Frau Nagy, wir gratulieren natürlich zunächst einmal zu Ihrer Wahl zur „Auslandsdeutschen des Jahres“! Wie haben Sie von der Ausschreibung erfahren und wer oder was hat Sie bewogen, sich zu bewerben?

Danke schön! Von der Ausschreibung habe ich aus verschiedenen deutschsprachigen Medien wie zum Beispiel www.zentrum.hu oder der Hermannstädter Zeitung erfahren. Zuerst hat es mich ehrlich gesagt nicht bewegt, ich hatte den Aufruf aber auch meiner Mutter geschickt und plötzlich erhielt ich von ihr die Nachricht, dass sie mich nominieren möchte. Und da gab es keine Widerrede.


Was glauben Sie, warum hat Ihre Mutter gerade in Ihnen eine besonders geeignete Kandidatin gesehen?

Für mich ist es, egal wo ich bin, wichtig zu betonen, dass ich ungarndeutscher Abstammung bin. Es hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Geeignet bin ich aber auch aufgrund meiner intensiven Kontakte zu den deutschen Minderheiten beziehungsweise Nationalitäten in der Region Mittel- und Osteuropa, wobei mir das YOU.PA-Programm (Young Potentials Academy) der Otto Benecke Stiftung e.V. sehr geholfen hat. YOU.PA bringt junge Menschen mit deutscher Abstammung aus verschiedenen Ländern der mittel-osteuropäischen Region zusammen. Durch dieses Programm konnte ich Freundschaften schließen, die jetzt schon zu Partnerschaften vertieft worden sind. Ganz wichtig finde ich aber auch den Kontakt zu Deutschland. Das Gefühl, dass wir zusammengehören und dass wir etwas auf dem Weg der Zusammenarbeit bewegen können, ist einfach einmalig.


Ist der Titel „Auslandsdeutsche des Jahres“ mit einem Preisgeld oder sonstigen Leistungen verbunden? Oder bringt er Ihnen am Ende nur Verpflichtungen?

Einen konkreten Preis habe ich damit nicht gewonnen. Ich würde das Ganze als einen „Ehrenpreis“ bezeichnen. Was wir spüren, seitdem ich „Auslandsdeutsches des Jahres“ geworden bin, ist, dass der Wettbewerb und der Titel das Interesse der Leute geweckt hat und viele auf die Ungarndeutschen aufmerksam geworden sind – sowohl in Ungarn als auch im Ausland. Das war auch das Ziel und die Absicht der IMH. Als Verpflichtung kann ich die Medienkampagne der IMH erwähnen, die Anfang dieses Jahres starten soll.


Was halten Sie davon, dass sich der Wettbewerb bevorzugt an junge Frauen gerichtet hat?

Zuerst war das auch für mich ein bisschen seltsam. Warum sollten nur junge Frauen teilnehmen dürfen? Aber dann habe ich einen Artikel, wenn ich mich nicht irre, aus Australien gelesen, wo dieser Wettbewerb als eine Art Schönheitswettbewerb vorgestellt wurde, bei dem aber nicht die körperliche Schönheit im Fokus steht, sondern das Engagement und die Tätigkeiten der jungen Teilnehmerinnen. Damit bin ich völlig einverstanden. Wichtig ist, denke ich, dass die Leute erfahren, dass auch Jugendliche, vor allem auch junge Frauen, Welten zusammenbringen können und auch sie ihre Daseinsberechtigung in Kultur und Politik haben.


Was wissen Sie über Ihre Vorfahren? Spielt die ungarndeutsche Herkunft in Ihrer Familie auch heute noch eine Rolle?

Wir wissen leider nicht viel darüber, woher unsere Vorfahren stammen. Die Dokumente wurden im Krieg durch einen Bombentreffer im staatlichen Archiv von Székesfehérvár vernichtet. Mein Heimatort Neudörfl (ung.: Újbarok) ist eine Zweitsiedlung. Die Kolonisten kamen aus anderen ungarischen Ortschaften hierher, aus Obergalla (ung.: Felsőgalla) und aus Werischwar (ung.: Pilisvörösvár), also nicht direkt aus Deutschland.

