Beide könnten unterschiedlicher kaum sein, Pimenta, die das Feuer quasi schon im Namen trägt und mit ihrer Energie einfach jeden mitreißt, und Kinga, die mit ihrer ruhigen und geduldigen Art vor allem für ihre Schülerinnen ein Segen ist. Was sie eint, ist die Liebe zum Samba.

Aus Brasilien nach Ungarn

In fließendem Ungarisch, gewürzt mit einem hinreißenden Akzent, berichtet Pimenta gegenüber der Budapester Zeitung davon, wie der Samba nach Ungarn kam: „Ich war nicht die Erste, die damit begonnen hat, in Ungarn Samba zu unterrichten“, erzählt Pimenta. Eine, die tatsächlich zu den Ersten zähle, die in Ungarn Samba unterrichtet haben, sei eine Dame mit dem klangvollen Namen Luciana.

„Ihr späterer Ehemann kam vor einigen Jahren nach Brasilien, um eine Capoeira-Gruppe zu finden, die nach Ungarn kommen würde.” Dabei wurde er vom TV-Sender RTL Klub begleitet. Auf der Reise lernte er Luciana kennen, die ihm später nach Ungarn gefolgt sei. „Luciana hatte aber nicht wirklich Interesse am Unterrichten, wenn es um Samba ging”, erinnert sich Pimenta. 2001 kam sie auf Einladung Lucianas nach Ungarn und stellte schon bald fest, dass es zwar Interesse an Samba gab, aber niemanden, der diesen Tanz unterrichtet.

„Ich komme aus einer anderen Richtung des Sambas. Ich war Schülerin des Instituts für Folkloretanz und habe die wesentlich urigeren, ursprünglicheren Formen des Sambas gelernt, Rio-Samba war mir auch neu.” Nur zwei Monate nach ihrer Ankunft stand sie jedoch bereits auf der Bühne – mit einer Choreografie, über die sie heute nur noch schmunzeln kann. Rund ein Jahr später wurde auch Tanzschuldirektor Iván Angelus auf Pimenta aufmerksam und lud sie ein, an seiner Budapester Hochschule für Modernen Tanz zu unterrichten.

Erste Versuche

Pimenta merkte allerdings schnell, dass es nicht reicht, nur bei den Grundlagen zu verweilen. „Zum Glück war dies zu einer Zeit, da das Internet langsam an Fahrt aufnahm“, erinnert sich die Tänzerin. „Ich konnte mich über neue Sambaschritte und Kombinationen online informieren, mir Videos anschauen und mich fortbilden.” Obwohl der Samba, dessen Wurzeln in Afrika liegen, als Gesellschaftstanz in Brasilien eine lange Tradition hat, ist der Rio-Samba relativ jung.

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Doch egal, um welche Variante des Tanzes es sich handelt, für Pimenta steht eines im Mittelpunkt: Die Stärkung der Weiblichkeit. „Gerade in Brasilien, in Capoeira-Kreisen waren die Männer unglaublich voreingenommen. Als junge Frauen haben wir unsere Weiblichkeit daher oft verneint, um ernst genommen zu werden. Als ich in Ungarn mit dem Samba-Unterrichten begann, habe ich mich wieder auf mein Ich als Frau besonnen.”

Kinga Ádám, die heute gemeinsam mit Pimenta unterrichtet, begann zunächst als deren Schülerin: „Ich habe Pimenta 2003 über den Kampf-Tanz-Sport Capoeira kennengelernt. Ein Jahr später habe ich dann auch angefangen Samba zu tanzen”, erzählt Kinga. „Ich habe zunächst Aixe-Samba erlernt.” Aixe sind einfache Choreografien, ähnlich dem Tanzsport Zumba, nur ein wenig komplizierter. Auch Kinga war nach eigenen Einschätzungen früher eher „jungenhaft”. Auch sie hat durch den Samba ihre Weiblichkeit neu entdeckt. Lachend berichtet sie: „Hilfe, wenn ich mich daran erinnere, wie ich gegangen bin. Wie ein Panzer! Meine Körperhaltung, meine ganze Bewegungskultur hat sich durch den Tanz stark verändert.”

