Merkels China-Interessen legitimer?

Nein, die oben zitierten Sätze stammen nicht von dieser Woche und nicht von Viktor Orbán, als er Seite an Seite mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Keqiang den 16+1-Gipfel eröffnete, sondern von Angela Merkel – die das allzeit mustergültige westliche Werteordnungsideal in einer Person verkörpert –, als sie diesen Juni den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping empfing. Etwa einen Monat zuvor war Li Keqiang bei ihr in Berlin zu Gast. (…)

Wirtschaft konzentriert sich im Fernen Osten

Es ist eine Tatsache, dass sich der Schwerpunkt der Weltwirtschaft in Richtung Osten verlagert. Laut den Skeptikern wäre es zwar eine Übertreibung von einem Pfauentanz der Vereinigten Staaten und Chinas um die globale Hegemonie zu sprechen, Donald Trump stellt sich jedenfalls die Zukunft Amerikas radikal anders als die bisherige Praxis vor.

Unter solchen Umständen ist der Sturm an moralischer Entrüstung der letzten Tage in der westlichen Presse im Zusammenhang mit dem 16+1-Gipfel völlig unverständlich, zumal dieser im chinesischen Drachen ein trojanisches Pferd zu erkennen glaubt, das die europäische Einheit zerschlagen will, während er in Ungarn – in alter Manier – einen nicht zu bremsenden Verräter sieht, der mit einem Federstreich gleich ganz Mitteleuropa an Asien verkuppeln möchte.

Dabei ist in Wirklichkeit nur soviel passiert, dass das fernöstliche Land, das sich ein mehrere tausend Milliarden Dollar schweres Kapital angehäuft hat und weltweit auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten ist, inmitten der Eurozone und der Weltwirtschaftskrise in unserer Region ein wirtschaftliches und finanzielles Potenzial erkannt und deshalb hier nun nach konkreten Kooperationsmöglichkeiten zu suchen beginnt.

Ein Viertel des europäischen Umsatzes zwischen Deutschland und China realisiert

Doch lassen wir hier bloß keine Naivität walten – China macht das alles nicht aus reiner Nächstenliebe oder Selbstlosigkeit, sondern sehr wohl aus Eigeninteresse. Und davon kann dann auch Mitteleuropa profitieren – wie dies auch schon Deutschland seit Jahrzehnten tut, das fast ein Viertel des gesamten europäischen Umsatzes in Kooperation mit China abwickelt. Dadurch gilt Deutschland mit Abstand als wichtigster EU-Handelspartner des fernöstlichen Landes.

Und hinter Deutschland sind gleich Frankreich und Großbritannien eifrig im Rennen. Dennoch wird kein einziger Regierungschef dieser Nationen von der westlichen Presse und der dortigen Opposition abgestraft, weil sie mit China dynamische bilaterale Beziehungen aufrechterhalten.

Win-Win für alle Beteiligten

Man muss nicht unbedingt Parallelen zwischen dem weltpolitischen Einfluss Budapests oder irgendeines anderen mitteleuropäischen Landes und dem eines westlichen Landes ziehen. Wenn aber der gesunde Menschenverstand diktiert, dass wir unsere Tore – ohne Aufgabe unserer eigenen europäischen Werte – auch vor dem wirtschafltich immer stärker werdenden Riesen öffnen sollten, dann ist es unbegreiflich, warum die ungarische Opposition darin einen großen Skandal sieht und schon im Vorfeld alles an Potenzial des 16+1-Gipfels zu zertrampeln versuchte.

Dabei handelt es sich, wie jüngst Ministerpräsident Viktor Orbán sagte – und wie Kanzlerin Angela Merkel ein paar Monate vor ihm formulierte –, um eine klare Win-Win-Situation: für Europa, für Mitteleuropa und für China.


Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 29. November auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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