Obwohl es im Raum recht kühl ist, sind die Kleinen barfuß. Am Leib tragen sie die für Capoeira so typische Uniform, bestehend aus weiten Hosen mit farbigen Gürteln und einem T-Shirt. Warm ist ihnen aber trotzdem allemal. Im Takt der Musik wippen die Kinder von einer Seite auf die andere, wobei sie jeweils ein Bein nach hinten setzen, diese Übung nennt sich Ginga und ist der Grundschritt der Capoeira, aus dem alle Bewegungen starten und enden. Stoppt der getrommelte Rhythmus, heißt es auch für die kleinen Capoeiristas Halt. In Abwehrpositionen verharren sie dicht über dem Boden, den Arm vor dem Kopf, die Augen fest auf den imaginären Gegner fixiert. In Momenten wie diesen spürt man ganz deutlich, Capoeira ist eine Kampfkunst, das tänzerische Element ist nur eine Zugabe.

Hohe Tritte, Sprünge und gewagte Drehungen

Später am Abend trainieren die Erwachsenen. Während bei den Kindern ganz klar die Grundlagen im Vordergrund stehen, scheint es, als hätten die Erwachsenen entweder keine Gelenke oder könnten sich über die Gesetze der Schwerkraft hinwegsetzen. Wieder sind es die Rhythmen der Trommel, die den Raum erfüllen, dazu singen die Capoeiristas im Chor. Professora Pimenta erklärt: „Schon früher, als Capoeira nur von Männern ausgeübt wurde, waren Frauen fester Teil der Roda. Weise alte Frauen sangen, während die Männer ihr Können aneinander testeten.“ Die Roda ist der Kreis, in dem das „Spiel“ zwischen zwei Capoeiristas ausgetragen wird. Während also früher Frauen sangen, um die guten Energien zu bewahren und Männer „spielten“, haben sich die Rollen heute verändert.

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Doch zurück zum Anfang: Die Kampfkunst Capoeira stammt aus Brasilien. Entwickelt wurde sie von während der Kolonialzeit dorthin verschleppten afrikanischen Sklaven. Capoeira ist geprägt von absoluter Körperkontrolle, vor allem hohe Tritte, Sprünge und gewagte Drehungen gehören zum Bild dieser Sportart. Lange war sie in Brasilien deswegen verboten, denn die Sklavenhalter erkannten, wie gefährlich die Kampfkunst ihnen werden könnte. Dieses Verbot blieb bis in die 1930er-Jahre bestehen. „Bis dahin gab es sogar ein extra Gefängnis, nur für Capoeiristas“, erzählt Professora Pimenta.

Capoeira stamme aus urbanen Gegenden, „und war ein Sport der Schwarzen und Mulatten“, so Pimenta. In der Zeit des Verbots hätten brasilianische Polizisten oft eine Zitrone dabei gehabt, erzählt sie weiter: „‚Anständige Schwarze‘ trugen enge Hosen. Bei wem die Hose jedoch so weit war, dass eine oben in den Hosenbund gesteckte Zitrone durchfallen konnte, war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Capoeirista.“ Die weiten Hosen, die den Sportlern die nötige Bewegungsfreiheit geben, sind bis heute geblieben. Doch bei Capoeira geht es um mehr, als nur um Kampfkunst.

Kraft und absolute Kontrolle

Auf die Frage, was Capoeira für Pimenta bedeutet, antwortet sie, ohne zu zögern: „Mein Leben.“ Und tatsächlich, in jeder ihrer Bewegungen, in jedem Atemzug spürt man die Urkraft, die dieser Kampfkunst und damit auch ihr innewohnt. Capoeira wird zu Unrecht mitunter mehr als Tanz denn als Kampf gesehen, denn obwohl sich die Capoeiristas innerhalb der Roda nicht berühren, spürt man selbst beim Zuschauen, welche Kraft und absolute Kontrolle es braucht – und vor allem wie viel Aufmerksamkeit!

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Bei lateinamerikanischen Tänzen ist es oft so, dass der Mann führt und Frau die Bewegungen aufnimmt und umsetzt. Capoeira hingegen funktioniert anders. Beide Capoeiristas müssen in der Roda ihre Aufmerksamkeit zu hundert Prozent dem anderen widmen, denn die Bewegungen des anderen müssen wahrgenommen und die eigenen Bewegungen dementsprechend adaptiert werden. Wer zwei erfahrenen Capoeiristas im Spiel sieht, dem drängt sich unweigerlich der Vergleich zum Tanz auf, denn die katzengleichen, geschmeidigen Bewegungen erinnern gar an einen Tango. Wegducken unter einem Tritt, aus dem Handstand in den Ginga, ein Salto über den anderen – all das sieht man in der Roda.