Unsere ungarndeutsche Abstammung spielt natürlich auch heute noch eine wichtige Rolle in der Familie. Viele aus unserer Verwandtschaft wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland vertrieben, trotzdem haben wir den Kontakt weiter gepflegt. Auch bei meiner Ausbildung und Schulwahl spielte unsere Abstammung eine wichtige Rolle. Schon zu Hause haben ich und mein Bruder durch unsere Mutter Deutsch gelernt und dann habe ich natürlich einen Nationalitätenkindergarten sowie die Nationalitätengrundschule besucht, leider kein solches Gymnasium. Aber bei der Wahl meines Studienfaches an der Universität stand es außer Frage, dass ich mich für Deutsch als Minderheitensprache auf Lehramt entscheiden würde.

Das Bestreben, unser kulturelles Erbe weiterzuführen, sah und sehe ich täglich in unserer Familie. Mein Opa, Antal Pats, war bei der Gründung der ungarndeutschen Selbstverwaltung in der Gemeinde dabei, meine Mutter hat dann später seine Arbeit weitergeführt. So nahm ich schon als Kind an allen möglichen Veranstaltungen der deutschen Nationalität teil. Jetzt arbeite ich auch persönlich als Abgeordnete für die Ungarndeutschen.


Sie sind in Ungarn aufgewachsen, sind von der Kultur in Ungarn geprägt, Sie haben sicher einen ungarischen Pass, warum ist es Ihnen da dennoch wichtig, Ihre deutschen Wurzeln zu pflegen?

Genau, ich bin in Ungarn aufgewachsen, aber die deutsche und ungarndeutsche Kultur waren immer Teil meines Lebens. Für mich sind beide untrennbar. Ich bin halt ungarndeutsch und keine Deutsche in Ungarn oder irgendetwas anderes. Es ist gar nicht der Pass, der uns definiert, wichtiger ist, wozu wir uns zugehörig fühlen. Ich habe 21 Jahre in Ungarn gelebt, die beiden Kulturen, beide Sprachen gepflegt und habe mich dabei völlig zuhause gefühlt. Aber als ich wegen meines Erasmus-Stipendiums nach München zog, fühlte ich mich auch da heimisch. Ich habe in den Menschen dort viele Eigenschaften wiedergefunden, die auch die Ungarndeutschen charakterisieren. Wir sprechen dieselbe Sprache, ich verstehe sogar ihren Dialekt, kenne die meisten ihrer Lieder und so weiter. Trotzdem ist es für mich wichtig, mir vor Augen zu halten, dass meine Ahnen zwar aus Deutschland stammen, aber sich in Ungarn niedergelassen haben. Deshalb will ich beiden „Nationalitäten“ gerecht werden. Es ist noch nicht lange her, dass man die Ungarndeutschen dazu drängen wollte, ihre Sprache und Identität aufzugeben. Meine Generation gehört jedoch zu jener Generation, die das Ungarndeutschtum für sich „wiederentdeckt hat“. Auch deswegen ist es für mich wichtig, meine deutschen Wurzeln zu pflegen.


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Sie haben jetzt schon einige Monate in München gelebt und viele Erfahrungen machen können. Wenn Sie Mentalitätsunterschiede zwischen Ungarn und Deutschen betrachten, wem fühlen Sie sich persönlich näher?

Am Anfang ist mir aufgefallen, dass ich diesen ständigen „ungarischen Pessimismus“ in mir hatte, aber das hat sich in der neuen, sehr multikulturellen und internationalen Umgebung schnell geändert. Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl, weil das Land so offen für neue Leute und Kulturen ist. In Ungarn ist das oft nicht der Fall. Das hat unter anderem in den zahlreichen Unterschieden zwischen den beiden Ländern seine Ursache, etwa mit Blick auf den wirtschaftlichen Entwicklungsstand oder das Bildungssystem. Außerdem hat man in Ungarn seltener Kontakt zu Menschen, die aus anderen Kulturen stammen – so ist die Mentalität der Gesellschaft schwer zu ändern, denn als Tourist im Ausland kann man eine Nation nicht so gut kennenlernen, wie beim gemeinsamen Zusammenleben.

