Sehen wir doch ein: Eine Nation, von der – laut Erhebung der Regierung selbst – 63 Prozent ihrer Angehörigen nicht einmal für einen Monat ausreichende Reserven zur Seite legen können, um sich zu erhalten, kann doch nichts mit der Freiheit am Hut haben. Und was kann eine linke Partei mit der Freiheit anfangen, von deren beiden Abgeordneten, die im Europäischen Parlament nebeneinander sitzen, der eine sagt: „Orbán bewegt nur seinen Mund, aber es spricht Rákosi aus ihm.“ Während der andere auf Facebook Folgendes teilt: „Die „Feier“ naht“, und darunter das Foto eines gelynchten Soldaten am damaligen Köztársaság tér in Budapest postet.

Ob dieser Politiker wohl versteht, wie der Schnellkochtopf, der den Freiheitsdrang einsperrt, explodiert und welchen vernichtenden Schaden dieser anrichten kann? Oder vielleicht versteht er es ebenso wenig, wie die derzeitige Macht, die den Hass schürend das Ventil an diesem Schnellkochtopf noch enger dreht. So eng, dass in einem einzigen unachtsamen Moment eine Explosion allem und jedem den Garaus machen kann. Was kann schon eine demokratische Opposition Glaubwürdiges über die Freiheit sagen, deren acht verwaiste Parteien nicht einmal das gemeinsame Betreten einer Bühne zustande bringen, auf der sie den Freiheitsdrang beim Namen nennen könnten, vielleicht als das einzige gemeinsame Erbe von 1956.

Die Verunstaltung der letzten noch erhaltenen Würde

Dass die Macht, die nichts mit dem Oktober 1956 gemein hat, nichts mit der offiziellen nationalen Feier anfangen kann, ist wohl sonnenklar. (…)

Dass man das Versagen von 2006 zum 50. Jubiläum vergessen lassen konnte, dass man der ungarischen Nation 1956 zurückgeben konnte, dass man Gesicht für Gesicht zeigen konnte, wer die Pester und die anderen revolutionären Burschen und Mädels waren, dass die Revolution und der Freiheitskampf auch den vier Millionen Staatsbürgern näher gebracht werden konnte, die keine Erlebnisse mehr aus der Diktatur haben.

„Dies ist ein Rekord. Eine Kampagne von diesem Volumen schafft vielleicht noch Coca Cola“, so der überqualifizierte Regierungsmensch, während die Regierungshistorikerin Logik in die unlogische Geschichte brachte und eine Parallele zwischen 1848 und 1956 zog: Unabhängigkeitskrieg, bewaffneter Freiheitskampf, das gemeinsame spontane Handeln der Ungarn, wodurch das Volk zur Nation wurde. Und als dessen Konsequenz zog der Regierungschef der popularitätswahrenden Partei gestern den Platz vor dem Haus des Terrors dem weiträumigen Kossuth tér vor. Die Heimat ist sozusagen eine natürliche und geistige Wirklichkeit, und wir sind eine besondere Freiheitsnation.

Knapper Platz und knappe Sätze für und an das „Volk, das zur Nation wurde“.

Lassen wir 1956 doch endlich los!

Vielleicht hat doch der evangelische Pastor und 56er-Erbe László Donáth Recht: „Es gibt kein historisches Ereignis, bei dem Konsens herrschen würde. Unsere Familiengeschichte ist die Geschichte unserer Familie. Wir müssen für das gesellschaftliche Verständnis und das kollektive Bewusstsein nicht anders werden oder uns dafür transformieren und uns darin integrieren.“

Wir sollten daher das im herbstlichen Regen stehende 1956 endlich loslassen. Nach vielen Jahren kommen vielleicht einige aufstrebende Generationen, die sich die Freiheit neu entdecken werden. Sie gehen dann gegen die vorherrschenden Normen protestieren und brechen plötzlich eine Revolution vom Zaun.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 24. Oktober auf dem Online-Portal der linksliberalen Tagesszeitung Népszava.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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