Konzentriert wird sich immer auf die beiden aktiven Capoeiristas im Spiel. Wer drum herum im Kreis steht, singt, klatscht im Rhythmus oder spielt eines der typischen Instrumente. Dazu gehören etwa der Berimbau, ein Bogeninstrument aus dem Nordosten Brasiliens, die Atabaque, eine Art tiefe Trommel, oder das Pandeiro, ein Schellentamburin. Im Inneren der Roda bewirkt die Musik fast etwas Magisches, die Urgewalt wird greifbar. Selbst wer den Kampfstil nicht beherrscht, kann sich dem Bann der Roda nicht entziehen.

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Es dauert zumeist nicht lange, bis der erste Wechsel passiert, denn im Capoeira kann „abgeklatscht“ werden, sprich, ein frischer Capoeirista übernimmt den Platz eines der Kämpfer im gerade aktiven Zirkel. Ins Stocken gerät hier niemand dadurch, ganz nahtlos geht ein Spiel zu Ende und ein Neues beginnt. Und obwohl alle dieselben Elemente beherrschen, hat doch jeder Capoeirista seinen eigenen Stil: Der eine bevorzugt Tritte und Drehungen, den anderen sieht man wiederum mehr auf seinen Händen als auf seinen Füßen in der Roda. Das Schauspiel ist faszinierend und schnell bekommt man Lust, auch selbst einzusteigen. Aber ist das eine so gute Idee?

Frauenpower in der Roda

Die Zeiten, in denen Capoeira als ein reiner Männersport galt, sind heute vorbei, doch das ist noch nicht lange so. Pimenta erinnert sich: „Ich bin in einem brasilianischen Ghetto groß geworden, mit neun Jahren wollte ich unbedingt einen Kampfsport erlernen, weil ich mich immer mit den Jungs aus der Nachbarschaft gerauft habe.“ Ihre Eltern waren jedoch von ihren Absichten alles andere als begeistert. So schlich sich Pimenta im Geheimen zum Taekwondo. „Entweder warf ich mein Trainingszeug über den Zaun zum Nachbarn, sodass meine Eltern nicht mitbekamen, wohin ich ging, oder meine Sachen blieben direkt bei meinem Meister.“

Zwei Jahre später kam Pimenta dann mit Capoeira in Kontakt: „Bis dahin dachte ich, das wäre ein Tanz. Aber ich fing an, zu Rodas zu gehen und sah, dass das viel, viel mehr ist.“ Die Faszination hat sie bis heute nicht losgelassen. Pimenta ist der Meinung, dass gerade Capoeira als Kampfsport für Mädchen und Frauen ausgesprochen gut geeignet ist: „Die Musik, der Gesang und die Tatsache, dass nicht Aggression und ein Feindbild im Vordergrund stehen, machen Capoeira wirklich einzigartig.“ Es handelt sich also keineswegs um einen geschlechtsspezifischen Sport. Pimenta selbst glaubt, ihr Selbstbewusstsein in großen Teilen der geliebten Kampfkunst zu verdanken.

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Und ab welchem Alter sollte man mit dem Training anfangen? Dafür gibt es keine festen Regeln. Pimentas kleine Capoeiristas sind zwischen sieben und 17 Jahren alt. Jeder lernt in seinem eigenen Tempo und nach seinen Fähigkeiten. Für Kinder ist Capoeira allein schon aufgrund der Vielfalt der Bewegungen eine gute Wahl, alle Muskelgruppen werden beansprucht, der Gleichgewichtssinn geschult und durch akrobatische Elemente wie Brücken, Handstände und Radschläge kommt auch die Dehnung nicht zu kurz.

Darüber hinaus lernen die Kinder Ausdauer ebenso wie Konzentration und Respekt, denn dieser wird nicht nur den Lehrern gezollt, sondern auch den anderen Capoeiristas in der Roda.

Und was, wenn ich der Kindergruppe schon längst entwachsen bin, aber trotzdem gerne Capoeira erlernen würde? Auch das ist möglich. Zu alt oder zu ungelenk für den Sport ist per se niemand. Wichtig ist jedoch, seine eigenen Grenzen zu erkennen und im gemeinsamen Spiel zu überwinden. Dies gehört ebenso dazu wie der stetige Drang, sich weiterentwickeln zu wollen. Wer also Spaß an einer vollkommen neuen Bewegungsform und der Erweiterung seines kulturellen Horizontes hat, dem sei die brasilianische Kampfkunst wärmstens empfohlen.

Weitere Informationen zum Kampfsport und zu Kursen in Ungarn finden Sie auf www.facebook.com/capoeirabrasilhungary

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