Das Leben eines Politikers ist nicht leicht. Es ist voller Verantwortung und nie enden wollender Aufgaben. Selbst an der Spitze ist das so. Gerade noch schlägt er Brüssel zurück, will kurz innehalten, um Luft zu holen, da will schon die UN auf uns einstürmen. Mit „einstürmen“ ist in diesem Fall gemeint, dass sie überlegt, eine Stellungnahme herauszugeben, die besagt, dass wir 1.300 legal registrierte Flüchtlinge aufnehmen müssen, sofern diese bei uns klopfen – aber gut. Deswegen kann der arme Politiker nun also nicht mal in Frieden schlafen, dabei hätte er noch ganz andere Probleme.

Auch ein Politiker ist nur ein Mensch, und ungeachtet nationaler Schicksalsfragen, holen auch ihn die Probleme und Konflikte ein, die eben zu unser aller Leben dazugehören: Ob nun Beziehungsprobleme, Todesfälle, Krankheiten, die Stolperfallen der Kindererziehung oder auch Elternsorgen.

Letztere sind es, die nun Sorgenfalten auf der Stirn unseres Ministerpräsidenten verursachen. Er ergeht sich derzeit in Selbstreflexion, in Bedauern und vielleicht sogar in dem Wunsch, besser auf seine Tochter Ráhel achtgegeben zu haben, bevor sie ihm entglitt. Sie hätte ihren Vater gebraucht, aber er musste nun mal bürgerliche Kreise organisieren und aus der Opposition heraus die Angriffe der Gasprom abwehren. So flog die frühe Kindheit davon. Danach kamen die Regierungsarbeit und die Geschäfte mit Gasprom und so blieb auch dann keine Zeit dafür, die Hausaufgaben zu kontrollieren oder zu fragen: „Wie geht es dir, mein Kind?“

Aber es schien doch, als sei alles in Ordnung und auf dem richtigen Weg: eine glückliche Ehe, eine landesweit zelebrierte Hochzeitsfeier, gut gelaunte Pálinka-Trinkereien. Dieser István Tiborcz schien wirklich ein anständiges Kind zu sein. Und auch seine Familie.

Und nun? Nun ist das Problem da. Es sieht schwer danach aus, als ob István stehlen würde.

Da fällt unserem Ministerpräsidenten doch glatt wieder die Hochzeit ein und er schlägt sich vor die Stirn. Überall zwischen Himmel und Erde haben sie damals dieses verschwundene Mobiltelefon gesucht! Selbst Russland kam zwischendurch in Verdacht. Aber wie hätte er denn damals ahnen können, dass er einen Kleptomanen in die eigene Familie aufgenommen hat?

Er grübelt nun darüber, wie er an dem vom Wege abgekommenen Schwiegersohn ein Exempel statuieren könnte, denn irgendetwas muss doch getan werden, wenn es auch verspätet kommt. Das Minimum ist, dass der Täter selbst die Strafe zahlt und nicht der bestohlene Staat. Und es würde sich auch gehören, zurückzugeben, was er unrechtmäßig genommen hat. Aber der Ministerpräsident darf seine eigene Tochter wiederum nicht in den finanziellen Ruin stürzen. Und dann ist da noch sein Enkelkind. Wer gibt dem Kleinen dann etwas zu essen?

Sicherlich denkt unser Ministerpräsident in seiner Marter an die wenigen Regierungsoberhäupter, die das Leben vor ähnlich grausame Dilemmas gestellt hat, die zwischen der Familie und der Nation entscheiden mussten und plötzlich zum Vater der Nation erwuchsen. Gut, Horthys Sohn hatte sich nicht in den Diebstahl von mehreren zehntausend Milliarden verwickeln lassen, sondern von der Gestapo in einen Teppich wickeln, aber auch das war eine Zwickmühle und deswegen wohl sehr ähnlich.

Wir brauchen den Ministerpräsidenten wohl nicht zu fragen, ob ihm das Herz schmerzt. Wessen Herz würde nicht zerspringen, wenn das eigene Kind in schlechte Gesellschaft gerät und sich mit dunklen Gestalten umgibt? Und natürlich sorgt er sich, in was für dunkle Machenschaften dieser Unmensch seine Tochter noch hineinzieht.

Während die kalte Außenwelt sich über den Wahlkampf und das Gesundheitssystem erregt, rollt irgendwo in Buda eine schwere Männerträne herunter. So schwer, dass es in der Burg die halb fertige Residenz erschüttert. Jetzt würde er so gerne zu seiner kleinen „Rasi“ (Anm.: Kosename Ráhels) gehen und sie zudecken. Denn vielleicht bedeckt sie sich mit den gestohlenen Milliarden, um die Leere zu füllen. Er hätte vor fünf, zehn Jahren hinübergehen sollen, dann wäre all dies nicht geschehen – solch verzweifelte Gedanken brechen sich nun im Kopf unseres Ministerpräsidenten ihren Weg.

Der Mann, der allein die halbe Welt abwehrte, fällt nun rat- und kraftlos in sich zusammen. Er hat seine Familie vernachlässigt, um die Heimat zu verteidigen – und siehe da, die Schlange, an der eigenen Brust genährt, hat tiefer in sein Fleisch gerissen als György Soros selbst.

Irgendwie werden wir das schon geradebiegen – ermuntert er sich selbst. Aber ruhig schlafen wird er wohl nie wieder.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 10. Februar auf dem Onlineportal der linksliberalen Wochenzeitung hvg.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.



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