Heinrich Heine – der Schmerzensmann in der „Matratzengruft” seines Pariser Exils – geißelte in bitterböser Satire die politisch-literarischen Zustände im Deutschland des Vormärz. Deutsche Themen gäbe es ja auch heute zuhauf: der Aufstieg der AfD zum Beispiel oder die Führungsrolle Deutschlands in Europa, die so gar nicht gewollt ist, und wenn, natürlich nur gemeinsam mit dem neuen Napoleon in Frankreich.

Da aber in Ungarn „Europe’s New Strongman” die europäische Agenda dominieren will, klingt der Titel Drostes neuester Publikation wie ein Weck- oder Ordnungsruf. Doch verrät er nicht auch eine kolonialistische Attitüde? Einige Beispiele zur Erklärung findet man in Heinz Küppers „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache": „Zustände wie am oberen Nil”, heißt es nach 1900 im Gefolge von Reiseberichten aus Oberägypten und dem oberen Sudan, um äußerst primitive Verhältnisse zu etikettieren. Es herrschen „Zustände wie im alten Rom“, wo nach den Annalen des Tacitus „alle Sünden und Laster zusammenfließen und verherrlicht werden“.

Eine poetische Attacke

Ist das nur ein mehr oder weniger geschickter Griff des deutschen Verlags in die Marketing-Kiste? Nein. Der Titel stammt von Droste selbst. Im Herbst 2008 kündigte er in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Drei Raben“ (Heft 14, Editorial) eine Veranstaltung an, die dann am 3. Dezember 2009 in seinem Café Eckermann über die Bühne ging. Gegenstand der Veranstaltung war ungarische Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts, in deutschen Übersetzungen und Nachdichtungen von Meister Wilhelm selbst, gelesen von Michael Grosse. Im Programmheft hieß es zurückhaltend: „‚Ungarische Zustände‘ beleuchtet die vorliegende Gedichtauswahl aus unterschiedlichen historischen und individuellen Perspektiven, gleichzeitig aber richtet sich der Fokus auf europäische Zustände.” In der Ankündigung über ein Jahr zuvor klang es noch martialischer: „‚Ungarische Zustände‘, das ist der bedrohliche Arbeitstitel dieser poetischen Attacke.” Was ist von diesem Kampfesgeist geblieben?

In der aktuellen Publikation geht es nicht in erster Linie um das aktuelle Ungarn. Oder nur in dem Sinne, wie es der Ausruf „Es ist, um Zustände zu kriegen!” ausdrücken würde. Es geht vor allem um den Autor selbst und seinen Seelenzustand. Nicht zufällig hat er seine Dissertation über den Einfluss des Ortes auf den Dichter geschrieben und dies an Rainer Maria Rilke und Endre Ady und ihren zahlreichen Aufenthaltsorten belegt. Durchaus anrührend, wenn auch manchmal ein wenig sentimental, gibt Droste seiner verzweifelten Liebe zu Ungarn Ausdruck. Verzweifelt ist sie, weil am Anfang ein ganz großer Wille steht, und am Ende das Leiden an der Wahlheimat.

In unseren Tagen, in denen so viel von „Fluchtursachen” die Rede ist, ist vor allem der Anfang, die freiwillige Migration und die tiefe emotionale Bindungswilligkeit interessant. Der Leser erfährt, wie jemand den Lehm des Sauerlandes von den Sohlen streift und sich in den Jahren vor 1989 in Ungarn heimisch zu machen versucht, in diesem unbekannten Land mit einer ganz eigenen Exotik.

Die verqualmten Kaffeehäuser, eine weitere Leidenschaft Drostes, in der Metropole an der Donau, dem „Paris des Ostens”, bersten von bärtigen, langhaarigen Intellektuellen und attraktiven jungen Frauen. Die lässige Diktatur unter Kádár verleiht der Budapester Boheme ein übersteigertes Bewusstsein der eigenen Bedeutung – ein Blütentraum, der in den fünfundzwanzig Jahren nach der Wende im eiskalten Hauch des Marktes erfrieren und im Gluthauch der Parteipolitik verdorren wird. Ein öffentlicher Diskurs, der den Namen verdient, findet spätestens unter der populistischen Orbán-Regierung nicht mehr statt.

Leiden an der Wahlheimat

Angesichts solcher Enttäuschungen braucht die Liebe ein starkes Fundament. Für Droste ist dies vor allem die ungarische Sprache, in der er sich den Menschen, vor allem dem Schwiegervater György Enyedi nähern kann. (Die Tochter, Ildikó Enyedi, Drostes Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen Kinder, hat in diesem Jahr den „Goldenen Bären” gewonnen – mit ihrem Film „Körper und Seele”.) Ihr Vater, der viele Sprachen beherrschte, beschwieg das Deutsche, als hätte er es vergessen wollen. „Jahrzehnte hat es gedauert, bis es mir irgendwann wie Schuppen von den Augen fiel, dass meine Liebe zu Budapest und Ungarn ganz entscheidend darauf basiert, dass hier jüdisches Leben, jüdisches Denken, jüdische Geselligkeit präsent geblieben sind”, sagt Droste. György Enyedi konnte als mittelloser, aber begabter Junge halbjüdischer Herkunft – sein Vater ist in Bergen-Belsen umgekommen – dank eines Stipendiums am Gymnasium der Piaristen lernen. Dieser Status bedeutete unter dem Horthy-Regime zunächst auch einen Schutz vor antisemitischer Verfolgung, bis die Greiftrupps der ungarischen Pfeilkreuzler durch die Stadt schwärmten und er in den Untergrund gehen musste.

Das Gebäude der Piaristen unweit der Elisabethbrücke ist – neben der ungarischen Sprache – die zweite Konstante in der Erzählung von Wilhelm Droste. Eine Konstante in Bewegung: über die Jahre präsentiert sich dieser Bau dem Ich-Erzähler in vielfältigen Funktionen, zunächst als Sitz der geisteswissenschaftlichen Fakultät, also als erträumter und dann wirklicher Arbeitsplatz für ihn, den Dozenten der Germanistik, bis der Bau an den Piaristenorden zurückgegeben wurde. Und bald als Unterschlupf für das neue Kaffeehaus, das Droste noch in diesem November eröffnen will. Der Name: „Három holló – Drei Raben”. So hieß das Stammcafé von Endre Ady. Der katholische Sauerländer und ausgebildete Lehrer unter der Ägide des Schulordens der Piaristen! Es gibt also noch eine Zukunft für die Liebe. Man kann nur Glück zu dem Unternehmen wünschen.


Wilhelm Droste, Ungarische Zustände: Ein Schauplatz erzählt Geschichte.

Verlag: Rowohlt E-Book. Originalausgabe.

Erscheinungstermin: 6.Oktober 2017

40 Seiten. 2,99 EUR. ISBN: 978-3-644-00078-0

Der Autor dieses Beitrags, Dieter Uesseler, war schon einmal von 1990 bis 1997 in Ungarn. Seit 2005 lebt er ständig in Budapest. Zurzeit promoviert er an der Andrássy Universität Budapest zu einem Thema der Kulturdiplomatie. Unter dem Pseudonym XING notiert er auf seinem Blog "IntercityWanderjahre" (https://intercitywanderjahre.com/) seine Beobachtungen zum Alltag und zur Kultur in Ungarn.

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