Orsolya Korcsolán ist eine weltberühmte Geigenvirtuosin und lebt seit sieben Jahren mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Wien. Diesen Herbst erschien ihr neues Soloalbum bei der Plattenfirma „Deutsches Grammophon“, eines der renommiertesten Labels im Bereich der klassischen Musik. Und auch ihr nächstes Album hat Korcsolán bereits in Planung. Dazu gehört auch die Aufnahme eines Concertos für Violine und Schofarhorn, welches der brasilianische Komponist Miguel Kertsman eigens für sie und ihren Mann komponiert hat. Für die Aufnahme wird das Musikerpaar mit dem London Philharmonic Orchestra zusammenarbeiten.

Welche Musik hören Sie zu Hause? Was lief vergangene Woche rauf und runter?

Letzte Woche habe ich viel Strawinsky und Desi Valentine gehört. Ich höre aber eigentlich so ziemlich alles.

Sie haben in Ungarn und in den USA studiert und später dann in Asien und in Österreich gelebt. An jedem dieser Orte ist die Kultur etwas anders – wie haben Sie das wahrgenommen?

Tatsächlich hatte ich in meinem Leben die Möglichkeit, viele verschiedene Eindrücke in mich aufzunehmen. Das war und ist für mich ein großes Privileg. Als ich nach Amerika gekommen bin, bin ich dort ja nicht nur auf die amerikanische Kultur gestoßen: Ivan Galamian, der aus Russland nach Amerika ausgewandert war und in New York am Musikkonservatorium Juilliard School – wo ich auch studiert habe – unterrichtet hat, hat meine Zeit dort mit seinem russischen Lebensgeist geprägt. Er war für mich ein großartiger Lehrer. Er hat auch Dorothy DeLay unterrichtet, die wiederum Itzhak Perlman lehrte, beide zählten ebenfalls zu meinen Lehrern.

Die mittel- und osteuropäische Musikkultur, die von Größen wie Zoltán Kodály und Béla Bartók beeinflusst wurde, ist für mich schon immer die Grundlage meines musikalischen Schaffens gewesen. Dass sich dazu dann durch meine Aufenthalte im Ausland verschiedene andere Einflüsse mischten, hat meinen Horizont nur erweitert.

Dieses Wissen konnte ich wiederum in meiner Zeit in Malaysia weitergeben – die Menschen dort hungerten geradezu nach der europäischen Kultur. Viele der Menschen, mit denen ich damals gearbeitet habe – wir waren quasi Musikmissionare –, sind heute ebenfalls berühmt und Mitglieder großer und wichtiger Orchester.

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Jetzt, da ich in Wien lebe, merke ich, dass es einerseits große Ähnlichkeiten zu Ungarn gibt, andererseits aber auch Unterschiede: In Ungarn mögen sie beispielsweise eher die fetzigeren Lieder, in Österreich geht alles etwas sanfter zu. In Amerika mögen sie hingegen eher markantere Töne. Ich habe das Glück, dass ich mich jedem Stil ziemlich leicht anpassen kann.

Sie erforschen die Musik verschollener jüdischer Komponisten aus dem Zweiten Weltkrieg. Gerade ist Ihr Album „Silenced“ erschienen – darauf interpretieren Sie die Stücke Sándor Kutis, der 1945 in einem Konzentrationslager umkam. Müssen Sie weinen, wenn Sie dieses Album hören?

