Ágnes Mészöly sieht ein bisschen müde aus, als wir sie zum Gespräch in einem Café in der Budapester Innenstadt treffen. „Ich habe mich gerade einigermaßen von meinem Jetlag erholt, und morgen geht es schon wieder los“, sagt sie. Sie hat die letzten drei Wochen mit ihrer Familie in Kanada verbracht und ist nun für einige Tage in Budapest, bevor es weiter nach China geht, wo sie wieder einige Wochen verbringen wird. Doch sie scheint sich auch sehr auf die Zeit in China zu freuen. „Wir werden dort unser Projekt vorstellen“, erzählt sie sichtlich stolz.

Zwischen den Welten

Bei dem Projekt handelt es sich um ein System zur konduktiven Förderung von Kindern mit motorischen Einschränkungen. Es wurde in den späten 1950ern von dem ungarischen Arzt András Pető entwickelt. Die Methoden dieses Fördersystems sind komplex, erklärt uns Mészöly. Es handelt sich dabei im Grunde um eine Förderung, bei der nicht nur die motorischen Fähigkeiten eines behinderten Kindes, sondern auch seine sozialen, emotionalen, sprachlichen und kognitiven Kompetenzen gefördert werden sollen. Ziel ist es dabei, eine möglichst große Selbstständigkeit zu erreichen, sodass das Kind so wenig wie möglich auf Hilfsmittel und Unterstützung durch die Familie angewiesen ist. Mészöly hat Sonderpädagogik studiert und arbeitet seit dem Studium auch in diesem Bereich.

Angestellt ist sie im Budapester Institut für konduktive Förderung. Dieses ist nicht nur das erste seiner Art, sondern wurde sogar von András Pető persönlich gegründet. Dafür, dass es solche Institute inzwischen aber auch in der ganzen Welt gibt, sind Mészöly und ihr Team verantwortlich, die die Lernmethode, bereits in zahlreichen Ländern Europas und in Südamerika vorgestellt haben und die sie jetzt auch in China verbreiten wollen.

Mészöly reist viel für ihren Job. Einer ihrer Lieblingsplätze in Budapest, erzählt sie, ist daher auch der Flughafen. Als Kind lebte sie ganz in der Nähe. Am Ende ihrer Straße war der Zaun des Geländes, dahinter die Landebahn. Oft lief sie mit ihren Freunden dorthin, um die Flugzeuge zu beobachten. „Vor 40 Jahren war es für uns etwas ganz Besonderes zu fliegen. Wir bewunderten die Ausländer und Geschäftsleute, die in die Flugzeuge stiegen. Unser größter Wunsch war es, auch einmal in so einem Flugzeug zu sitzen.“ Auch heute, wo sie viel Zeit im Flughafen verbringt, behält der Ort für sie immer noch einen gewissen Zauber. „Ich liebe dieses Gefühl, zwischen den Welten zu sein, in einer Art Transitzone.“

Mut zum Schreiben

Doch auch wenn sie viel Spaß an ihrem Beruf hat, der ihr dieses viele Reisen ermöglicht, ist ihr Traumberuf ein anderer: Mészöly hofft, einmal von der Schriftstellerei leben zu können. „Ich habe schon immer gern geschrieben“, verrät sie uns. Doch sie sei die erste in ihrer Familie gewesen, die überhaupt eine Universität besucht habe, „da wollte ich erst mal etwas 'Vernünftiges' machen.“ Erst nach der Geburt ihres vierten Kindes, als sie für ein paar Jahre Zuhause blieb, fand sie den Mut und die Zeit, mit dem Schreiben anzufangen.

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Ihr erstes Kinderbuch wurde 2006 veröffentlicht. Wenn sie schreibt, ist sie am liebsten Zuhause, weit weg von der lebhaften Stadt. Sie lebt in einer ruhigen Gegend im XVIII. Bezirk, das Haus ist voller Bilder und Pflanzen, im Garten wachsen Weintrauben. Die Geschichten, die Mészöly schreibt, sind von ihrem Umfeld geprägt, von ihren eigenen Kindern sowie von der Arbeit mit Kindern mit Behinderung. Eines ihrer Bücher handelt beispielsweise von einem Jungen, der im Rollstuhl sitzt und von Zuhause wegläuft. Das Buch soll zeigen, dass Kinder mit einer körperlichen Behinderung im Grunde auch nicht anders sind als andere Kinder – sie haben dieselben Wünsche, dieselben Probleme und dieselben Gefühle.

