Es war ein Abend, den viele vermutlich nicht so schnell vergessen werden. Der österreichische Journalist Ernst Gelegs, bekannt für seine scharfzüngige und dabei oft den Nagel auf den Kopf treffende Berichterstattung, besuchte die Österreichisch-Ungarische Europaschule und erzählte im Gespräch mit der ungarischen Journalistin Dr. Judit Klein von seinen Erlebnissen als ORF-Korrespondent in Budapest und seine Wahrnehmung der ungarischen Politik. Eingeleitet wurde der Abend mit einer kurzen Begrüßung durch Evelin Stanzer, Direktorin der Europaschule. Darauf folgte eine Begrüßung durch Paul Binder, Ungarn-Repräsentant des WU-Alumni-Clubs, der den Abend mit veranstaltete.

„Osteuropa reizt mich sehr“

Das erste Themenfeld des Abends war Ernst Gelegs bisheriger Werdegang: Er erzählte von seinem Studium der Politikwissenschaften, der Publizistik und der Kommunikationswissenschaften in Wien, seiner Arbeit beim ORF und davon wie er – einen Perspektivenwechsel anstrebend – nach kurzer Zeit vom Sport zur Politik wechselte. Im Jahr 2000 habe er dann die Möglichkeit bekommen, als Außenkorrespondent ein Büro in Budapest aufzubauen, das er heute als Osteuropabüro des ORF leitet. Zu den Ländern, die dieses Büro betreut, gehören mittlerweile nicht nur Ungarn, sondern auch die Slowakei, Tschechien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Moldawien und Griechenland. „Osteuropa ist bunt“, betont er und das sei es auch, was ihn an seiner Arbeit hier so sehr reize. Viel mehr, als wenn er zum Beispiel nach Brüssel gemusst hätte. Schon seit fast 18 Jahren lebt Gelegs nun in Budapest.

Da er für verschiedene osteuropäische Länder verantwortlich sei, habe Gelegs die Kompetenz, zu entscheiden, welche Nachricht wichtig ist. Kommt es in Rumänien beispielsweise zu Protesten, könne er sich mit seinen rumänischen Kollegen als auch mit denen in Österreich absprechen und daraufhin entscheiden, ob es sich mehr lohne, hinzufahren oder doch einfach die Kollegen vor Ort „machen zu lassen“. Oft würden die wichtigsten Dinge genau dann geschehen, wenn man nicht mit ihnen rechne, deshalb müsse er immer abschätzen, für welche Nachricht sich der lange Weg lohne und für welche nicht.

„Was in Ungarn passiert, ist manchmal höchst peinlich“

Nach diesem recht „persönlichen“ Block ging es auch schon ans Eingemachte: Gelegs erzählte von seinen Erlebnissen als Journalist in der Zeit der ersten und zweiten Orbán-Regierung. Als Autor von Büchern wie „Schöne Grüße aus dem Orbán-Land“, in dem er versucht, die Politik Ungarns in Worte zu fassen und auch Missstände aufdeckt, ist er der hiesigen Regierung ein Dorn im Auge. Genau aus diesem Grunde sei Gelegs auch schon mal zu wichtigen Veranstaltungen nicht eingeladen worden.

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Ernst Gelegs beim Interview mit Premier Viktor Orbán: „Eigentlich verstehe ich mich sogar ganz gut mit ihm.“

Die Regierungsanhänger würden die Gesellschaft manipulieren – angefangen bei den Journalisten. Diese könnten nicht mehr das schreiben, was sie sehen, sondern seien Opfer einer Gehirnwäsche. Nicht zuletzt auch auf Grund der Politik der Orbán-Regierung seien bereits 600.000 Menschen in den letzten Jahren aus Ungarn ausgewandert, behauptet Gelegs. 1.500 Journalisten, Berichterstatter und Medienschaffende hätten ihren Job verloren. Der ungarische Markt biete nicht viele Jobs bei linksliberalen Medien an, insbesondere seit im letzten Jahr die Népszabadság, Ungarns größte überregionale Tageszeitung, schließen musste. Und so müssten viele Journalisten heute entweder schweigen, sich selbst zensieren oder ins Ausland gehen.

An all dem ist laut Gelegs aber nicht allein der ungarische Premier schuld. Orbán sei im Grunde ein sympathischer Mensch, mit dem sich Gelegs öfter über Fußball unterhalte – „eigentlich verstehe ich mich sogar ganz gut mit ihm“. Allerdings trage er durch den Abbau der Demokratie und die Förderung nicht EU-konformer Gesetze, wie zum Beispiel dem Agrargesetz oder dem Lebensmittelkontrollgesetz, durchaus zu vielen Problemen im Land bei. Oftmals seien es aber auch die Regierungsanhänger, die hinter zahlreichen Missständen stecken würden. Viele würden sich fragen „Was können wir tun, was Orbán gefallen würde?“

Orbán als Überzeugungstäter

„Orbán ist Überzeugungstäter“, ist sich Gelegs sicher und geht noch weiter: Jeder in der Regierung sei vollkommen davon überzeugt, dass diese Art zu regieren, die einzig richtige sei, und wolle keine kritischen Fragen gestellt bekommen. „Dass Journalismus eine Kontrollfunktion in einer demokratischen Gesellschaft hat, akzeptiere diese Regierung nicht“, stellt Gelegs fest und verweist auf das System der „Checks and Balances“ (der Gewaltenteilung).

