Der Beschuss von Sarajevo leitete vor 25 Jahren den Bosnienkrieg ein. Mehr als 100.000 Menschen starben während der vier Jahre andauernden Auseinandersetzungen, zwei Millionen wurden zu Vertriebenen. Zwar kehrten viele später in ihre Heimat zurück, doch bis heute scheint das Land zerrissen. Der Stoff, der diese Gesellschaft zusammenhält, trägt mehr Wunden, als die von Einschusslöchern durchsiebten Häuserfassaden seiner Hauptstadt.

Jugoslawien-Nostalgie

Hinzukommt, dass unsichere und politisch schwierige Zeiten nostalgische Gefühle für das alte Jugoslawien schüren. „Ein großes Problem besteht darin, dass regelrechte Identitätskonstruktionen geschaffen werden, die Konfliktpotenzial in sich bergen. Das beginnt schon bei einer beliebigen zwischenmenschlichen Begegnung. Anhand des Vor- oder Nachnamens wird Personen etwa eine bestimmte Religionszugehörigkeit nachgesagt. Dies wiederum entscheidet nachhaltig über den sozialen Status dieser Person“, fasst die österreichische Journalistin Adelheit Wölfl das gesellschaftliche Dilemma Bosnien-Herzegowinas zusammen. Wölfl arbeitet als Südosteuropakorrespondentin für verschiedene Medien, darunter für den österreichischen Standard. Seit vielen Jahren lebt sie in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo.

„Diese Differenzen sind seitens der Regierung zweifelsohne gewollt, die Politiker schüren die ethnischen Konflikte sogar noch zusätzlich.“ Auch die im Friedensabkommen von Dayton festgeschriebene Dreiteilung des Landes in die Bosniakisch-Kroatische Föderation, die serbische Teilrepublik Srpska und die Sonderverwaltungszone Brčko hätten zudem, so Wölfl, die ethnischen Trennlinien weiter verstärkt.

Sprachliche Differenzen bestimmen das alltägliche Leben: So gebe es kroatische, serbische und bosniakische Schulen. Selbst, wenn die Bürger diese Differenzen gerne überwinden würden – den drei politischen Eliten des Landes fehle es an der Intention und Motivation, den Status quo zu ändern. „Ein dezentralisierter Föderalstaat dient zumindest derzeit dem Machterhalt. Das Volk befindet sich unterdessen oft in der Opferrolle und hat Angst vor einem Gewaltausbruch. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage treten viele Menschen sogar in Parteien ein, um mehr soziale Sicherheit zu erlangen“, erzählt Wölfl weiter. Trotzdem ist sie sich sicher: „Auch wenn viele Dinge erheblich schieflaufen, kann man sagen: Bosnien ist nicht effizient, aber es ist definitiv stabil!“

Die Europäische Union als verblasster Hoffnungsschimmer

Was Pläne für eine EU-Integration des Balkanstaates in den kommenden Jahren angeht, seien viele Bürger skeptisch. 33 Prozent der Bevölkerung des Landes seien derzeit gar der Meinung, dass Bosnien-Herzegowina niemals in die Europäische Union aufgenommen werden wird.

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„Die EU ist oft schnell und gut darin, ihre Erfolge zu präsentieren, aber kann man den Menschen, die in ihrem alltäglichen Leben nichts davon spüren, die Skepsis und Abneigung verübeln?“, fragt Wölfl. Die EU berufe sich bei der Beitrittsfrage immer wieder auf Bosniens ausstehende Harmonisierung der verschiedenen Landesteile, eine stagnierende Administration, Korruption sowie eine mangelnde Marktwirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit. Das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) sei ohnehin mehr aus geopolitischen Gründen in die Wege geleitet worden. Obwohl Bosnien-Herzegowina viele Kriterien nicht erfülle, vermutet Wölfl, versuche die EU – aus Sorge um eine Annäherung an Russland oder die Türkei – das Land mit einer Art „Membership light“ zu vertrösten.

Auswanderung als einzige Alternative

Laut Wölfl äußern etwa 50 Prozent der jungen Menschen in Bosnien-Herzegowina den Wunsch auszuwandern, viele von ihnen lernen Deutsch mit dem Ziel, einmal nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz zu gehen und dort Arbeit zu suchen. „Ein Viertel ist bereits ausgewandert. Das ist eine alarmierend hohe Zahl“, warnt die Journalistin. Die Annahme, viele Bürger würden sich dem Islamischen Staat (IS) anschließen, kann sie hingegen nicht bestätigen: „Manche Zeitungen titelten, Tausende Bosniaken hätten sich dem IS angeschlossen. Das ist völlig falsch. 260 Menschen sind in den vergangenen Jahren nach Syrien oder in den Irak gegangen. Die meisten sind wiedergekehrt. Die Regierung geht sehr streng gegen diese Leute vor.“

Zum Ende der Veranstaltung hin teilte Wölfl zudem einige eher persönliche Eindrücke aus ihrem Leben in Sarajevo: „In Bosnien-Herzegowina geht vieles sehr kleinbürgerlich und in winzigen Strukturen zu. Die sogenannte ‚Jugonostalgie’ ist bei Jung und Alt stark verankert. Tito, der legendäre frühere jugoslawische Staatschef, wird von vielen als Held verehrt. Ich selbst fühle mich in Sarajevo sehr wohl, auch wenn man als westliche Ausländerin von den Einheimischen immer nur als die, die Geld hat, gesehen wird. Doch das sollte jedem Reisenden oder Expat vorher bewusst sein.“

Sarajevo sei früher einmal eine multinationale Stadt mit gemischten Familien gewesen, in der es egal war, ob man Serbe, Kroate, Muslim, Roma oder Jude ist. Für die Zukunft hofft die Journalistin, dass dieses Bosnien noch nicht im Kugelhagel gestorben oder durch die zum Teil falsche Aufarbeitung des Kriegs durch die politischen Eliten verloren gegangen ist. „Denn wann immer sich die Oligarchen den Krieg zunutze machen können, tun sie das. Vor jeder Wahl werden bewusst alte Ängste der Bürger reaktiviert, damit die nationalen Parteien stark bleiben“, schließt Wölfl ihren Vortrag ab. Diese Strategie verfolge nur ein Ziel: In Bosnien-Herzegowina soll alles so bleiben, wie es ist.

Die Veranstaltung wurde durch das österreichische Kulturforum Budapest gefördert.

„Andrássy Forum for Western Balkan Studies“

Das „Andrássy Forum for Western Balkan Studies“ wurde 2014 an der Andrássy Universität Budapest (AUB) als akademische Forschungs- und Kooperationsplattform im Bereich der Westbalkanstudien gegründet. Ziel ist es, die Expertise von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus den Visegrád-Staaten (V4), Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie den Westbalkanstaaten zusammenzuführen.

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