große Veränderungen bevor

Geschrieben von Zoltán Lakner

Schon vor vier Jahren war klar, dass sich die Regierung eher früher als später einmal der CEU…