Es waren die Nachrichten eines Tages, zwischen den beiden Meldungen lagen nur fünf Stunden, dabei schienen diese Welten zu trennen. Am Morgen berichtete das Wirtschaftsportal napi.hu gestützt auf unternehmensinterne Quellen von einem großen Automobilzulieferer, der eigentlich eine weitere Montagelinie nach Ungarn holen wollte, sich aber letztlich für die Fertigung in Westeuropa entschied, weil man sich dort mit Blick auf die Arbeitskräftesituation auf der sicheren Seite wähnt. Gegen Mittag verkündete Außenwirtschaftsminister Péter Szijjártó die frohe Botschaft von dem deutschen Großinvestor, der ein neues Softwareentwicklungszentrum in Budapest einrichtet. Beide Meldungen drehen sich um die Continental-Gruppe, den zweitgrößten Automobilzulieferer der Welt. Die das Ungarn des Jahres 2018 widerspiegelnden Hintergründe dieser so krass gegenläufigen Meldungen zeigen jedoch auf, dass sich der Name des Unternehmens vermutlich weitgehend beliebig austauschen lässt.

Qualität der Arbeitsplätze zählt

Continental ist bereits seit 27 Jahren in Ungarn präsent. In den sechs über das Land verstreuten Werken sind mehr als 8.000 Arbeitnehmer tätig. Am Standort Nyíregyháza wurde gerade dieser Tage eine Investition von 6 Mrd. Forint (umgerechnet 19 Mio. Euro) in Fertigungslinien und neueste Technologien abgeschlossen. Der ungarische Staat finanzierte dieses Vorhaben zu einem Drittel, das sind ihm die entstehenden 250-300 Arbeitsplätze wert. In Budapest steckt die Gruppe nun 5,5 Mrd. Forint in ein neues Entwicklungszentrum für Softwareprodukte. Der Staat übernimmt dieses Mal ein Viertel der Kosten. Rund 100 junge ungarische Ingenieure werden ab Mai in dem Zentrum für künstliche Intelligenz zu Innovationsträgern, hofft der Geschäftsbereichsleiter für Fahrerassistenzsysteme, Karl Haupt, der mit seinem Entwicklungsleiter Thomas Brohm zur Ankündigung des neuen Projekts nach Budapest gereist war.

Die Automobilindustrie ist Vorreiter des technologischen Wandels in der Weltwirtschaft, glaubt der Außenwirtschaftsminister. Solange Ungarn in der Automobilindustrie erfolgreich ist, besitzt das Land somit Chancen, auch zu den Gewinnern der Digitalisierung zu gehören. Dabei zählt heute nicht mehr in erster Linie und allein die Anzahl der durch neue Projekte geschaffenen Arbeitsplätze, sondern vor allem deren Qualität, das verkörperte technologische Niveau, ihr Wertschöpfungspotenzial.

Nichtsdestotrotz fördert der Staat auch weiterhin Arbeitsplätze wie in Nyíregyháza. Sehr wahrscheinlich hätte die Continental-Gruppe für das neue Vorhaben in Veszprém in gleicher Weise Fördermittel erhalten, laut napi.hu sollen es sich die Deutschen aber im letzten Moment anders überlegt haben. Dass die Entwicklungsingenieure am Jahresende 2017 bereits die für Start-Stop-Systeme vorgesehene neue Fertigungslinie planten, weist darauf hin, dass der ungarische Standort im Konzernwettbewerb die Nase vorn gehabt hatte. Tatsächlich wird das Projekt nun aber im belgischen Mechelen verwirklicht, wo die Lohnkosten – wie das Wirtschaftsportal anmerkt – vier bis fünf Mal höher liegen als in Ungarn. In Veszprém sei derweil die Automatisierung weiterer Fertigungsprozesse in die Wege geleitet worden.

