Zu finden ist die Jancsó Art Gallery in den Tiefen des hauptstädtischen Partyviertels, nur einen Steinwurf von Budapests ältester Ruinenbar, dem Szimpla Kert, entfernt, in der Kazinczy utca 30. Die Kunstgalerie in den Kellerräumen eines Wohnhauses entspricht jedoch nicht den Vorstellungen, die man sich landläufig von einer Galerie macht – anstatt vereinzelter Stillleben und Landschaftsbilder an ansonsten leeren, weißen Wänden hängen hier gleich Dutzende Bilder eng nebeneinander, alles ist kreuz und quer verteilt.

Mal blickt ein finsterer Donald Trump auf einen herab, mal sieht man Budapest in grellen Farben erstrahlen, mal schwimmt eine bewusstlose junge Frau unter Wasser und mal lachen einen kubistische Figuren mitten ins Gesicht. Vertauschte Farben, abstrakte Darstellungen und moderne Elemente, die sich mit klassischen Einflüssen mischen, tragen zur Vielfältigkeit der Werke bei. Derzeit sind es über 20 verschiedene Künstler, die hier ausgestellt werden. Doch auch wenn Zoltán Jancsó kein einzelnes Werk gesondert hervorhebt, stehen doch alle irgendwie im Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit.

Die „Kunsthöhle“

Doch auch in anderen Aspekten unterscheidet sich die Galerie von Zoltán Jancsó von herkömmlichen Showrooms. So wird die Jancsó Art Gallery von manchen Künstlern auch als Atelier genutzt: Bei unserem Besuch steht beispielsweise eine junge Frau am Ende des Gewölbes – eine Schürze umgebunden, einen Spachtel in der Hand – und werkelt inmitten der Galerie an einem Ölgemälde herum.

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Es zeigt, passend zur Jahreszeit, eine Winterlandschaft mit schneebedeckten Tannen. Coole Barmusik dudelt aus ein paar alten Lautsprechern und schafft eine lockere, entspannte Atmosphäre. Im Grunde genommen ist die Jancsó Art Gallery eine Art Kunsthöhle – diese Beschreibung passt besser, als der gewöhnliche Begriff „Galerie“. Für Zoltán Jancsó ist es wichtig, dass sich die Besucher in der Galerie wie zu Hause – und nicht etwa wie Eindringlinge in einer ihnen fremden Welt – fühlen sollen. Selbiges gilt natürlich auch für die Künstler.

Jeder darf ausstellen

„Mein Konzept ist, dass ich eigentlich alle Bilder aufnehme, die für mich irgendetwas Besonderes haben“, erklärt Zoltán Jancsó, der die kleine Galerie in der Kazinczy utca im Jahr 2014 eröffnete. Unter dem „Besonderen“ versteht er, dass das Bild eine gewisse Lebendigkeit ausstrahlen soll – egal, ob darauf nun Menschen, Tiere oder Gegenstände abgebildet sind. Tatsächlich ist selbst für Kunstbanausen die Besonderheit der Werke, die in seiner Galerie ausgestellt werden, zu erkennen. „Irgendwie anders, aber gut anders“, lautet das Urteil vieler Besucher. „Normale Landschaftsbilder werden Sie hier nicht finden“, erklärt Zoltán Jancsó, der sich neben seiner Arbeit als Galerist auch als Künstler betätigt. Seine eigenen Werke sind ebenfalls in den Kellerräumen zu bestaunen.

Anfangs nahm Jancsó noch alle Werke in seine Galerie auf. Mittlerweile habe er allerdings so viele Anfragen, dass er eine Auswahl treffen müsse. Trotzdem lautet das Motto weiterhin: Jeder darf kommen. Um in seiner Galerie ausstellen zu können, braucht man kein Kunstdiplom oder irgendeinen Nachweis, erklärt Jancsó. Das Einzige, was zählt, sei das Kunstwerk und der eventuelle Wiedererkennungswert des Künstlers.

In Ungarn steckt Talent

Die Idee, so vielen Künstlern wie möglich eine Ausstellungsplattform zu bieten, kam dem 48-jährigen Ungarn kurz nach seiner Rückkehr aus Mexiko. Dort lebte er ab 2010 für mehrere Jahre. Fast wäre er auch dort geblieben, doch wegen seiner heute bereits 15 Jahre alten Tochter zog es ihn zurück nach Budapest. Hier wagte er den Schritt und eröffnete seine eigene Galerie.

