Im Herzen Budapests am Klauzál tér 5 befindet sich Patrick Urwyler Arbeitsplatz: Die Chimera-Project Gallery. Zurzeit sieht man hier die Ausstellung „Identification Program“ von Géza Perneczky, einem der Pioniere mittel- und osteuropäischer Konzeptkunst und Mail Art. Es wird eine Reihe an Werken präsentiert, die der Künstler 1971 schuf und welche 2015 als Foto-Serie neu editiert wurde. Eines der Bilder zeigt ein weißes Notenblatt, dessen Linien Zahlen anstatt von Noten zieren. Ein darüber angebrachter Text lautet „Identification of a person by keeping of his breath“ (dt.: „Identifikation einer Person durch das Anhalten der Luft“). Kurz und prägnant, zum Nachdenken anregend und irgendwie anders – so könnte man auch das Profil der Chimera-Project Gallery beschreiben. Im Jahr 2013 gründete der aus der Schweiz stammende Urwyler – zusammen mit seiner Partnerin Boglárka Mittich, die er als Stipendiat in Berlin kennengelernt hatte – die Galerie. Mit seinem abgeschlossenen Studium in Kunstgeschichte, Museologie und Curatorial Studies hatte Urwyler bereits in seiner Heimatstadt Bern Erfahrungen mit Ausstellungsprojekten gesammelt. 2006 war er das erste Mal in Budapest und erkannte sofort das Potenzial, das in der Donaumetropole schlummert. 2010 entschloss er sich daher, in die ungarische Hauptstadt umzuziehen.

„Budapest braucht internationale Vernetzung“

Das Konzept für die Chimera-Project Gallery begann Patrick Urwyler schon vor 2013 zu erarbeiten. Im zweiten Stock der Szene-Bar Telep am Madách Imre tér machte er sich mit einer zweibis dreimonatigen Ausstellung erstmals einen Namen. Die Erfahrung, die er dort sammeln konnte, insbesondere im Hinblick darauf, was in Budapest gut ankommt, half ihm und seiner Partnerin bei der Gründung der Galerie. Seine wichtigste Erkenntnis: „Budapest braucht internationale Vernetzung.“ Besonders in ihrem internationalen Hintergrund (Erfahrungen in den Kunstszenen der Schweiz, in Ungarn und in Deutschland) sehen Urwyler und Mittich einen Vorteil. Ihr Ziel ist es daher, den Künstlern ihrer Galerie eine internationale Vernetzung zu ermöglichen. „Ebenfalls wollen wir in der Galerie die zeitgenössische Kunst am Leben erhalten – das heißt auch, mal politische Projekte zu zeigen oder Kunst, die die Kunst selbst zum Thema hat“, erzählt der Schweizer.

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Sowohl lokale als auch internationale Künstler seien häufig zu Gast in der Galerie und Teil ihres Netzwerkes, das sie immer weiter ausbauen. Die Förderung der Künstlerkarrieren sei neben der typischen Galeriearbeit zwar eine große Verantwortung, zahle sich aber auch aus und mache den Künstlern und der Galerie einen Namen. „Was mir schon direkt am Anfang aufgefallen ist, ist die geringe Unterstützung für Künstler in Budapest“, erinnert sich Urwyler zurück. Es gebe zwar Stipendien und Fördergelder, wie zum Beispiel das Gyula-Derkovits– Stipendium, aber nicht so ein großes Spektrum an Förderinstrumenten wie etwa in der Schweiz oder in Deutschland. Dies mache es Künstlern in Ungarn schwer, in ihrem Beruf zu überleben. Die internationale Vernetzung könne jedoch auch hier eine Lösung anbieten.

Die hybride Galerie

„Als Galerie sehen wir uns als Hybrid“, so Urwyler und führt aus: „Wir haben das Ziel, konzeptionelle Kunst auszustellen – auch wenn sie manchmal vielleicht schwerer zugänglich ist, als andere Arten von Kunst.“ Die Künstler selbst seien sehr offen, hätten ein Thema und ein Ziel vor Augen und würden dieses auf den verschiedensten Ebenen verfolgen – deshalb sei das Angebot seiner Galerie auch so vielfältig: von Fotografie über Malerei mit Texten und Musik bis hin zur Zusammenarbeit mit Schriftstellern.

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Zu den Künstlern der Galerie gehört auch die estnische Künstlerin Anu Vahtra, die erst vor Kurzem aus New York zurückgekehrt ist, wo sie Teil der Biennale, Performa 17, war. In der Chimera- Project Gallery wird sie ab dem 1. März ihre Idee von Kunst der Öffentlichkeit vorstellen – zusammen mit Martin Lukác aus Prag. Eine eigene Soloausstellung winkt den Künstlern in der Chimera-Project Gallery zwar nur alle ein bis zwei Jahre, jedoch seien sie immer auch in Gruppenausstellungen vertreten. Zudem sei jeder Künstler, trotz der intensiven Förderung, natürlich weiterhin selbst für das Netzwerken verantwortlich und habe somit nebenher auch andere Ausstellungen. Ein weiterer Teil der Galeriearbeit, so Urwyler, sei auch die Repräsentation der Galerie und ihrer Künstler auf der viennacontemporary, der derzeit größten jährlichen Kunstmesse für zeitgenössische Kunst in Mittel- und Osteuropa. „Das ist die einzige Messe, die wirklich unserer Zielgruppe entspricht und in die wir lieber all unsere Arbeit, Geld und Zeit investieren, statt Messe-Hopping zu betreiben“, so Urwyler. In Budapest selbst sei das Netzwerken besonders mit den ausländischen Institutionen wichtig: Die Zusammenarbeit mit Kulturzentren oder Botschaften biete Unterstützung, wenn es um Finanzen, Materialien oder Synergien (Transporte etc.) ginge.

