Schon auf den ersten Blick gibt Andreas Augustin eine interessante Erscheinung ab: groß, mit weißem Hemd und dunkelblauem Jackett, aus dessen Brusttasche ein gelb-schwarz-gepunktetes Tuch blickt. Trotz seiner 60 Jahre wirkt er sehr stattlich, ihn umgibt eine fast schon einschüchternde Aura. Die wissenden Augen des Wieners scheinen jeden zu durchschauen und strahlen trotzdem Wärme aus.

Andreas Augustin ist Autor des Buches „Grand Hotel Royal Budapest“ und noch rund 70 weiterer Bücher aus der Reihe „The Most Famous Hotels in the World“. Für sie bereist er die schönsten Hotels der Welt, erforscht deren Geschichte, sammelt Anekdoten und macht diese einem breiten Publikum zugänglich. Heute lebt er in Wien, doch für seine Recherchen ist er nach wie vor auf der ganzen Welt unterwegs.

Ein Mann, viele Interessen

Augustin wurde am 28. November 1956 geboren, absolvierte nach der Schule in Wien eine Ausbildung zum Hotelkaufmann, entschied sich aber schon nach einem Jahr in der Hotelbranche dazu, in die „schreibende Zunft“ zu wechseln. Nachdem er den Beruf des Journalisten erlernt hatte, reiste er mit 30 Jahren nach Asien, um dort für ein Radio und diverse Tageszeitungen zu arbeiten. „Ich selbst verstand mich als außenpolitischer und außenkultureller Korrespondent, der durch Nepal über Sri Lanka bis nach Singapur gereist ist“, erzählt der Autor mit einer nostalgischen Selbstverständlichkeit in der Stimme. In Singapur sei er dann auf die Idee für sein erstes Buch gestoßen.

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Augustin hatte im „Hotel Raffles“, einem historischen Hotel im Herzen Singapurs, ein Buch über dessen Geschichte gefunden. „Warum eigentlich nicht auf Deutsch?“, dachte er sich und fragte den Hoteldirektor, ob dieser mit einer deutschsprachigen Veröffentlichung einverstanden wäre. Natürlich sprühte der Hoteldirektor vor Begeisterung. Doch da Augustin weder in Singapur noch in Wien jemanden fand, der das Buch hätte verlegen wollen, entschied er sich kurzerhand dazu, das Buch selbst zu verlegen. Seitdem ist Augustin quasi nebenbei als erfolgreicher Buchverleger unterwegs – auch alle seine darauffolgenden Bücher der Reihe „The Most Famous Hotels in the World“ verlegte er im Eigenverlag.

Seine Frau Carola, die Historikerin ist, hilft Augustin bei der Recherche zu seinen Büchern. Doch auch vor Ort sucht der Autor nach Unterstützung: in Budapest half ihm zum Beispiel Noémi Saly, Autorin und Expertin für die Geschichte der Stadt. Auch Tibor Meskál, der Senior Duty Manager des Corinthia-Hotels, der hier bereits seit 1961 tätig ist, konnte sein Wissen beisteuern. „Bei den sehr aufwendigen Recherchen benötige ich in jedem Land Hilfe durch lokale Historiker oder Autoren, um die Geschichte des jeweiligen Hotels realistisch rekonstruieren und niederschreiben zu können“, so der Autor. Für uns fasst er die Geschichte des heutigen Corinthia-Hotels kurz zusammen.

Das Grand Hotel Royal Budapest

Das 1896 eröffnete ursprüngliche „Grand Hotel Royal Budapest“ wurde 2003 bis auf die denkmalgeschützte Fassade fast komplett abgerissen. Doch der Geschäftsmann Alfred Pisani, Begründer der Corinthia-Hotelkette aus Malta, ließ das Gebäude wiederaufbauen und eröffnet es unter dem Namen Corinthia Hotel Budapest neu. „Ein sehr beeindruckender Mensch, der nicht auf die Buhrufe hörte, die ihn von allen Seiten ereilten, weil ihm eine Wiedereröffnung nicht zugetraut wurde. Er tat es einfach“, bemerkt Augustin, in seinen Augen wahre Bewunderung und Respekt. Damit habe Pisani vielen Budapestern, unter ihnen auch Tibor Meskál, eine große Freude gemacht und bei der Eröffnung seien so manche Freudentränen geflossen. Andreas Augustin erinnert sich zurück, wie er selbst einmal Anfang der 90er-Jahre vor den geschlossenen Türen des Hotels stand – auf den toten, blassen Scheiben nur noch ein halb erkennbares „R“ als Emblem – und mitleidig dachte, wie schade es sei, dass dieses Hotel nicht mehr in Betrieb ist. Dass das Hotel eines Tages neu eröffnet werden sollte und er kurze Zeit später darüber ein Buch schreiben würde, habe er sich damals nicht vorstellen können.

