Systemwechsel wegen Regens abgesagt

Fangen wir damit an: Der System-, Regime-, Bewusstseins-, Geisteshaltungs- etc. -wechsel bleib aus. Angeblich wegen des schlechten Wetters. Oh, natürlich! Wie wir wissen, war das ja hier schon immer so. Wenn es ein bisschen regnete, blieben die Revolutionären immer brav zu Hause, nicht dass das Feuer in ihren Herzen nicht zufällig vom Regen gelöscht wird. Der große oppositionelle Zusammenschluss blieb also aus: die Großkundgebung für den Systemwechsel und für die Wahlgesetzesänderung.

Es war zu erwarten, dass sie ausbleibt, weil schon einige Tage vorher die angekündigten Teilnehmer der Reihe nach absprangen. Und die, die noch blieben, hätten sich dann auf der Straße die volle Blöße gegeben, dass sie nicht nur nicht die Mehrheit des Landes hinter sich vereinen konnten, sondern nicht einmal ihre eigenen Familien in vollständiger Zahl. Keiner betete mehr für ein bisschen schlechtes Wetter, wie unlängst Márton Gulyás, dessen Gebete – unverständlicherweise – dann auch erhört wurden. Dadurch konnte er sich jetzt hinter einem guten Grund verstecken, um zu Hause zu bleiben. Leider. Alles andere ging dann seinen Weg.

Orbán nun Stalin oder Hitler? Proletarier, nun einigt euch doch!

Die vielen „Oppositionsschwächen“ tauschten sich in diversen Kaffeehäusern und Hotels untereinander aus, während sich die traurigste unter ihnen, die arme Sozialistin Ágnes Kunhalmi, mit allen übrigen „Oppositionsschwächen“ dann doch noch auf die Straße wagte. Und dort standen sie dann. Im Regen. Vor dem Haus des Nationalhelden Imre Nagy. Und dann sagte Kunhalmi den zwei (2) versammelten Interessenten, die über die Presse hinaus noch anwesend waren, dass Orbán Stalin wäre. Bedauerlich, dass sie sich bei ihrem hier verkündetem Axiom nicht mit den fünfzehn (15) anderen internationalen Proletariern beim Oktogon abgestimmt hatte, die wiederum schrien, dass Orbán ein Nazi wäre.

Denn ein wirkliches Ereignis, eine interpretierbare Rede, eine klare Aussage und vor allem eine wirkliche Menschenmenge gab es nur dort: beim Haus des Terrors, wo der Ministerpräsident selbst sprach. Und der Ministerpräsident sagte alles, was er sagen musste. Die wichtigsten Gedanken waren folgende: „Den Arbeitern in den Fabriken wurde 1956 sofort klar, dass sie keine internationalen Proletarier, sondern ungarische Arbeiter waren.“

So war es. Und die ungarischen Arbeiter standen auch jetzt dort, vor dem Haus des Terrors, während die internationalen Proletarier ein paar Häuser weiter Schwachsinn herumschrien.

Sie können nicht verzeihen, was sie uns angetan haben

„Diejenigen, die gegen uns waren, können uns nicht verzeihen, was sie uns über fünfzig Jahre lang angetan haben.“ Genauso ist es! Und in ihrem großen Nicht-Verzeihen ließen sie die Menschen nach 1956 am Galgen hinrichten. Heute bezeichnen sie ihre Gegner als Stalin, Nazis, bringen Vergleiche mit Nordkorea, setzen das Wort Feier in Anführungszeichen und posten untereinander die selbe geistige Jauche, die auch in den sogenannten Weißbüchern des Genossen Kádár und Konsorten als Antipropaganda gegen die aufständischen Ungarn zu finden war.

„Europa wurde von seinen einstigen Erfolgen verblendet, heute schafft es der Kontinent nicht einmal, vor der eigenen Pforte Ordnung zu halten. Und es werden diejenigen attackiert, die Europa schützen wollen.“

Das sind wichtige Sätze, die später dann am meisten unter Beschuss genommen wurden. So wie auch dieser Satz.

Auch schon Macron?

Und damit man genau weiß, woran man sich zu halten hat, zitiere ich hier einmal Emmanuel Macrons Worte von vor knapp einer Woche: „Zu lange schon sind wir in einem faden demokratischen Lebensstil versunken. Gerade jetzt bezahlen wir den Preis für die kollektive Dummheit, die uns an ein Ende der Geschichte glauben ließ. Wir müssen auf die politische Heldenhaftigkeit zurückgreifen, die die republikanische Welt ihr Eigen nennt, damit wir erneut den Sinn der Geschichte entdecken können.“ Da schau her! Auch schon Macron? Bisher galt er doch als makellos…

Mitteleuropa letztes migrantenfreie Fleckchen Erde

„Im zwanzigsten Jahrhundert waren die Militärmächte die Verursacher allen Übels, heute sind es die Imperien der Finanzspekulanten. Sie setzen uns die Migranten in den Nacken. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, dass Mitteleuropa das letzte migrantenfreie Fleckchen Erde ist.“

Und ja, wir mussten schon sehr lange nicht mehr so sehr auf etwas aufpassen, wie jetzt auf diese Freiheit! Zur Bewahrung dieses Idealzustandes müssen wir heute aber nicht mehr mit Gewehren aus unseren Fenstern schießen. Es reicht, wenn wir wissen, was wir im kommenden April zu tun haben: den internationalen Proletariern entschlossen entgegenmarschieren – egal, ob sie uns nun lautstark mit Stalin oder Hitler vergleichen.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 24. Oktober auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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