Jetzt nicht mehr, aber Sándor Kutis Leben als KZ-Opfer und insbesondere die Solosonate, die er während seiner Inhaftierung verfasst hat, ist auf jeden Fall berührend. „Silenced“ ist ein 61-minütiges Album, auf dem sich verschiedene Stücke Kutis finden. Viele stammen noch aus der Zeit vor dem Krieg, bis auf die erwähnte Sonate, welche ihren Weg irgendwie aus dem KZ herausfand. Im Sommer 1944 musste Kuti ins Arbeitslager gehen. Trotzdem hat er die ganze Zeit komponiert. Das wissen wir, weil er seiner damals bereits schwangeren Frau Ami Briefe schrieb. Er schrieb mitunter Stücke für drei Violinen, aber auch Duette und Quartette. Das Komponieren hielt ihn am Leben. Er hatte zwar kein Notenpapier, aber das hielt ihn nicht auf. So zog er auf dem Blankopapier einfach selbst die Notenlinien. Leider hat nur eine seiner Sonaten den Weg aus dem KZ nach Hause geschafft. Diese schickte er nicht als normalen Brief, denn dann wäre er zensiert worden, sondern mit einem Kurier. Die Handschrift ist wunderschön, er widmete das Stück seiner Frau. Als Ami dieses Werk empfing, saß ihre kleine Tochter Eva, die ihren Vater noch nie getroffen hatte und ihn auch niemals spielen hören würde, auf ihrem Schoß. Mein Album dient also dazu, dass sie sich erinnern kann.

Hören Sie die Musik, wenn Sie Noten lesen?

Der Mensch beginnt sofort, sich beim Lesen der Noten irgendwelche Farben, Phrasen oder gar Stimmungen vorzustellen. Aber in diesem Moment tut es uns am besten, wenn wir direkt unser Instrument ergreifen und versuchen, diese Dinge zum Leben zu erwecken. Man sieht schon oft an den Noten, ob es sich um ein interessantes Stück handelt. Als Kutis Tochter die kleine Box ihrer Mutter hervorholte, in der diese die Erinnerungen an ihren Ehemann aufbewahrte, schlug mein Herz gleich schneller.

Als ich das Stück das erste Mal spielte, fühlte ich sofort diese Magie, diesen Zauber – dem wollten wir auf den Grund gehen. Das wahre Wunder geschieht allerdings immer erst während der Studioaufnahmen, wenn man das Stück schon kennt und es beginnt zu interpretieren, es richtig zu schmecken und zu fühlen. Unser Musikproduzent Tibor Alpár – er ist ein bewundernswerter Fachmann – hat viel dazu beigetragen, im Studio die passende Atmosphäre zu kreieren, um zu einem guten und vorzeigbaren Ergebnis zu kommen, welches dem Stil und der Stimmung entspricht.

Welches Gefühl verknüpfen Sie mit diesem Album?

Das Album beginnt mit Kutis Sonate. Aus dieser strömen Hoffnung und Sehnsucht. Es ist ein tief berührendes Stück, insbesondere, wenn sich der Zuhörer dazu noch Kutis Geschichte vergegenwärtigt. Danach kommen Stücke, die Kuti vor dem Krieg komponiert hat – als noch Frieden herrschte und Kuti an der Musikakademie tätig war.

Wir haben das Album so aufgebaut, dass sich einem, hört man es sich von Anfang bis Ende an, eine neue Welt eröffnet. Dank Kutis beinahe unendlich erscheinender Fantasie, kombiniert mit seiner Entschlossenheit, seinem Durchhaltevermögen und den ungarischen Motiven, schicken wir den Hörer auf eine Reise von der Beschwertheit und Emotionalität hin zu einem Gefühl der Freiheit und des Aufbruchs.

Ist Ihre Karriere so verlaufen, wie Sie es sich vielleicht vor 20 Jahren erträumt haben?

Wer diese Herausforderung annimmt, der muss sich darauf vorbereiten, dass diese Karriere viel Schweiß und Tränen kostet. Natürlich ist meine Karriere gekennzeichnet von Momenten und Erinnerungen voller Leichtigkeit und Glück, aber im tagtäglichen Üben liegt eine gewisse Monotonie. Nur Menschen, die diese sich ständig wiederholende Arbeit mögen, sind zu einer solchen Laufbahn fähig. Wenn man allerdings erst einmal erfolgreich ist, dann sind die Euphorie und das Glück nahezu grenzenlos. Es ist unbeschreiblich. Man wird regelrecht süchtig danach. Eine musikalische Laufbahn erfordert viele Investitionen, sie gibt einem aber auch mindestens ebenso viel zurück.

