Wir warten seit rund 50 Jahren auf die Erneuerung unseres Gesundheitssystems. Und den größeren Teil dieses halben Jahrhunderts haben wir in einem freien Land verbracht. In dieser Zeit hätten alle möglichen guten Dinge geschehen können. Sind sie jedoch nicht. Doch vor 2010 gab es wenigstens ermutigende Versuche. (...) Die nun schon im achten Jahr regierenden Wasserköpfe glauben, (auch) über das Gesundheitswesen alles zu wissen. Was auch stimmt, nur mit der Einschränkung: Sie wissen alles verkehrt. Ihrem Grundgedanken – der Zentralisierung – ist nur wenige Tage vor Weihnachten der erste (bekannt gewordene) Todesfall zu verdanken.

Geschehen ist dies im Lieblingskrankenhaus der Kursangeber, fünf Stunden nach der Ankunft in der Notaufnahme, im Warteraum und ohne Untersuchung. (...) Damit verliert die Notaufnahme als Einrichtung ihren Sinn.

Keine Verantwortlichen

Es ist vollkommen verständlich, dass sich in so einem Fall die Wut zunächst gegen die Mitarbeiter der Einrichtung richtet, schließlich hört man täglich die Regierungspropaganda dröhnen: Es werden die Löhne wieder und wieder erhöht und Superkrankenhäuser werden gebaut. (....) So sind sich in diesem Fall Regierung und Opposition einig: Eine interne Untersuchung muss her und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Zum Glück kommt es nie zur Hinrichtung, denn einen Verantwortlichen gibt es zumeist nicht. (...)

Jeder weiß, dass von perfekten Arbeitsumständen im Gesundheitswesen bei Weitem nicht die Rede sein kann: weder im Bereich der technischen Ausrüstung noch in Sachen gut ausgebildetes und erfahrenes Fachpersonal. Es ist ebenfalls bekannt, dass letzteres vor allem zwei Gründe hat – innere und äußere. Sehen wir uns zuerst die äußeren Gründe an: Der Großteil der qualifizierten Fachleute der Landes arbeitet und lebt heute in liberalen Demokratien außerhalb Ungarns. Dies stimmt für Ärzte doppelt, für Pfleger und Assistenten dreifach. (...)

Wenn es um die inneren Gründe geht, führt mit meilenweitem Abstand das Fehlen des Fachwissens beziehungsweise die viel zu hohe „Fehlertoleranz“. Bei letzterer denke ich daran, dass die Kommunikationswege zwischen aufkommenden Bedürfnissen und Entscheidungsträgern zu langsam und lang sind. Seit Jahren oder gar Jahrzehnten funktioniert das Gesundheitssystem falsch, nicht ausreichend oder gar regelwidrig. Der Wirkungskreis der Krankenhausdirektoren vermag jedoch vielleicht ausreichen, um die Arbeitsvorgänge nach gesundem Menschenverstand zu gestalten. (…)

Das Superkrankenhaus und die Supernotaufnahme sind heute in Ungarn Gebäude, die weder ein Fundament, noch Wände haben, dafür aber ein reich verziertes Dach. So ist dies nur eine „schwirrende Fata Morgana“.

Hausärzte stellen keine Alternative dar

Das Fundament der Notfallversorgung wäre bei uns vor allem die Versorgung durch die

einzelnen Hausärzte. Diese verfügen jedoch – von einigen Ausnahmen abgesehen – nicht über die nötigen technischen Mittel für eine Diagnose (von entsprechend ausgebildetem Fachpersonal ganz zu schweigen). Die „tragenden Elemente“ könnten die hausärztlichen Praxen sein, aber diese sind nur tagsüber geöffnet und zudem nicht einmal für eine angemessene Notfallversorgung und entsprechend den Regeln von vor 100 Jahren ausgerüstet.

Darüber hinaus gibt es den sich andauernd umorganisierenden Rettungsdienst, der ursprünglich mit der Versorgung von Unfällen und akuten Notfällen auf öffentlichen Plätzen betraut war. Die Zentralisierung erschwert auch hier die Arbeit, macht das vorgesehene Funktionieren manchmal sogar unmöglich. Summa summarum: Der Fisch stinkt erneut vom Kopf her. Das Einstampfen des Gesundheitsministeriums und die Schließung der Gesundheitskasse bedeuten, dass die erste Riege Fachwissen nun zur Gänze vernachlässigt.

Worauf können wir vertrauen? Auf nichts und niemanden. Bis wann sollen wir warten? Bis zum Tag des Jüngsten Gerichts. Wenn nicht auch dieser aufgrund mangelnden Personals ausfällt.

Der Autor ist Chirurg.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien Ende Dezember auf dem Onlineportal der linksliberalen Wochenzeitung Magyar Narancs.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow.

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