Zunächst wies er darauf hin, dass 1956 zwar ein „sehr dichtes Jahr“ gewesen sei – neben der ungarischen Revolution gab es in diesem Jahr auch die Geheimrede von Chruschtschow, den Posener Aufstand und die Suezkrise –, dennoch würde die Jahreszahl 1956 weltweit in erster Linie mit den Ereignissen in Ungarn assoziiert. Das habe seiner Meinung nach vor allem damit etwas zu tun, dass es sich dabei um eine „klare Geschichte“ gehandelt hätte. Es ging um einen Kampf für die Freiheit, was überall auf der Welt verstanden wurde.

Dem Kampf der Supermächte ausgeliefert

Bevor Tallai auf die konkreten ungarischen Ereignissen zu sprechen kam, umriss er deren Kontext und zwar das Ringen der beiden Supermächte USA und Sowjetunion um die Vorherrschaft in Europa – zuvor hatte der Europäische Bürgerkrieg von 1914 bis 1945 dafür gesorgt, dass dem alten Kontinent die Herrschaft über sein Schicksal aus der Hand genommen werden konnte. Jede der Supermächte versuchte in ihrem Herrschaftsbereich neben der Absicherung ihrer militärischen Interessen auch ihre Lebensart durchzusetzen.

Während die USA in ihrem Bereich dem „amerikanischen Traum“ und der individuellen Freiheit Vorschub leisteten, begann die Sowjetunion in den ihr nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschlagenen Ländern den Kommunismus aufzubauen. Da den Ungarn noch sehr gut die Kostprobe in Sachen Kommunismus von 1919 in Erinnerung war, konnte der Aufbau des Kommunismus hier nur mit Gewalt und Terror erfolgen. So gab es in Ungarn im Zeitraum von 1945 bis 1956 rund 450 Hinrichtungen und 40.000 Verhaftungen. Systematisch konzentrierten sich die ungarischen Vasallen der sowjetischen Machthaber darauf, die Identität der Menschen zu zerstören und ihnen eine neue einzupflanzen.

Scheinargument für sowjetische Besatzung fiel weg

Trotzdem war das neue Regime nur mit Gewalt aufrechtzuerhalten, unter anderem mittels einer starken sowjetischen Militärpräsenz. Diesbezüglich gab es 1955 eine hoffnungsvolle Änderung. Während die sowjetische Truppenpräsenz in Ungarn bis dahin vor allem damit erklärt wurde, dass diese eine logistische Absicherung für die im geteilten Österreich stationierten sowjetischen Truppen darstellen würde, also quasi eine Begleiterscheinung der österreichischen Besatzung sei, fiel dieses Argument 1955 mit dem Abzug der Sowjetarmee aus Österreich weg.

Während viele Historiker die Meinung vertreten, dass es vor allem die Geheimrede von Chruschtschow und der Posener Aufstand waren, die in Ungarn das Fass zum Überlaufen brachten, spricht sich Tallai dafür aus, den Verlust des bisherigen Scheinarguments für die Präsenz der sowjetischen Besatzungstruppen nicht zu unterschätzen. „Plötzlich kam Hoffnung auf, und man begann Fragen zu stellen“, so der Historiker. Weiterhin wies er auf einen entscheidenden Unterschied zum Posener, aber auch zum Ostberliner Aufstand von 1953 hin: während es bei diesen Erhebungen in erster Linie um die Verwirklichung von ökonomischen Forderungen ging, standen bei den ungarischen Ereignissen politischen Forderungen im Mittelpunkt.

„Es ging um einen Systemwechsel“

Dabei ging es den Kämpfern letztlich um nichts weniger als einen Systemwechsel. Ohne diesen direkt anzusprechen liefen die beiden Hauptforderungen der Kämpfer, also der Abzug der Sowjettruppen und die Abhaltung von freien Wahlen zumindest genau darauf hinaus. „In dem Moment, in dem allein diese beiden Forderungen verwirklicht worden wären, wäre es um das kommunistische System geschehen gewesen“, ist sich Tallai sicher.

