Ein Fernsehteam sucht nach geeigneten Interviewpartnern im fiktiven Wiener Wohnbezirk Rudolfsgrund. Es soll eine mitreißende TV-Doku entstehen, die die Probleme in dem Viertel, das für seinen hohen Migrantenanteil bekannt ist, zeigt. Dabei stoßen sie auf Omar und Tito, die – zumindest scheinbar – perfekt in das Bild der schwer integrierbaren Ausländer passen. Die ehrgeizige Reporterin beschließt daher kurzerhand, die beiden zu den Stars ihrer Serie zu machen und sie mit der Kamera durch ihren Alltag zu begleiten. So beginnt der Film „Die Migrantigen“. Doch schon in der zweiten Szene die überraschende Wendung: der Zuschauer erfährt, dass Omar und Tito eigentlich Marko und Benny heißen, und zwar einen Migrationshintergrund haben, eigentlich aber perfekt integriert sind – „fast schon zu integriert“, wie Faris Rahoma, der den Benny alias Omar spielt, es ausdrückt. Anstatt das Fernsehteam darüber aufzuklären, beschließen die beiden, ihnen etwas vorzuspielen und, wie sie es ausdrücken, „den Ausländer zu geben“. Dabei verheddern sie sich jedoch immer mehr in einem Netz aus Vorurteilen und Klischees, durch das schließlich das ganze Viertel in Aufruhr gerät.

Szenen aus dem wahren Leben

„Der Film ist uns persönlich sehr wichtig“, erklärt Faris Rahoma. Seine Mutter kommt aus der Steiermark, sein Vater aus Ägypten, sich selbst bezeichnet der in Wien wohnhafte Schauspieler daher scherzhaft auch schon mal als „Steierägypter“. „Viele der Szenen stammen aus unserem eigenen Erfahrungsschatz“, so Rahoma. Mit „uns“ meint er sich selbst, den Regisseur Arman T. Riahi und seinen Schauspielerkollegen Alexander Petrovic. Zu dritt haben sie das Drehbuch zum Film erarbeitet. Rahomas Filmfigur Benny ist Schauspieler. Bei einem Casting bewirbt er sich für die Rolle eines österreichischen Kommissars. Vom Regisseur (gespielt von Josef Hader) muss er sich jedoch darüber aufklären lassen, dass er für den Part leider etwas zu „ausländisch“ aussieht. Eine Szene, wie sie Rahoma selbst schon oft erlebt hat. „Viele Schauspieler mit Migrationshintergrund werden ausschließlich für die Rolle der jugoslawischen Putzfrau, des arabischen Taxifahrers oder des türkischen Bankräubers gecastet.“ Für „Die Migrantigen“ war es Rahoma daher sehr wichtig, genau diesen Menschen, die sonst nur in Nebenrollen zu sehen sind, eine Hauptrolle zu geben. Auch eine Koryphäe wie Josef Hader, der sonst in Filmen meist eine der Hauptfiguren spielt, musste sich daher in diesem Fall mit einer Nebenrolle zufriedengeben.

#„Dieses Viertel wäre nichts ohne uns“, sagt Zijah Sokolovic, der im Film den Vater von Marko spielt .

Der Film zeigt zudem, dass der Kampf um Anerkennung nicht nur in der Filmbranche ein Problem darstellt. Generell würden Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig in Berufen wie Putzfrau und Straßenkehrer arbeiten, Berufe, denen oft viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Im Film platzt einem der Charaktere daher auch der Kragen und er zischt: „Dieses Viertel wäre nichts ohne uns – ohne uns würde diese ganze Stadt zusammenbrechen.“ Für Rahoma ist dies eine der zentralen Aussagen des Films. „Ohne diese Berufe, die so oft von Menschen mit Migrationshintergrund erledigt werden, wäre keine Stadt überlebensfähig“, konstatiert er und fordert, diesen Menschen endlich mehr Respekt entgegenzubringen.

Rahoma: „Schubladen von innen öffnen“

Wie Rahoma erklärt, setzt sich der Titel des Films aus den Wörtern „Migranten“ und dem österreichischen „grantig“ zusammen. Grantig sind viele Menschen in Wien auch dann, wenn es mal wieder um das Thema Migration geht: Zwar würden Vorurteile und Klischees über Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund in der österreichischen Hauptstadt nicht in der Heftigkeit vorkommen, wie es im Film dargestellt wird, so Rahoma. Trotzdem seien sie omnipräsent und könnten sich, fürchtet er, weiter ausbreiten, wenn man dem nicht aktiv entgegenwirkt. Laut dem Schauspieler sei eines der großen Probleme, dass gerade Menschen mit Migrationshintergrund und geringen finanziellen Mitteln aufgrund der hohen Mieten in die Randbezirke gedrängt würden. Dadurch fehle es ihnen zum einen an Möglichkeiten, sich zu integrieren und sich neue Perspektiven zu verschaffen, zum anderen würden auch die anderen Stadtbewohner dadurch den Kontakt zu ihnen verlieren. Doch gerade wenn es an Berührungspunkte fehlt, kommt es zu Vorurteilen, ist sich Rahoma sicher.