Wie die Bücher entstehen

Entscheidend, ob ein Hotel als Buchvorlage überhaupt infrage kommt, sei, ob es Mitglied im Club der „Most Famous Hotels in the World“ ist. Mitglied könne man nur unter bestimmten Bedingungen werden. Dazu müsse das Hotel erstens mindestens 50 Jahre alt sein, zweitens mindestens 50 Zimmer haben und drittens mindestens 50 Prozent des Jahres geöffnet sein. Erst wenn diese Kriterien erfüllt seien, würde eine jeden November in London zusammentretende Jury aus ausgewählten Experten – allen voran Augustin selbst als ihr Präsident – darüber entscheiden, ob das Hotel den Anforderungen entspricht und wie realistisch eine Recherche und Kooperation mit dem Hotel sei. Laut Augustin entspricht in Budapest momentan nur das Corinthia den Standards der „Most Famous Hotels in the World“.

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Fotos: Andeas Augustin

Wenn jedoch einmal die Entscheidung für ein Hotel getroffen sei, werde die Recherche zunächst durch einen Besuch vor Ort in die Wege geleitet. Dabei würden auch Absprachen mit den Hoteliers getroffen. „Danach schauen wir, was es in dem Hotel bereits an Material gibt: Existiert zum Beispiel ein Archiv?“, erklärt Augustin sein Vorgehen. Mit einem entsetzten Kopfschütteln erinnert er sich an eine Geschichte aus einem Hotel in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. Hier wusste der Hotelier nicht einmal, in welchem Jahr sein Hotel genau eröffnet wurde – nur, dass es etwa 100 Jahre zurückliege. Die Recherchen waren dort besonders schwer, da es keinerlei Archiv oder sonstige Informationen vor Ort gab.

Ein Jahr lang recherchiert

In Budapest habe er allerdings das Glück gehabt, viele auch langjährige Mitarbeiter kennenlernen zu dürfen, die ihm diverse Dinge über die Geschichte ihres Hotels erzählen konnten. Allen voran Tibor Meskál, der zwar schon 74 Lenze zählt, aber trotzdem noch „jung ist wie ein Bub“ und sich immer noch für das Hotel begeistert. Noémi Saly habe sowohl Informationen beigesteuert als auch ihnen Zutritt zu diversen lokalen Archiven verschafft, in denen Augustin und seine Frau sich Wissen über das Grand Hotel Royal Budapest aneignen konnten. Doch Augustin arbeitet nicht nur mit lokalen Quellen: Er studiere auch Reiseberichte diverser Besucher, die in ihren Aufzeichnungen über das Hotel berichten. „Dies überrascht manchmal sogar die Hoteliers, da sie von vielen Aufzeichnungen gar nichts wissen“, lacht Augustin und stellt fest, dass sich für seine Bücher meist Informationen aus der ganzen Welt zusammentragen lassen. Diese umfassende Art der Recherche benötige mindestens ein Jahr. „Es ist wie ein Schneeball an Informationen, der immer größer wird, wenn es gut läuft. Manchmal bleibt er auch hängen, aber meistens wächst er und ist irgendwann groß genug“, so Augustin, „um damit ein Buch zu füllen.“

Jedoch seien seine Bücher auch nach der Herausgabe nie ganz fertig: „Ich habe das Glück, dass meine Bücher eine Art organisches Lebewesen sind. Sie wachsen immer weiter, da immer mehr Informationen hinzukommen. Deshalb geben wir auch immer wieder neue Auflagen heraus – von dem Budapester Buch erscheint im nächsten Jahr bereits die vierte Neuauflage in 15 Jahren.“