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Nimmt Zoltán Jancsó einen Künstler in seiner Galerie unter Vertrag, vermietet er ihm eine bestimmte Quadratmeterzahl für einen bestimmten Preis. Diesen Raum kann der Künstler dann füllen, wie er mag. Auch die Verkaufspreise für ihre Werke bestimmen die Künstler selbst. „Ich will nicht bewerten müssen, wie viel Geld ihnen ihre Kunst wert ist, diese Entscheidung ist den Künstlern selbst überlassen“, sagt Jancsó. Doch vom Endpreis erhält der Galerist nach dem Verkauf erneut 25 Prozent als Provision. Werke jeder Preisklasse und Größe sind in Jancsós Galerie bereits ab 15.000 Forint und aufwärts zu finden.

Doch nicht nur in seiner Galerie stellt Jancsó die Kunstwerke aus, er fährt mit ihnen sogar auf andere Ausstellungen – zum Beispiel an den Balaton, nach Eger oder in andere ungarische Städte – und bewirbt sie auch im Internet. Unter den von ihm vertretenen Künstlern ist auch Mónika Nikodém, der wir zuvor beim Malen ihrer Winterlandschaft über die Schulter schauen durften. Die junge Künstlerin ist schon seit zwei Jahren in der Jancsó Art Gallery vertreten und hat sogar bei den Renovierungsarbeiten in der Galerie mitgeholfen. Weitere Künstler sind Dávid Pál und Zsolt Kimmel – beides ungarische Künstler. Zoltán Jancsó will zeigen, dass auch in Ungarn eine Menge Talent steckt und man, um gute Kunst zu sehen, nicht extra nach Paris oder in andere Großstädte im Ausland reisen muss.

Vom Taxifahrer zum Szimpla-Künstler

Ganz besonders stolz ist Zoltán Jancsó darauf, dass viele der Kunstwerke aus seiner Galerie auch schon in ganz Budapest ausgestellt wurden: Manche zum Beispiel im Szimpla Kert, der beliebten Ruinenbar, die nur wenige Meter von seiner Galerie entfernt Nacht für Nacht Hunderte Besucher anzieht. Mit dem Besitzer der Bar ist der Künstler schon seit seiner Zeit in Mexiko befreundet – sie waren sich dort zufällig begegnet. In einer englischen Fachzeitschrift wurde das Szimpla Kert – auch wegen seiner Kunst – einst als eine Bar von Weltklasse bezeichnet, für Jancsó noch ein Grund, sich zu freuen und motiviert durch das positive Feedback, weiterzumachen.

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Immer weitermachen, egal welche Steine einem das Leben in den Weg rollt, das praktiziert Zoltán Jancsó schon sein ganzes Leben lang. Seiner Tätigkeit als Künstler geht er erst seit 18 Jahren nach. Davor verdingte er sich in unterschiedlichsten Berufen, mal beim Militär, mal als Gastronom, mal als Taxifahrer oder Bäcker.

Aufgewachsen ist er in einer Familie, in der den Kindern eingebläut wurde, einen „anständigen“ Beruf zu erlernen. Daher verdrängte Jancsó seine Liebe zum Malen über Jahre. Es war ein besonders dunkler Abschnitt seines Lebens, der ihn zu seiner Passion zurückführte: Der plötzliche Tod seiner Mutter, als er 18 war, sowie das Ableben seines Bruders im Jahre 2000 belasteten ihn sehr. Das Einzige, was ihm in dieser Zeit half, seine Trauer zu verarbeiten, war das Malen. Er hatte darin eine Tätigkeit gefunden, in die er sich flüchten konnte. Schnell entdeckte er seine lang verloren geglaubte Liebe wieder, die er nun auch beruflich weiterführen wollte: Ölfarben, Acrylfarben und die Galerie sind bis heute seine Welt.

Ein Ausdruck wahrer Emotionen

Kunst ist für Jancsó jedoch mehr: Liebe, Trauer, Freude – pure Emotion. Dies möchte er auch mit den Bildern in seiner Galerie vermitteln. Gerne hält er sich auch dann noch in der Galerie auf, wenn sie eigentlich schon geschlossen ist, einfach, um bei Musik und einem Glas Wein zu malen. Natürliches Licht – welches in den Kellerräumen rar ist – braucht er dazu nicht, meint er. Er muss sich nur wohlfühlen.

Immer wieder schauen Menschen in der Galerie vorbei, viele sind Touristen, andere Ansässige, aber auch Kunstliebhaber sind dabei. Auch Wettbewerbe, an denen jeder teilnehmen kann, gehören zum Veranstaltungsprogramm der Galerie.

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Jancsó Art Gallery

Budapest, VII. Bezirk, Kazinczy utca 30

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag von 16 bis 22 Uhr

Weitere Informationen finden Sie unter jancsoartgallery.com/index.php/hu/ sowie www.facebook.com/JancsoArtGallery/

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