Continental in Veszprém gehen nämlich die Arbeitskräfte aus. Und keineswegs nur in Veszprém, und natürlich nicht nur Continental. Die Automobilbranche beklagt eine rasant zunehmende Fluktuation, die sich kritisch auf die Liefertreue auswirkt. Wo die Auftragsbücher prall gefüllt sind wie in Veszprém, führt dies zur Überlastung der verbliebenen Mitarbeiter, die mit den Fertigungsstückzahlen in Verzug geraten. Und während sich hierzulande hartnäckig die Ansicht hält, die Multis betrachteten Ungarn nur als verlängerte Werkbank und hielten sich einzig die niedrigen Arbeitskosten vor Augen, hört man immer häufiger von Projekten, die nicht zustande kommen, weil einfach keine Humanressourcen mehr zur Verfügung stehen. Dieses Problem weist über die Automobilindustrie hinaus – es gibt kaum noch einen Wirtschaftszweig in Ungarn, den das Thema Arbeitskräftemangel nicht berührt.

Billigressource als Mentalität

Bei jenen, die im Arbeitsprozess die Stellung halten und dabei zunehmend mehr Aufgaben übernehmen müssen, um die akute Unterbesetzung zu kompensieren, macht sich derweil Frustration breit. Ausgerechnet in einem Vorzeigewerk der ungarischen Industrie, bei Bosch in Hatvan, entlud sich dieser Frust in einem Warnstreik. Dabei wissen auch die Gewerkschaften, dass die Konditionen in Hatvan unweit der Hauptstadt noch weitaus besser sind, als etwa im Landesosten, wo viele Arbeitgeber auch heute nicht viel mehr als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn zahlen. Fünfzehn Prozent mehr Lohn wollen die Arbeitnehmer, acht Prozent bot das Management an. Vermutlich wird man sich irgendwo auf halbem Wege treffen, also wieder im zweistelligen Bereich. Freilich sind die Unternehmen nicht bereit, die Lohndynamik des vergangenen Jahres fortzuführen, als sogar die Reallöhne um mehr als zehn Prozent zulegten.

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Doch diese Prozente sind nur die Spitze des Eisberges. In der Region werden die Ungarn längst von allen Seiten belächelt, denn dank der durch die Orbán-Regierung mit Blick auf die Wahlen verordneten Lohnsprünge arbeitet das Land einen Rückstand ab, der sich seit 2006 aufstaute. In Ungarn begann die Krise nämlich schon zwei Jahre früher, sie war tiefer und hielt auch länger an, als etwa in Polen, der Slowakei oder Rumänien. Die multinationalen Arbeitgeber konnten jahrelang attraktive „Extraprofite“ verbuchen, weil der Forint massiv abgewertet wurde, um ein neues makroökonomisches Gleichgewicht zu finden. Das öffnete einer Mentalität Tür und Tor, die Mitarbeiter als billigste Ressource zu betrachten.

Der nächste Konflikt rührt daher, dass die Unternehmen auf die Verknappung der Arbeitskräfte auf die Weise reagieren, neuen Mitarbeiter zusätzliche Privilegien zu gewähren. Junge Leute lassen sich mit umgerechnet netto 400-500 Euro im Schichtbetrieb nicht mehr abspeisen; die älteren Kollegen mit Familie, Kredit und anderen Verpflichtungen schlucken frustriert die Demütigungen. Das lief für die Arbeitgeber bislang weitgehend glimpflich ab, sind doch die Gewerkschaften in kaum einem anderen OECD-Land so schwach aufgestellt, wie in Ungarn. Die angesehene konservative Ökonomin Magdolna Csath verweist auf den verblüffenden Umstand, dass Arbeitgeber in Ungarn laut Arbeitsrecht von der allgemeinen Regelung in negativer Richtung – also zu Lasten der Arbeitnehmer – abweichen dürfen. Das ist einzigartig in den Visegrád-Staaten und ein Ergebnis der Reform des Arbeitsgesetzbuches, die von der Orbán-Regierung vorangetrieben wurde.

Die schlechteste Idee auf Erden

Erhebungen zeigen noch immer, dass eine große Masse an jungen Leuten bereit ist, Ungarn über kurz oder lang zu verlassen – mehrheitlich wird als Hauptgrund das niedrige Lohnniveau angegeben. Hinzu kommt die Eintönigkeit der offerierten Arbeitsplätze, auch eine Folge der favorisierten Wirtschaftspolitik von der Reindustrialisierung des Landes. Im Verein mit einem vernachlässigten Bildungswesen, das wenig kompatible Berufsanfänger generiert, zeichnet sich eine kaum rosige Zukunft ab.