Das Herz des Corinthia-Hotels

Was Augustin an dem Budapester Hotel so sehr begeistert, ist unter anderem, dass die ehemaligen Mitarbeiter des Hotels sich auch heute noch in verschiedenen Gruppen regelmäßig zu Treffen zusammenfänden: „Da gibt es einmal die ‚Royalisten‘ und die ‚Freunde des Royals‘. Das sind 70- bis 80-jährige Männer und Frauen, die einmal Teil des Hotels waren und noch im Kontakt zu ihm stehen.“ Dies sei beeindruckend, da in anderen Hotels Angestellte oft mit dem Tag ihrer Pensionierung das Haus verließen und nie mehr wiederkämen. Das Budapester Hotel habe jedoch ein Herz, das würden sowohl die ehemaligen Mitarbeiter als auch das heutige Hotelpersonal spüren.

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Auch Tibor Méskal sei ein Teil davon und für Augustin ein sehr bewundernswerter Mann. „Vor der Arbeit eines Senior Duty Managers habe ich am meisten Respekt“, sagt er. Hinter dieser Arbeit stecke so viel mehr, als man als Außenstehender erahne. Zuerst müsse in den Köpfen der Manager ja ein Bild davon entstehen, was das Hotel ausmache: also das Herz und die Einstellung, die hinter der Arbeit stecken soll, und wie Gäste dies wahrnehmen sollten, wie sie sich fühlen sollten, wenn sie im Hotel ankämen. Und diese Idee müsse dann entlang der gesamten Personalkette bis zum scheinbar „kleinsten“ Mitarbeiter – der ja auch durchaus wichtig sei – weitergegeben und umgesetzt werden. Erst wenn das funktioniert, sei das Hotel ein wirklich gutes Hotel, in dem sich ein Gast so wohl fühlen könne, als sei er zu Hause. „Das ist ein besonderer Akt des intimsten Vertrauens“, so Augustin, „Der Gastgeber ist meistens eine ganz große Persönlichkeit, denn sein Gefühl, Verständnis und seine Liebe für den Gast und zur Gastronomie muss ja von ganz oben bis ganz unten durchsickern – wie ein Regen, dessen Tropfen den Grund durchdringen.“

Der Beobachter

So poetisch, wie er sich ausdrückt, nimmt Augustin auch seine Umgebung wahr: Er schwärmt beim Vorbeigehen für die marmornen Treppen, die goldenen Statuen und den hochwertig verzierten Hoteltisch, auf dem einer der Mitarbeiter vor Kurzem frische Hyazinthen gestellt hat. Er beobachtet die Schritte der hereinkommenden Hotelgäste und behält deren Verhalten im Blick. Einmal schreckt er mitten im Gespräch hoch: „Schauen Sie mal, die Frau dort! Sie fotografiert den Tisch mit den Hyazinthen. So etwas tut man nur, wenn es einem gefällt und man sich, wie zu Hause fühlt – das tut sie offensichtlich.“ Auch der Mitarbeiter, der den Tisch dekoriert, repräsentiere das Hotel und habe die Verpflichtung, nicht schlecht über andere Mitarbeiter zu reden. Jeder müsse mit einer großen Energie und Liebe dabei sein. Wenn man dann abends nach Hause gehe, müsse man immer noch mit Stolz sagen können: „Ich arbeite im Corinthia.“ Und dieses Kunststück müsse eben ein Senior Duty Manager wie Tibor Meskál zustande bringen – ein großer Batzen Arbeit.

Ein Stückchen Wissen

Augustin setze sich als Ziel, mit seinen Büchern den Gästen zusätzliche Informationen zu vermitteln. „Die Gäste dürfen nicht unterschätzt werden. Ein Reisender ist ja meistens ein wissbegieriger Mensch, der reist, um zu lernen und neue Dinge zu erfahren.“ Genau dort wolle er anknüpfen, um ihnen ein Stückchen Geschichte und Wissen mitzugeben – mehr als das, was man an der Oberfläche geboten bekäme.

Augustins Bücher sind trotz der zahlreichen Fakten unterhaltsam geschrieben. Sie sind für jeweils 32 Euro und in diversen Sprachen erhältlich.

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