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Historiker Gábor Tallai zu den Helden von 1956: „Sie alle haben es verdient, einen Platz in unserem Herzen einzunehmen.“

Eine Frage aus dem Publikum, warum man in Ungarn eine Niederlage, also ein negativ ausgegangenes Ereignis zu einem Nationalfeiertag gemacht hat, relativierte Tallai zunächst mit der Feststellung, dass nicht die Revolution gescheitert sei, sondern lediglich der anschließende Freiheitskampf. Bei der Revolution sei es den Aufständischen gelungen, die damals größte Armee der Welt zu stoppen. Nur unter äußerster Kraftanstrengung konnte die Sowjetunion dann den anschließenden Freiheitskampf niederschlagen. Dabei kamen unter anderem rund 2.800 Panzer zum Einsatz, also ähnlich viele wie Hitler-Deutschland 1940 beim Westfeldzug eingesetzt hatte.

Schwerer Schlag für den Kommunismus

Die ungarische Revolution sei zugleich ein schwerer Schlag für den Kommunismus gewesen, ein regelrechter „Augenöffner“. Viele im Westen hätten sich nach der blutigen Niederschlagung der ungarischen Revolution vom Kommunismus losgesagt. „1956 hat die kommunistische Idee gekillt“, bringt es Tallai auf den Punkt und würdigt in diesem Zusammenhang aber auch den Prager Frühling von 1968, der der weltweiten kommunistischen Bewegung einen ähnlichen Schlag versetzt hatte. Besonders aufgebracht hätte es die Kommunisten, dass die ungarische Revolution ganz wesentlich von den „Proletariern“, also einfachen Arbeitern getragen worden war, denen die entstehende kommunistische Gesellschaft eigentlich das Paradies auf Erden verheißen sollte. Acht Prozent der Freiheitskämpfer sollen nach Tallai vorliegenden Angaben übrigens Zigeuner gewesen sein, das sind weit mehr als ihr damaliger Anteil an der Gesamtbevölkerung.

Junge Helden

Bezüglich der Erinnerung an die ‘56er-Revolution bedauert Tallai, dass die Namen der mutigen Straßenkämpfer, die ihr Leben für ihre Heimat eingesetzt und oft genug gelassen haben, heute noch immer einem größeren Kreis der Bevölkerung weitgehend unbekannt sind. Diesem Manko begegnete Tallai in seinem Vortrag unter anderem damit, dass er vier der Helden von damals kurz vorstellte: Katalin Sticker, Mária Wittner, István Angyal und János Bárány. Bis auf Mária Wittner, deren Todesurteil nach über einem halben Jahr in der Todeszelle in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe umgewandelt worden war, wurden nach der Revolution alle zum Tode verurteilt und hingerichtet. Einer von ihnen, István Angyal, hatte zuvor Auschwitz überlebt.

Zumeist hätte es sich bei den Aufständischen um sehr junge Leute gehandelt. „Sie alle haben es verdient, einen Platz in unserem Herzen einzunehmen“, so Tallai. Seiner Meinung nach brauche es aber Zeit, bis die Helden von damals aus der Anonymität auftauchen und im öffentlichen Bewusstsein fest verankert sein werden. Immerhin hat dieser Prozess begonnen.

Imre Nagy war kein Held

Ein Name, der sonst üblicherweise im Zusammenhang mit der ungarischen Revolution immer wieder fällt, kam Tallai während seines gesamten Vortrag bewusst nicht über die Lippen: Imre Nagy. Erst durch eine Frage zu dessen Person, nämlich ob auch Nagy ein Held sei, widmete ihm Tallai einige Bemerkungen. Seiner Meinung nach sei der frühere kommunistische Innenminister, der im Zuge der Revolution zum Ministerpräsidenten avancierte ein „waschechter Kommunist“ gewesen. Bei der Revolution habe er vor allem durch Passivität geglänzt. Dass er später vor Gericht nicht um Gnade gebeten habe, mache ihn höchstens zum Märtyrer, aber keinesfalls zum Helden.

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