Als Pimenta und Kinga sich schließlich zusammentaten, war aller Anfang schwer, vor allem Auftritte waren rar gesät. Alles änderte sich als ein brasilianischer Sportschuh, der Olympikus, den ungarischen Markt eroberte. Plötzlich gab es immer mehr Firmen, die für die hausinterne Feier gern eine Samba- oder Capoeirashow buchen wollten. Pimenta musste sich plötzlich nach zusätzlichen Tänzerinnen umsehen, um den Ansturm bewältigen zu können.

Das Interesse hat seitdem nicht nachgelassen, ganz im Gegenteil: Mit ihrer Gruppe „Energia Positiva“ treten Pimenta und Kinga auch heute noch auf, ob nun bei Firmenfeiern, privaten Geburtstagen oder Stadtfesten. Und auch Schülerinnen haben beide mittlerweile jede Menge, denn Samba ist weiterhin beliebt.

„Energia Positiva“

Blicken die beiden heute zurück auf die Anfänge ihres Lehrerdaseins, schütteln sie nur mit dem Kopf: „Wir wussten so gar nicht, was wir tun. Seitdem haben wir so viel dazugelernt!”, erklärt Kinga. Sie kann die Schwierigkeiten ihrer Schülerinnen beim Erlernen der Schritte aus eigener Erfahrung nachfühlen: „Für Pimenta und auch Marcello, meinem früheren Lehrer, sind die Bewegungen im Samba vollkommen natürlich und klar, aber wir Europäer haben einfach manchmal Probleme damit, diese nachzuvollziehen.” Hier ergänzen sich die beiden Frauen einfach perfekt, denn was Pimenta aus dem Gefühl heraus tanzt, kann Kinga in Einzelteile zerlegt erklären. Beide schätzen das Talent der anderen und auch ihre Gruppe, die „Energia Positiva“, lebt von den Gegensätzen der beiden.

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Dabei hat sich auch die Gruppe selbst verändert. Während Kinga um 2006 herum vor allem aufgrund ihres europäischen Aussehens nur wenige Auftrittsmöglichkeiten erhielt, wollten es die beiden mit ihrer eigenen Gruppe anders handhaben: „Interessanterweise sind die Brasilianer selbst allein von der Tatsache, dass ungarische Frauen auf so hohem Niveau Samba tanzen, fasziniert und begeistert. Es sind ungarische Auftraggeber, die sich gelegentlich enttäuscht zeigen, wenn eben nicht exotische, sondern heimische Schönheiten auf der Bühne stehen”, berichtet Kinga.

Wichtig ist den beiden, dass ihre Schülerinnen den Stil von der Pike auf lernen. Kinga glaubt, die meisten Menschen denken bei Samba an knappe Bikinis und schwingende Hüften. Dabei hat der Tanz viel mehr Facetten, wie Pimenta zu berichten weiß: „Der Rio-Samba ist eine Weiterentwicklung des Sambas, quasi die ‚kommerzialisierte‘, besser verkäufliche Form.” Samba, wie man ihn heute kennt, hat sich weiter von seinen Wurzeln in der Afro-Kultur entfernt, erklärt Pimenta, „leider”, wie die Brasilianerin hinzufügt, denn heute würden wir in einer rassistischen Welt leben, in der auch Brasilien keine Ausnahme darstellt, „ganz im Gegenteil”.

Aus der Hüfte heraus

Aber zurück zum Tanz: „Samba ist ein sehr ursprünglicher Tanz, bei dem die Frau durch die Bewegung ihrer Hüften zeigt, wie fruchtbar sie ist. Die Wurzeln reichen bis zurück nach Afrika, in die Yuruba-Gegend. Es sind zahlreiche unterschiedliche Legenden, sie sich um die Entstehung des Tanzes ranken. Dessen afrikanische Einflüsse seien auch heute noch zu spüren, wenn man zum Beispiel den Karneval in Rio anschaut, sieht man auch heute oft Tänzerinnen, die im Bikini die stammestanzartigen Bewegungen vollführen.