Ich fühle mich in München sehr sicher, die Stadt gibt mir das Gefühl meines Heimatdorfes wieder. Darunter verstehe ich, dass ich beispielsweise mein Fahrrad monatelang vor meinem Haus stehen lassen konnte, ohne es anschließen zu müssen. In Budapest würde ich das nie machen. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mich mit der Mentalität in Ungarn nicht identifizieren kann, aber momentan fühle ich mich den Deutschen näher.


Sie engagieren sich in Ihrer Heimatregion in der deutschen Minderheitenselbstverwaltung? Wie sieht Ihre Arbeit dort aus? Mit welchen Fragen beschäftigt sich die Minderheitenselbstverwaltung? Welchen Herausforderungen sieht sie sich gegenüber?

Genau, ich bin Abgeordnete in der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung von Neudörfl (ung.: Újbarok), einer Gemeinde im Komitat Fejér. Wir arbeiten hier offiziell zu dritt und kümmern uns um das Leben der Ungarndeutschen im Dorf. Das bedeutet hauptsächlich, dass wir Veranstaltungen planen und organisieren, zum Beispiel Koch- und Backwettbewerbe, Weinlesefeste, Martinsumzüge oder Adventskonzerte. Alle Veranstaltungen sind immer irgendwie an das Ungarndeutschtum gebunden. Die Traditionspflege spielt allgemein eine große Rolle, so wurden etwa im Dorf 2006 eine Heimatstube und 2013 ein Heimatmuseum eingerichtet. Letztes Jahr haben wir sogar ein Nationalitäten-Camp für die Kinder aus der Umgebung veranstaltet. Daneben versuchen wir auch verschiedene Publikationen herauszugeben. So wurden in den vergangenen Jahren vier Bücher und Broschüren über das Dorf, seine Geschichte und Traditionen veröffentlicht.

Die größte Herausforderung ist derzeit jedoch das Verschwinden einer ganzen Generation aus unserem Dorf, nämlich der Generation zwischen 20 und 30, die hier keine Chancen mehr gesehen hat. So bleiben nur die ältere und die jüngere Generation, mit denen wir zusammenarbeiten können.

Derzeit arbeiten wir zudem dafür, dass wir nach der nächsten Wahl einen eigenen Abgeordneten im Parlament haben werden. Das ist harte Arbeit.


Sie leiten darüber hinaus eine donauschwäbische Tanzgruppe. Wie kann man sich das vorstellen? Gibt es typisch ungarndeutsche Tänze?

Ich bin die Vizeleiterin der Saarer Tanzgruppe. Dort bin ich vor allem für Auslandsreisen, Partnerschaften und unsere Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. In der Tanzgruppe tanzen mehr als 120 Jugendliche. Seit einem Jahr sind aber auch Eltern aktiv und wir haben auch eine Seniorengruppe gegründet.

Wir tanzen typisch ungarndeutsche Tänze, zum Beispiel Polka, Walzer, Mazurka und Ländler. Unsere Choreografien stammen meist von unseren Mitgliedern, die sich mit der Zeit weitergebildet haben, aber oft arbeiten wir auch mit anderen ungarndeutschen Choreografen und auch mit Choreografen aus anderen Nationalitäten zusammen, um unser Repertoire zu erweitern. Wichtig ist jedoch, dass wir dabei immer die traditionelle Musik verwenden.

Die Tanzgruppe hat jedes Jahr Auftritte im In- und Ausland. Unsere größten Erfolge waren bisher 2011eine Tournee durch die USA sowie 2015 eine Tournee durch Brasilien, die wir dank der Hilfe des Weltdachverbandes der Donauschwaben durchführen konnten.


Sie studieren „Deutsch als Minderheitensprache“, warum haben Sie sich dafür entschieden? Wie sieht Ihre Traumarbeitsstelle aus? Ist sie in Deutschland oder Ungarn zu finden?