Um ehrlich zu sein, habe ich mir das nicht so vorgestellt. Ich war schon immer eine Träumerin. Früher träumte ich davon, dass ich eines Tages an die Juilliard School gehen würde. Ich habe mir diese Musikschule immer genau ausgemalt. Aber dass mein Album einmal bei der „Deutschen Grammophon“ erscheinen würde, hätte ich mir nie zu träumen gewagt. Das ist ein großes Geschenk. Ich freue mich insbesondere, dass es sich bei dem Album nicht um ein Standard-Repertoire handelt – also nicht etwa um Stücke von Beethoven, Mendelssohn oder Mozart. Mit ist es gelungen, einem der Welt noch unbekannten Künstler, der noch dazu Ungar ist, eine Plattform zu schaffen, die seine dramatische Geschichte erzählt. Dies erforderte eine Extraportion Hingabe, denn auch die Herausforderung war extragroß.

Ihre Musikschule in Wien befindet sich ausgerechnet im Palais Pálffy – würden Sie das als glückliche Fügung bezeichnen?

Glück gehört auch dazu – allerdings habe ich schon vor 20 Jahren davon geträumt, eine eigene Musikschule zu haben und hart dafür gearbeitet. Schon als ich mit meinem Mann sechs Jahre lang in Malaysia lebte, habe ich unterrichtet. Dabei sind sowohl ich als auch meine Schüler über uns hinausgewachsen. Ich habe angefangen, Geigen zu kaufen – sowohl kleine als auch große. Diese Sammlung erweiterte ich später in Hongkong. Als ich dann vor sieben Jahren nach Wien kam, hatte ich bereits eine stattliche Sammlung an Violinen. Die Schule hatte ich zwar noch nicht, aber bereits die Mittel dazu. Später fragte ich im Palais an und der Direktor war sofort begeistert. Mittlerweile – vier Jahre später – haben wir schon 40 Schüler im Kindes- und Jugendalter, die bei uns Violine, Gitarre, Klavier und Trompete lernen können. Eine solche Schule zu leiten, ist eine große Verantwortung, man muss den Schülern eine gewisse Kontinuität bieten. Deswegen übernehme ich momentan auch nur solche Konzerte, die für mich fachlich eine Herausforderung darstellen. Die meiste Zeit bin ich jedoch bei meinen Schülern und meinem Sohn in Wien.

Lehren Sie anders, als Sie selbst gelehrt wurden?

Meine Generation hat das Fach gut gelernt, wir haben tatsächlich Kontrolle über das Instrument. Im Land von Kodály und Bartók wurde Musik auf hohem Niveau vermittelt. Wenn du Talent hattest, hast du gelernt – auch wenn die Lehrer manchmal etwas streng mit uns waren. Dafür war es damals nicht sehr teuer: Das Instrument konnte man umsonst nutzen und ein halbes Jahr kostete nur 100 Forint.

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Heute sieht das alles ein bisschen anders aus. Meine Unterrichtsphilosophie ist, dass ich genauso viel geben möchte, wie ich auch fordere. Währenddessen versuche ich meine Schüler aber auch ständig zu motivieren – das habe ich aus meiner Zeit an der Juilliard School mitgenommen. Es gibt bei uns keine Aggression und keinen Zwang. Das Geheimnis ist Geduld – viel Geduld. Man muss jedem Schüler eine Chance geben. Viele der Schüler zeigen erst nach einem halben Jahr oder sogar einem Jahr ihr wahres Talent. Einem Schüler zu sagen, dass er kein Talent hat, nur damit dieser dann nach Hause geht und sein Instrument beiseitelegt, das ist meiner Meinung nach keine Pädagogik. Man muss den Schüler dazu bekommen, dass er nach Hause geht und übt. Das wird er aber nur, wenn er von innen heraus motiviert ist.

Ist klassische Musik wieder „in“?

Viele würden sagen, dass die klassische Musik vom Aussterben bedroht ist, aber das glaube ich nicht. Wir müssen die Kinder nur inspirieren. Solange es Menschen gibt, die dies lehren – und zwar auf eine gute Weise – wird es auch ein Publikum für uns geben. Es geht nicht nur darum, Kinder zu Künstlern zu erziehen, es geht auch darum, die Liebe zur Musik zu fördern und so potenzielle Konzertbesucher zu schaffen.

Das Interview führte Orsolya Fónyad

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