Organisiert wurde der Abend von Melani Barlai, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft der AUB, und dem interuniversitären Netzwerk Politischer Kommunikation (netPOL). Als Referentin war Eszter Kováts eingeladen. Sie ist Leiterin des Projektes „Gendergerechtigkeit in Ostmitteleuropa“ im Auslandsbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest, promoviert derzeit an der Loránd-Eötvös-Universität und sprach über ihr gesammeltes Wissen zum Thema Frauen in der heutigen Politik und Gesellschaft.

Harvey Weinstein brachte Debatte um das Tabuthema sexuelle Belästigung ins Rollen

Doch zunächst leitete Prof. Dr. Ellen Bos, Prorektorin der AUB für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, die Veranstaltung mit einer Begrüßungsrede ein, in der es auch um aktuelle Debatten ging. Der Skandal um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, so Bos, habe Ende 2017 erneut eine Debatte um das Tabuthema sexuelle Belästigung ins Rollen gebracht, dessen Ausläufer uns auch noch im Jahr 2018 begleiten werden.

Begonnen hat alles im Oktober des vergangenen Jahres, als Anschuldigungen laut wurden, dass der berühmte US-amerikanische Filmproduzent, bekannt für zahlreiche Hollywood-Klassiker und Blockbuster (darunter „Scary Movie“, „Der Herr der Ringe“ und „Kill Bill“), zahlreiche Frauen – unter ihnen bekannte Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie – sexuell belästigt, genötigt oder gar vergewaltigt habe. Daraufhin begannen Mädchen und Frauen in der ganzen Welt, die selbst schon einmal Opfer sexueller Belästigung waren, unter dem Hashtag #metoo in den sozialen Netzwerken ihre eigenen Schicksale zu teilen. In vielen Ländern führte die erhöhte mediale Aufmerksamkeit dazu, dass ähnliche Fälle aus dem Unterhaltungsgeschäft ans Licht kamen. In Deutschland sieht sich etwa der Fernsehregisseur Dieter Wedel Beschuldigungen gegenüber, in Ungarn unter anderen Regisseur László Marton.

„Skandale wie diese“, so Bos, „machen uns deutlich, dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau auch heute noch eine besondere Brisanz besitzt.“ Auch, dass viele Frauen in ihren Berufen bei gleicher Arbeit im Durchschnitt weniger verdienten als Männer, präge den Alltag vieler Frauen und werfe häufig die Frage auf, warum dies in einer modernen Gesellschaft immer noch so sei. Zuletzt, so Bos, sei auch die Frage nach der Politik nicht auszulassen: Im Kabinett der derzeitigen Regierung gebe es keine einzige Ministerin, man könne die Orbán-Regierung daher auch überspitzt als eine konservative, Familienwerte vertretende Diskriminierungspartei beschreiben.

Ungarn auf Platz 27 von 28

Im Anschluss an die Begrüßungsrede ging Eszter Kováts auf die von Bos angeschnittenen Themen genauer ein. Kováts betonte, dass es keine Patentlösungen oder pauschale Antworten gebe. Zunächst müsse man analysieren, wie man Gleichstellung eigentlich definiere und wie man sie messbar machen könne. Ein Versuch dafür sei etwa der Gender-Equality-Index (GEI) des Europäischen Instituts für Geschlechterfragen. Er erhebt, inwiefern Frauen gegenüber Männern in verschieden Bereichen des Lebens benachteiligt werden.

Schaut man sich die aktuellen GEI-Zahlen von 2017 an, so fällt vor allem eines auf: Ungarn schneidet im europäischen Vergleich eher schlecht ab. Gerade einmal den vorletzten Platz, Platz 27 von 28, belegt das Land hier. In den Kategorien Arbeit, Geld, Wissen, Zeit, Macht und Gesundheit – welche ebenfalls noch mal in Unterkategorien geordnet seien, könne man, so Kováts, ablesen, dass Ungleichheit in Ungarn Realität sei und nicht bloß ein unbestimmtes Gefühl der Unterdrückung. Laut der Genderforscherin sei es daher höchste Zeit, dass man hierzulande sowohl die vertikale Segregation des Arbeitsmarktes, also die Ungleichverteilung von Frauen und Männern auf unterschiedlichen Hierarchieebenen, als auch die horizontale Segregation, also die Ungleichverteilung auf unterschiedliche Berufe, genauer betrachte. Frauen würden weitaus häufiger in schlechter bezahlten Berufszweigen arbeiten, beispielsweise im Bereich der Kinderbetreuung oder der Altenpflege. Dabei würden, wie Kováts beteuert, gerade Pflegeberufe in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Und was tut die Politik?

Oft erwartet man ja gerade vom Staat und der Politik, dass hier mit gutem Beispiel vorangegangen wird. Doch, wie Kováts berichtet, hätten es Frauen in Ungarn gerade in der Politik schwer, in höhere Positionen aufzusteigen: Der Frauenanteil in den nationalen Parlamenten Europas betrage im Durchschnitt 27,2 Prozent – in Ungarn allerdings gerade einmal 10 Prozent. Seit 1990 habe sich Ungarn in dieser Hinsicht kaum weiterentwickelt.