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„Der Samba, wie man ihn heute kennt, entstand erst vor etwas mehr als 30 Jahren“, erzählt Pimenta. Damals hätten die Sambaschulen begonnen, Wettkämpfe untereinander auszutragen. Firmen hätten darin eine Möglichkeit gesehen, Geld zu machen. „Langsam gab es immer mehr Glitzer und immer weniger Kleidung”, berichtet Pimenta. In den 70er-Jahren ging es dabei jedoch nicht etwa um Luxus, vielmehr gab es sogar Zeiten, als die Tänzerinnen nackt am Umzug teilnahmen.

„Der ganze Karneval war eine Gegenbewegung, bei der die Schwarzen endlich ihre Kultur feiern konnten. Deswegen auch die Nacktheit“, so Pimenta. Als dann ein Gesetz verabschiedet wurde, das Nacktheit, sprich unbedeckte Brüste, in dieser Form verbot, begann sich der Samba mehr um den Luxus zu drehen. Immer aufwendigere Kostüme, immer fantastischere Rückenelemente seien in Mode gekommen.

Zu Beginn der 90er-Jahre sei dies immer stärker zu spüren gewesen. Auch der Sambagrundschritt selbst habe sich verändert, die Einflüsse zahlreicher anderer Tänze seien dabei immer deutlicher zu spüren gewesen: „Von Anfang der 80er-Jahre bis Anfang der 90er-Jahre wandelte sich der Samba komplett – weg von seiner ursprünglichen Nacktheit hin zu revueartigen Kostümen.”

Für Federn muss gearbeitet werden

Auch wenn der Samba viel von seiner Ursprünglichkeit verloren habe, ist laut Pimenta eines doch geblieben: Für Federn muss gearbeitet werden – zumindest bei Pimenta und Kinga. Die bunten Kostüme, in denen „ihre Mädchen” auftreten, werden von Kinga handgefertigt, aber erst, nachdem die Aspirantinnen bewiesen haben, dass sie nicht nur die Grundlagen und Finessen kennen, sondern auch verstehen, dass es eine Ehre ist, Samba zu tanzen, dürfen sie mit Federn geschmückt auftreten.

Doch auch, wer nicht auf Federn und Auftritte aus ist, dem sei Samba empfohlen. Kinga unterrichtet seit mehr als zehn Jahren und weiß, wie gut es wirklich jeder Frau tut, einen so femininen Tanz zu erlernen: „Es gibt im Samba kein zu alt, zu klein, zu dick oder zu dünn. Wir als Sambaschule möchten, dass sich unsere Damen wohlfühlen und gemeinsam die Freude am Tanz erleben.” Und jetzt, wo der kalte Winter unleugbar ins Haus steht, ist ein feuriger Samba genau das Richtige, um gegen miese Winterlaune anzutanzen.

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Dies ist eine der vielen Legenden, die sich um die Entstehung des Sambas rankt:

Es gab einmal einen Stamm, dessen Häuptling seinen Sohn auf seine künftige Rolle als Stammesanführer vorbereiten wollte. Doch sein Sohn wollte lieber hinaus in die Welt ziehen und flüchtete vor seinem Vater. Um für die Reise gewappnet zu sein, stahl er einen Teil des Stammesgoldes. Sein Vater war zu Tode betrübt und jedes Jahr zum Jahrestag der Flucht des Sohnes gab es eine Trauerfeier.

Der Sohn gründete indes seinen eigenen Stamm, der es zu Ansehen und Erfolg brachte. Er beschloss, zu seinem Vater zurückzukehren und um Vergebung zu bitten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von Stamm zu Stamm, dass der verlorene Sohn mit seiner ganzen Familie komme, um seinem Vater das gestohlene Gold wiederzubringen und ihn um Vergebung zu bitten. Der Häuptling jedoch wollte nichts von seinem Sohn annehmen. Dieser war sich seiner Fehler bewusst und lag so lange im Staub zu Füßen des Häuptlings, bis dieser ihm vergab. Während er also lag und wartete, tanzten seine Frau und seine Töchter für den alten Häuptling. So entstand der Samba, dessen Namen sich aus zwei Wörtern zusammensetzt – Sem für „Nimm es an” und Ba für „du darfst es nicht”, denn dies war es, was der Überlieferung nach die anderen Stammesmitglieder dem Häuptling zuriefen.

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