Die Ideen für ihre Bücher bekommt sie oft in unerwarteten Momenten, planen ließe sich das nicht. „Eine gute Idee ist der wichtigste Baustein für ein gutes Buch“, sagt sie. Seit Kurzem gibt sie auch Workshops für junge Menschen, die Kinderbücher schreiben wollen. „Schreiben ist Arbeit. Es gibt Dinge, die man lernen kann, Tricks, die man anwenden kann – beispielsweise wie man eine Geschichte aufbaut. Aber wenn jemand keine guten Ideen hat, fehlt eine Basis, die sich auch durch noch so harte Arbeit nicht ersetzen lässt.“ Glücklicherweise trifft Mészöly immer wieder auf junge Ungarn mit großartigen Ideen, von denen sie einige auch als Mentorin begleitet.

„Jeder will schreiben“

Sie erzählt, dass es unglaublich viele Menschen in Ungarn gibt, die gerne Bücher schreiben würden. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass es nur einen einzigen Wunsch in diesem Land gibt: Jeder will schreiben.“ Die Angst, als Schriftstellerin etwas „Unvernünftiges“ zu machen, die Mészöly noch vor 25 Jahren davon abgehalten hatte, Bücher zu schreiben, sei in der jungen Generation zum Glück nicht mehr vorhanden. Ein großes Problem sei aber, dass viele Intellektuelle und insbesondere junge Menschen das Land verlassen. Das liege vor allem daran, dass es in Ungarn weniger Möglichkeiten gebe als in anderen Ländern.

Das Problem seien nicht nur die Löhne, sondern auch die bedrückende Stimmung in Ungarn, die den jungen Menschen einen positiven Blick auf die Zukunft verbaue. Das gesamte Land verfalle in eine Art Depression, die auch stark mit der Politik zusammenhänge. Mészöly begegnet dieser Depression im Alltag, in Kleinigkeiten: „Wenn ich mich in Toronto oder in München verlaufe, dann begegne ich lächelnden Gesichtern und hilfsbereiten Menschen. Hier ist das irgendwie anders. Die Menschen wirken traurig und ungeduldig, sie schauen dir nicht in die Augen.“

„Irgendjemand muss schließlich hier bleiben.“

Trotzdem haben sich Mészöly und ihre Familie entschieden, zu bleiben. „Wir hatten viele Möglichkeiten zu gehen, doch wir haben uns immer für Ungarn entschieden“, sagt sie. „Es ist verständlich, dass viele Menschen wegziehen. Aber auch sehr schade. Irgendjemand muss schließlich hier bleiben.“ Die Entscheidung in Ungarn zu bleiben, scheint sehr bewusst gefallen zu sein. Ihre Jobs könnten Mészöly und ihr Mann auch problemlos in anderen Teilen der Welt ausführen. Auf die Frage, wohin sie denn ausreisen würden, antwortet die vierfache Mutter ohne nachzudenken: Neuseeland. Dort hätten sie einen Onkel, der in den Sechzigern eher aus Versehen nach Neuseeland ausgewandert sei. Er wollte eigentlich nach Kanada, bestieg jedoch aufgrund fehlender Sprachkenntnisse das falsche Schiff und bemerkte den Fehler erst, als er neuseeländischen Boden betrat, erzählt Mészöly lachend.

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Über die Idee, zu ihm zu ziehen, hat sie offenbar mehr als einmal nachgedacht. Doch sie würde Budapest vermissen: „Ich liebe die Ästhetik der Stadt, ihre überschaubare Größe. Ich mag auch die Atmosphäre – nicht die Traurigkeit, aber dafür den Sarkasmus der Menschen, der einzigartig ist für Ungarn.“ Ihren Kindern kann und will Mészöly jedoch nicht vorschreiben, in Ungarn zu bleiben. „Sie haben schon so viel von der Welt gesehen, und ich kann mir vorstellen, dass Ungarn irgendwann zu klein für sie wird. Meine Tochter wird nächstes Jahr vermutlich ein Studium im Ausland beginnen. Und mein jüngster Sohn, er ist 14, hat in unserem Kanadaurlaub beschlossen, dass er nach Toronto ziehen und Schauspieler werden will. Vielleicht werden sie also Ungarn verlassen. Aber vielleicht kommen sie ja auch zurück.“
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