Bewusst provozieren wollte Kováts mit der Frage, ob dieser magere Frauenanteil wirklich einem Sexismus der aktuellen ungarischen Regierung zuzuschreiben ist oder ob der Grund nicht vielmehr bei den Frauen selbst zu suchen sei? Es könne ja sein, so die Genderforscherin, dass Frauen überhaupt nicht an Politik interessiert seien. Dagegen spreche jedoch, dass es etwa auf kommunaler Ebene durchaus Frauen in der Politik gebe. Je weiter runter man innerhalb der Hierarchie ginge, desto mehr Frauen seien in politischen (Führungs-)Positionen zu finden. Die Arbeit in NGOs – die man laut Kováts dem Bereich Politik zurechnen müsse – sei ebenfalls von vielen Frauen geprägt. Je größer jedoch der Einflussbereich werde, desto höher werde der Männeranteil.

Wie Kováts weiter erläutert, halte sich der Mythos von der selbst verschuldeten Karrieredrosselung der Frauen aber hartnäckig. Als Ursache für die Ungleichverteilung von Frauen in höheren Positionen werde beispielsweise oft herangezogen, dass diese vielleicht mit einer anderen (weniger ehrgeizigen) Einstellung an die eigene Karriere herangehen oder gar überhaupt keine Karriere anstreben würden, weil sie zum Beispiel lieber mit ihrem Kind zu Hause bleiben und nicht arbeiten wollen. Haben solche Frauen dann die Emanzipation noch nicht entdeckt? Laut Kováts sei dies offensichtlich eine Frage der Chancengleichheit, die berücksichtigt werden müsse, deren Beantwortung aber ohne Subjektivität kaum möglich sei.

Was zählt – Geschlecht oder Leistung?

In diesem Zusammenhang hob Kováts hervor, dass, wenngleich sich die Orbán-Regierung in Sachen Gleichstellung nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert habe, sie doch zumindest Kindertagesstätten großzügig mit Geldern unterstütze, was Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt auch nach der Geburt eines Kindes erleichtere.

Es gebe jedoch auch andere Blockaden, die Frauen darin hindern, in Führungspositionen und vor allem in höhere politische Positionen aufzusteigen. So sei die sehr hohe Arbeitsbelastung, aber auch die Arbeitszeitgestaltung häufig nicht mit häuslichen Verpflichtungen vereinbar. „Wenn Parlamentssitzungen oder Ausschusssitzungen erst abends um 22 Uhr stattfinden, ist es für viele Frauen wegen ihrer Familie oder anderer Umstände einfach nicht möglich, teilzunehmen“, so Kováts.

Ein weiteres Argument, welches häufig ins Feld geführt werde, wenn es um die Erklärung von Ungleichverteilungen geht, sei das Argument der Meritokratie – also der Ansatz, dass „nicht das Geschlecht zählt, sondern allein die Leistung“. Dieses Argument sei jedoch, wie Kováts es formuliert, „nicht ambitioniert genug“.

Geht es um die Akzeptanz von Gleichstellungsmaßnahmen, so beobachtet Eszter Kováts vor allem eine gehörige Portion Skepsis innerhalb der ungarischen Gesellschaft. Viele hätten gar kein Interesse daran, einen Ausgleich zwischen Männern und Frauen zu schaffen. Sie beobachtet jedoch auch eine gewisse Ermüdung innerhalb der Gesellschaft, wenn es darum geht, sich mit den Fragen der Gleichberechtigung auseinanderzusetzen. Gerade bei Konservativen gelte die sogenannte „Genderideologie“ heute oft als Feindbild.

Aktuelle Entwicklungen

Zum Abschluss widmete sich Kováts auch aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Gleichstellung. Auf die #metoo-Kampagne Bezug nehmend sagte Kováts: „Die Frage ‚Wo ist die Grenze zwischen Flirten und Belästigung?‘ ist nicht bloß eine Hollywoodstruktur, sondern wichtig für das Leben jeder einzelnen Frau.“

Was Kováts heute besonders schockiere, sei der Erfolg dubioser Internetbörsen wie puncs.hu. Hier würden insbesondere attraktive, junge Frauen unter dem Motto „Rich meets beautiful“ mit älteren, reichen Männern verkuppelt. Die Seite, die ihre Nutzer als Sugar-Daddys und Sugar-Babes bezeichnet, würde vor allem die Situation junger Studentinnen, die sich in einer schwierigen finanziellen Lage befänden und sich ihr Studium kaum leisten können, ausnutzen. Die Betreiber der Seite plagen jedoch kaum moralische Skrupel, es handele sich um „ein legitimes Geschäftsmodell“, sollen sie gegenüber Kritikern erwidert haben.

Doch letztendlich, so Kováts abschließend, müsse jede Frau ihre eigene Rolle finden. Wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Gleichstellung durch die Partizipation auf dem Arbeitsmarkt liege einerseits in der eigenen Verantwortung eines jeden Menschen, müsse andererseits aber auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gefördert werden. Dabei würden die Männer eine große Rolle spielen, denn ohne sie könne es keine Gleichstellung geben. In diesem Zusammenhang merkte Kováts noch an: „Es ist auch wichtig, zu wissen, dass Männer gerade in Bezug auf Leistung unter einem enormen gesellschaftlichen Druck stehen.“

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