Nur mit diesem Abschluss kann ich später in den ungarndeutschen Schulen unterrichten, deshalb war mir von Anfang an klar, dass ich dieses Fach wählen werde, statt „Deutsch pur“. Ich habe bereits ein Praktikum hinter mir und habe die Arbeit in der Schule sehr genossen, daher würde ich später gerne auch als Lehrerin arbeiten, obwohl ich mir hinsichtlich der jetzigen Lage des Lehrerberufs schon Sorgen mache. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, in die Richtung Politik, Minderheiten und Kultur zu gehen und eine Arbeit in diesem Bereich zu suchen. Meiner Meinung nach ist es ein Muss, dass man so viele Erfahrungen wie möglich sammelt, auch im Ausland, denn eine andere Lebens- und Arbeitssituation kennenzulernen, hilft in der persönlichen und beruflichen Entwicklung. Ich würde daher gerne eine Zeit lang in Deutschland arbeiten, dabei aber immer vor Augen behalten, wie ich das Gelernte zu Hause umsetzen könnte. Deswegen habe ich zum Beispiel während meiner Zeit als ifa-Stipendiatin in München eine Hospitanz bei der Landsmannschaft der Banater Schwaben e. V. gemacht. Ich wollte einen genaueren Einblick in das Vereinsleben der Banater Schwaben erhalten, weil ich der Meinung war, dass es auch den ungarndeutschen Organisationen viel nutzen könnte, sich etwas von ihrem Beispiel abzuschauen.


Stellen Sie sich vor, Sie finden einen Zauberstab und könnten jegliches Problem der Ungarndeutschen magisch beheben, was müsste passieren, damit es den Ungarndeutschen auch in Zukunft „gut“ geht?

Dieses Jahr gibt es ja Parlamentswahlen. Diese spielen auch für die Ungarndeutschen eine große Rolle. Mit meinem Zauberstab würde ich einen ungarndeutschen Abgeordneten ins Parlament zaubern, denn das würde bedeuten, dass mehr als 40.000 Ungarndeutsche ihre Stimme für die ungarndeutsche Liste abgegeben hätten. Das wäre derzeit am besten für die Zukunft der Ungarndeutschen. Schon in diesem Regierungszyklus hat Imre Ritter, unser Parlamentssprecher, schöne Ergebnisse, darunter eine beispiellose Unterstützung für die ungarndeutschen Institutionen, erreicht, aber für gesetzliche Änderungen bräuchten die Ungarndeutschen einen eigenen Abgeordneten. Dadurch wäre es einfacher, all die kleinen Probleme, etwa mit den Institutionen oder mit dem Sprachgebrauch, zu lösen.


Über den Wettbewerb „Auslandsdeutsche des Jahres“:

Die Wahl zur „Auslandsdeutschen des Jahres“ ist eine frische Initiative der Internationalen Medienhilfe (IMH), einem Netzwerk deutschsprachiger Medien im Ausland. „Die Aktion soll speziell die jüngeren weiblichen Mitglieder der deutschen Gemeinschaften und Minderheiten rund um den Globus für ihre bisherigen Aktivitäten belohnen beziehungsweise zu einer Mithilfe in deutschen Vereinen und sonstigen Institutionen motivieren“, erklärt IMH-Leiter Björn Akstinat. „In vielen deutschen Vereinigungen im Ausland sind jüngere Leute noch unterrepräsentiert. Ziel des Wettbewerbs ist außerdem, in Deutschland auf die großen kulturellen Leistungen und Traditionen der Auslandsdeutschen stärker aufmerksam zu machen.“ Im Oktober rief die IMH daher erstmals dazu auf, sich für die weltweite Wahl zur „Auslandsdeutschen des Jahres" zu bewerben. Daraufhin gingen Bewerbungen aus aller Welt ein. Vier Damen schafften es ins Finale. Ausschlaggebend bei diesem Wettbewerb soll vor allem das Engagement der Kandidatinnen für die eigene Kultur sein.

Die Abstimmung lief bis zum 10. Dezember. Viktória Nagy setzte sich mit rund 60 Prozent der etwa 8.600 abgegebenen Stimmen aus aller Welt gegen die anderen Finalistinnen aus Brasilien, Australien und Paraguay durch.

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