Im Gedenkjahr behandelte man in Ungarn diesen Akt und seine historischen Folgen in mehreren wissenschaftlichen Veranstaltungen. Im Rahmen der zweitägigen internationalen Konferenz Conflict & Cooperation 150 Years Of The Austro-Hungarian Settlement vom 30. November bis zum 1. Dezember letzten Jahres, welche das Forschungszentrum für Humanwissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften organisiert hatte, diskutierte am Abend des 30. November 2017 an der Andrássy Universität Budapest (AUB) eine prominente politische Runde: der frühere österreichische Vizekanzler Erhard Busek, der ehemalige tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg, der amtierende ungarische Minister für Humanressourcen, Zoltán Balog, sowie Iván Bába, einstiger Staatssekretär im ungarischen Außenministerium, der seine frühen Jahre in Preßburg verbracht hatte und deshalb die slowakische Sicht der Dinge darlegen konnte. Geleitet wurde das Gespräch von Andreas Oplatka, bis vor kurzem Vorsitzender des Kuratoriums und Professor der AUB, sowie früherer Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung, der die Gesprächsteilnehmer eingangs darum bat, kurz zu schildern, wie der Ausgleich in ihren Ländern heute allgemein gesehen wird.

Tschechen waren vom Ausgleich enttäuscht

Dabei kamen Gegensätze zum Vorschein. Schwarzenberg erklärte, dass der Ausgleich für die Tschechen eine bittere Enttäuschung gewesen sei. Im Gegensatz zu Ungarn sei Böhmen und Mähren die Funktion eines staatstragenden, eigeständigen Teils der Monarchie verweigert worden, was sich symbolträchtig namentlich darin manifestiert habe, dass es in Prag – allen Plänen zum Trotz – nicht zur Krönung von Franz Joseph mit der Wenzelskrone gekommen sei. Diese Perspektive überwiegt nach Schwarzenberg auch in der Gegenwart, wenn die Tschechen sich an den Ausgleich erinnern. Iván Bába wies auf ähnliche Art darauf hin, dass der Dualismus die Slowaken den Versuchen der ungarischen Regierung in Budapest ausgesetzt habe, eine radikale Politik der Magyarisierung zu führen; so sei es etwa zur Schließung der Gymnasien in slowakischer Sprache gekommen – ein heute kaum mehr verständlicher Beschluss.

Erhard Busek zeigte einerseits viel Verständnis für die von Schwarzenberg vorgebrachten Argumente. Anderseits sieht man nach ihm im heutigen Österreich den Ausgleich eher in romantischem, ja nachgerade mythologischem Licht: als den Beginn einer langen, glücklichen Friedenszeit. Zoltán Balog meinte, für Ungarn verhalte es sich ähnlich, allerdings verbinde sich das Jahr 1867 im ungarischen Teil der Monarchie als Neubeginn mit viel Konkretem: mit einem bis heute nachwirkenden wirtschaftlichen Aufschwung, einem Modernisierungsschub im ganzen Land. Der Minister hob auch hervor, dass die Monarchie als Großmacht ein geopolitisches Vakuum hinterlassen habe; nach ihrem Zerfall sei Europas Mitte bald schon eine leichte Beute erst Hitlers und dann Stalins geworden. Der Gesprächsleiter zitierte hierauf den österreichischen Schriftsteller Friedrich Torberg, der festgestellt hatte: „Verglichen mit dem Schicksal der Ostmitteleuropäer nach 1945 erscheint die Habsburgermonarchie nicht als Völkerkerker, sondern als ein Völkersanatorium“.

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Sozialminister Zoltán Balog: „Nicht Ungarn bereitet Brüssel Probleme, sondern umgekehrt: die manipulativen Ideen der EU machen Ungarn zu schaffen.“


Schwarzenberg: „Privilegierte Stellung der Deutschösterreicher und der Ungarn war auf die Dauer unhaltbar“

Schwarzenberg wandte ein, dass der Zerfall selbstverschuldet war. Die privilegierte Stellung der Deutschösterreicher und der Ungarn nannte er auf die Dauer unhaltbar, er wies auf die sich häufenden Probleme des Gesamtreichs hin, das, wie er meinte, an der eigenen Reformunfähigkeit zugrunde gegangen ist. Er sprach von einem Staatswesen im Geiste und in der Stimmung etwa der „Fledermaus“. Worauf Busek lächelnd einwarf, Schwarzenbergs Bemerkung zeige immerhin, wie viel gemeinsame Kultur in den einstigen Ländern der Monarchie bis heute lebendig geblieben sei.

Eher resigniert tönte dagegen die Meinung des früheren österreichischen Vizekanzlers, als sich die Teilnehmer im zweiten Teil Fragen der Gegenwart zuwandten und er darüber sprach, dass man bekanntlich aus den einstigen Fehlern, allgemein aus der Geschichte, Lehren beherzigen müsste, dies aber in Europa auch heute nicht zu gelingen scheine. Zwar hätten sich die zwischenstaatlichen Beziehungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs intensiviert, doch fehle es oft genug am richtigen Ton, am Entgegenkommen, wenn es um die Beseitigung von Differenzen gehe.

Wo ist die große Mitteleuropa-Diskussion geblieben?

Warum gelang es nach 1990 nicht, Gemeinsamkeiten der einzelnen Länder in der zentraleuropäischen Region besser zu pflegen, die Interessen aufeinander abzustimmen? Warum hat die in den achtziger Jahren vom tschechischen Schriftsteller Milan Kundera ausgelöste große Mitteleuropa-Diskussion, an der sich zahlreiche namhafte Intellektuelle beteiligten, so wenig gezeitigt. Weshalb gab es nach der Wende bald nur noch ein Wettrennen auf dem Weg in die Europäische Union, einen Konkurrenzkampf und keine historisch und kulturhistorisch bedingte regionale Solidarität mehr? Es liegt auf der Hand, so die übereinstimmenden Antworten, dass das Streben der Ostmitteleuropäer nach euro-atlantischer Integration als die sehr verständliche Reaktion dieser Länder auf ihre Geschichte im 20. Jahrhundert anzusehen ist.

Iván Bába hielt dazu noch fest, dass die Zusammenarbeit in der „zwischeneuropäischen“ Region – die Kooperation der Visegrád-Länder und das Mitteleuropäische Freihandelsabkommen – sehr wohl als eine Erfolgsgeschichte anzusehen ist, die für den EU-Beitritt gute Voraussetzungen schuf. Balog fügte an, er sehe gerade im Regionalismus die beste Chance für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa.

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Minister Balog: „Ungarn will Reform der EU mitgestalten“

Balog hatte auch die letzte Frage zu beantworten. Ob Ungarn, in der EU endlich am Ziel angelangt, doch ein Land sei, das stets wirkliche oder vermeintliche Feinde brauche und die ungarische Regierung jetzt deshalb einen verbalen Krieg gegen Brüssel führe? Der Minister erwiderte, nicht Ungarn bereite Brüssel Probleme, sondern umgekehrt: die manipulativen Ideen der EU machten Ungarn zu schaffen. Sein Land, beteuerte der Minister, wolle die Union nicht verlassen, wünsche aber deren Reform und wolle bei den entsprechenden Entscheidungen ein Wort mitreden.

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