Gesunder Umgang mit Ressourcen

Der Umstand, dass die Galerie momentan nur sechs Stammkünstler unterhalte, erlaube einen gesunden Umgang mit unseren Ressourcen und ein fokussiertes Arbeiten mit unseren Künstlern, erklärt Urwyler: „Nicht so viele wie möglich aufnehmen, um damit eventuell mehr Verkaufen zu können, sondern wenige aufnehmen und in sie investieren, ist unser Ziel.“

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Im Vergleich mit der Konkurrenz sei das in Budapest eher ungewöhnlich. „Ich will nicht sagen, dass die anderen nicht in ihre Künstler investieren. Natürlich tun sie das. Ich denke jedoch, die schiere Anzahl an Künstlern, die in ihrem Portfolio sind, erlaubt es ihnen schlicht und einfach nicht, sich in dem Maße und in der Tiefe um sie zu kümmern, wie wir es können.“ Mit jedem seiner Künstler geht Urwyler einen langfristigen Vertrag ein. Man könnte also sagen, Urwyler und sein Team seien dabei, die Rolle der Galerie als Teil des Kunstbetriebs neu zu definieren: „Das traditionelle Galeriemodell war uns nie genug.“ Reflexion, Offenheit und Transparenz sind für Urwyler Teil einer neuen Strategie. „Zum Beispiel sind wir für klare, professionelle Verträge bei allen Verhandlungen, die wir führen.“ Urwyler habe dafür schon oft positives Feedback erhalten. Insbesondere die Künstler schätzen diese professionelle Kommunikation und die klaren Strukturen sehr. Auch online kann man einen Blick auf die Angebote der Chimera-Project Gallery werfen. Die Preise für die Kunstwerke starten ab 500 Euro für eine Fotoedition und gehen bis hin zu 20.000 Euro für Werke von Perneczky. Auch hier setzt Urwyler auf Transparenz: Durch eine Anfrage per E-Mail könne man sofort die Preise erfahren. So könne aber auch eine langfristige Kommunikation mit Kunden geschaffen werden.

„Toolbox“ für eine erfolgreiche Galerie

Zu Urwylers „Toolbox“, wie er sie nennt, um seine Künstler zu vernetzen und ihre Werke zu verkaufen, gehören drei Werkzeuge: Erstens die Kollaborationen mit festen Partnern – am liebsten im Ausland.

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Vor kurzem habe beispielsweise eine Zusammenarbeit mit der SODA Gallery Bratislava stattgefunden, mit der man auch heute noch in engem Kontakt stünde. Das zweite Werkzeug seien kuratierte Ausstellungen im Ausland, organisiert durch die Chimera-Project Gallery – im Oktober zum Beispiel im Kunstverein Kunsthaus Potsdam e.V. Hier werde es hauptsächlich um zeitgenössische Kunst aus Ungarn gehen. Strategisch wolle Urwyler die ungarische Kunstszene über kuratorische Ausstellungen auch international verstärkt sichtbar machen. Das letzte „Tool“, so Urwyler, sei der Chimera Art Award, ein Kunstpreis, den er und seine Partnerin zusammen mit Sponsoren ins Leben gerufen haben. Das zunächst auf internationaler Ebene ausgetragene Projekt wurde nun auf Mittel- und Osteuropa beschränkt, um speziell dort Talente zu finden und zu fördern. Der Gewinner des Awards wird nach Budapest eingeladen, um eine Soloausstellung auszurichten. Die Voraussetzungen für die Bewerbung seien neben einer künstlerischen Ausbildung oder dem Nachweis, hauptberuflich als Künstler tätig zu sein, ein Alter von unter 35 Jahren. Die Chimera-Project Gallery identifiziere sich als junge Galerie und wolle vor allem die junge Generation vertreten, erklärt Urwyler die Altersgrenze. Die Jury für den Award setze sich aus anerkannten Kunstkennern aus dem Netzwerk der Galerie zusammen und werde von Urwyler persönlich zusammengestellt. Aus den Gewinnern des Awards werden später oftmals feste Partner der Galerie. Das sieht Urwyler als großes Plus: „Genau so wollen wir Nachhaltigkeit herstellen, die für uns mit am Wichtigsten ist.“

Weitere Infos zur Chimera-Project Gallery finden Sie auf www.chimera-project.com.

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