War es also falsch, dass Ungarn beginnend in den 90er Jahren wie kein anderes Land der Region das Auslandskapital vor den Karren der eigenen Wirtschaft spannte? Bringen die Großinvestoren wirklich nur Inseln zustande, ohne eine breitere Entwicklung auszulösen? Ist es nicht so, dass die Orbán-Regierung mit der neuerdings forcierten Anhebung der Löhne im öffentlichen Dienst die Unternehmen im freien Wettbewerb nötigt, ihrerseits mutiger die Löhne anzuheben?

Vielleicht setzt sich ja endlich die Einsicht durch, die Arbeit mit wenigen guten Fachkräften besser zu organisieren, die dann auch anständig für ihr Zutun entlohnt werden. Und zwar nicht nur in Budapest oder Győr-Moson-Sopron, sondern ebenso in Nógrád und Borsod. „Man kann über die Multis herziehen, man kann sie lieben, aber weder das eine noch das andere kann davon ablenken, dass sie uns einen Spiegel vorhalten. Einen Spiegel, wer wir sind“, sagt der Wirtschaftsprofessor Tamás Mellár. „Das Auslandskapital ist hierhergekommen und tut genau das, was wir ihm erlauben zu tun.“ Praktisch alle Regierungen drängten die heimischen Klein- und mittelständischen Unternehmen, Zulieferer der Multis zu werden, was nach Ansicht von Magdolna Csath die „schlechteste Idee auf Erden“ war, weil es die einseitige Ausrichtung und die Abhängigkeit der ungarischen Volkswirtschaft noch vertiefte.

Retten Bürokraten die Wirtschaft?

Doch wie dem auch sei, selbst die multinationalen Unternehmen kommen nicht umhin, etwas anzufangen mit dem Widerspruch zwischen dem seit Jahren anhaltenden Aufschwung und der schlechten Stimmung in der (arbeitenden) Bevölkerung. Gerade hat die Ungarische Nationalbank in ihrem Stimmungsbarometer reflektiert, dass der „Wohlstandsboom“ die kleinen Leute nicht erreiche: Es besteht auch weiterhin keine Sparneigung, keine Bereitschaft, Kredite aufzunehmen, die Lohnerhöhungen schlagen einfach nicht durch.

Noch feiert die Regierung die Erfolge beim Kampf gegen die Erwerbslosigkeit, doch bei einer Erwerbslosenquote von 3,8 Prozent (im Großraum Budapest sind es gar nur noch 2,2 Prozent) glauben immer mehr Ökonomen, das Ende der Fahnenstange sei erreicht. Seit 2010 wurden 740.000 Arbeitsplätze geschaffen, nun liegt de facto Vollbeschäftigung vor. Das Wirtschaftsressort glaubt zwar an weitere Arbeitsmarktreserven bei Inaktiven, Arbeitslosen, Müttern und Rentnern, beziehungsweise durch die Stärkung adäquater Bildungsmaßnahmen, unter Hervorhebung der dualen Ausbildung. Freilich hebt die Regierung den Mindestlohn auch deshalb so massiv an, um die Unternehmen zu Effizienzsteigerungen zu nötigen.

Arbeitsmarktexperten verweisen seit Jahr und Tag auf ein weiteres Rezept, mit dem sich die Lage erheblich entspannen ließe: den Abbau der staatlichen Bürokratie. Der Wettbewerbssektor könnte diese im Schnitt höher qualifizierten Kräfte sicher gut gebrauchen. Allerdings müssen die Unternehmen aufpassen, für diese Leute attraktiv zu bleiben, denn seit Einführung der Karrieremodelle im öffentlichen Sektor bietet der Staat neben akzeptablen Gehältern auch relative Sicherheit und eine langfristige Perspektive. In Zeiten knapp gewordener Fachkräfte ist ein anständiger Lohn halt notwendig, aber noch lange nicht hinreichend.

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