In Rumänien und Polen seien laut Gelegs derzeit ganz ähnliche Versuche der Regierung zu beobachten, die Justiz unter Kontrolle zu bringen. In Ungarn habe die parlamentarische Zweidrittelmehrheit der Orbán-Regierung die Befugnisse des Verfassungsgerichtes eingeschränkt und das System der „Checks and Balances“ ausgehöhlt. Viele Regierungsmitglieder seien der Auffassung, dass jeder, der den Fidesz kritisiere, damit auch automatisch das Land und seine Leute kritisiere. Dies, so Gelegs, sei ein völlig „krankes“ Bild der Meinungsfreiheit. Unterdrückung sei kein Mittel, um sich von anderen Parteien abzuheben. Das vor Regierungspropaganda nur so triefende Ungarnbild, das den Bürgern durch das ungarische Staatsfernsehen vermittelt werde, sei ein ganz anderes, als das vom ORF wiedergegebene. Dies sei auch der Grund dafür, dass man im Regierungslager nicht so gut auf den ORF zu sprechen sei.

2018 hält auch Gelegs einen Fidesz-Sieg für wahrscheinlich, da in Ungarn „keine gescheite Opposition“ vorhanden sei. Das bisher eher „schlechte“ Verhältnis zu Österreich könnte sich aber trotzdem verbessern, prophezeit der ORF-Korrespondent, denn auch bei der österreichischen FPÖ, die in Ungarns Nachbarland erneut an der Regierung beteiligt sein wird, gebe es Sympathien für den Fidesz. Und auch der vermutlich nächste österreichische Bundeskanzler, ÖVP-Chef Sebastian Kurz pflegt enge Kontakte zur Orbán-Regierung. Kurz ist in der Flüchtlingspolitik ganz auf der Seite Orbáns.

Der Soros-Plan war ebenfalls ein großes Thema des Abends. Gelegs erzählte von seinem Vorhaben, ein Mitglied der Regierung zu einem Interview im Zusammenhang mit dem Soros-Plan zu bewegen. Nach zahlreichen Absagen habe sich aber „nur“ der Sprecher der ungarischen Regierung, Zoltán Kovács zur Verfügung gestellt. Auf Gelegs Frage „Was ist dieser Soros-Plan und was hat Soros vor?“ habe er jedoch auch von Kovács keine aufschlussreiche Antwort erhalten, sondern nur den Hinweis, dass er dies doch überall nachlesen könne und sich bitte vorab besser informieren und mehr recherchieren solle. Das Interview sei daraufhin abgebrochen worden.

Andere Länder seien in dieser Hinsicht viel offener in ihrer Kommunikation – zum Beispiel Tschechien, wo erst vor kurzem der rechtspopulistische Milliardär Andrej Babis zum Wahlsieger gekürt wurde und direkt danach bereit war, jedem, der wollte, ein Interview zu geben.

War es nun eine Einladung oder Hilfe in einer Notsituation

Auch Merkels heiß diskutierte Flüchtlingspolitik umging Gelegs nicht: Er ist der Meinung, dass Merkels Entscheidung, die Flüchtlinge, die im Spätsommer 2015 am Budapester Ostbahnhof auf ihre Weiterfahrt gewartet hatten, in Deutschland aufzunehmen, die einzig richtige gewesen sei. Sie habe zu dem Zeitpunkt betont, dass die Entscheidung, die Menschen von der Straße zu holen, keine Einladung nach Deutschland sei, sondern es sich um eine Notsituation handele, die eines schnellen Handelns bedürfe. Deutschland habe sich dazu bekannt, stabil genug zu sein, um eine solche Situation zu bewältigen – und das habe es ja auch. Dass die AfD nun im Deutschen Bundestag vertreten ist, sei nur ein Resultat falscher Propaganda, die Merkels Machtwort als Einladung dargestellt habe. Dies entspreche jedoch nicht der Wahrheit.

Doch einzig dieser fühle sich Gelegs verpflichtet: Als Journalist sei es seine Aufgabe, das zu schreiben, was er sehe und höre – und zwar aus verlässlicher Quelle und im O-Ton. Wenn er Umstände sehe, die ihn schockieren, dann schreibe er auch darüber – und zwar so, wie es seine Recherchen ergeben haben und nicht wie es ihm jemand vorschreibe.

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