Der Film möchte einen Ausweg aus dem Schwarz-Weiß-Denken hinsichtlich Menschen mit Migrationshintergrund finden. „Wir wollen, dass die Menschen endlich aufhören, andere in Schubladen zu stecken. Deshalb haben wir diese Schubladen von innen aufgemacht“, so Rahoma. Von innen, weil die Macher des Filmes das Leben mit Migrationshintergrund aus eigener Erfahrung kennen. Ob eine Person einen Migrationshintergrund hat oder nicht, wird leider zu oft in den Vordergrund gerückt, findet Rahoma, vor allem dann, wenn etwas Schlechtes passiert ist. „Dabei kann ein Migrationshintergrund sehr wohl auch ein Vorteil sein. Auch das wollen wir in unserem Film zeigen.“ Rahoma selbst sieht in seiner gemischten Herkunft vor allem den Vorteil, dass er sich geschickt in zwei Welten bewegen kann. „Ich spreche deutsch, aber auch arabisch. Ich kenne beide Welten, beide Kulturen, und kenne die verschiedenen Mentalitäten.“ Rahoma hat bereits in arabischen Filmen mitgespielt und profitiert auch in seinem Job als Redakteur beim Fernsehsender ORF von seinen Arabischkenntnissen.

Viel zu lachen

„Ich finde es wichtig, dass man sich in ein neues Land integriert, ohne dabei seine eigenen Wurzeln zu ignorieren.“ Auch dies werde im Film thematisiert. Die beiden Hauptfiguren sind perfekt angepasst und sind sich ihrer eigenen Herkunft nur wenig bewusst. „Sie müssen erst lernen, was es heißt, Ausländer zu sein“, sagt Rahoma. Auf dem Weg dahin erliegen auch sie gängigen Klischees, lassen sich beispielsweise von einem vermeintlichen Straßengangster in die Irre führen und treten in zahlreiche Fettnäpfchen, was zu einigen komischen Szenen führt.

Es war den Filmemachern wichtig, dass es im Film viel zu lachen gibt. „Wir machen sowieso immer Witze über uns selbst und ziehen alles durch den Kakao – deshalb ist es perfekt, unsere Geschichte als Komödie zu erzählen.“ Und dass es auch am Set viel zu lachen gab, kann man sich gut vorstellen. Die Filmcrew kennt sich schon seit Jahren, viele von ihnen sind zusammen aufgewachsen, und Einige sogar miteinander verwandt (so spielen etwa auch Faris Rahomas Bruder und sein Vater im Film mit).

„Oft war die größte Schwierigkeit am Set, nicht zu lachen“, verrät Rahoma. Viele Szenen mussten mehrmals gedreht werden, weil irgendjemand einen Lachanfall bekommen hatte. Doch der Schauspieler ist sich sicher: „Wenn‘s am Set nicht lustig ist, ist es auch später im Schnitt nicht lustig.“

Den Spiegel vorhalten

Auf die Frage, wie die Idee zum Kinofilm entstanden sei, antwortet Rahoma: „Wir sind vom ORF gebeten worden, eine Serie über Ausländer zu machen. Wir waren sofort von der Idee begeistert, haben uns aber auch gefragt: ‚Warum wir? Wir sind doch die ärgsten Wiener!‘ Damit wollten wir dann spielen.“ Aus der Serie wurde jedoch nichts, die verantwortliche Produktionsfirma meldete Konkurs an. Da entschieden sich die Drehbuchautoren Riahi, Petrovic und Rahoma, aus dem Material einen Kinofilm zu machen.

Unterstützt wurde die Produktion vom Österreichischen Filminstitut und dem Filmfonds Wien, beteiligt war auch der Österreichische Rundfunk, ORF. „Wir sind froh, dass gerade der ORF die Idee für unseren Kinofilm unterstützt hat“, so Rahoma. Dies sei auch deshalb bemerkenswert, da die Medien im Film nicht unbedingt gut wegkommen. Sie werden vielmehr für ihre oft einseitige Darstellung von Menschen mit Migrationshintergrund kritisiert. Die TV-Reporter im Film stürzen sich beispielsweise auf jedes sich bietende Klischee und scheinen, statt einer authentischen Darstellung, nur reißerische Schlagzeilen und möglichst hohe Einschaltquoten im Sinn zu haben. Überraschenderweise habe sich der ORF jedoch sehr dankbar für diese Kritik gezeigt. „Sie waren froh, dass wir ihnen den Spiegel vorgehalten haben“, erzählt Rahoma und fügt lachend hinzu: „Sogar meinen Job als Redakteur beim ORF durfte ich behalten.“

Rahomas Mutter kommt aus der Steiermark, sein Vater aus Ägypten, sich selbst bezeichnet er gerne scherzhaft als “Steirogypter“.

Auf der Suche nach Fördermitteln griffen die Filmemacher im Übrigen auf besonders kreative Mittel zurück. So erinnert sich Rahoma, dass Petrovic und er sich bei einer Anhörung beim Filmfonds als „Gangster“ verkleideten und eine kleine Show abzogen. Ein gewagtes Vorgehen, das die potenziellen Geldgeber erst schockierte, schließlich aber überzeugt haben muss.

Vorbildfunktion auf der Leinwand

Sehr viel Zeit und Energie steckte das Team um Riahi, Petrovic und Rahoma in ihren Kinofilm. Zweieinhalb Jahre dauerte die Arbeit an dem Drehbuch, weitere sechs Wochen flossen zwischen April und Juni 2016 in die Dreharbeiten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. „Die Migrantigen“ ist bereits seit 16 Wochen in Österreich zu sehen und hat schon fast 10.000 Zuschauer in die Kinos gelockt (eine durchschnittliche österreichische Produktion erreicht nur selten mehr als 10.000 Kinobesuche). Auch in Deutschland kommt der Film gut an. Demnächst soll er auch in der Schweiz zu sehen sein. „Die Migrantigen“ hat mehrere Preise abgeräumt, einen davon sogar im US-amerikanischen Nashville.

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Josef Harder spielt in der Komödie einen Regisseur, der für eine Rolle jemanden sucht, der “nicht ausländisch aussieht

Rahoma zeigt sich sehr erfreut über das rege Interesse an dem Film. „Es ist schön, dieses Thema auf die Leinwand zu bringen und es endlich aus unserer ganz persönlichen Perspektive zu erzählen.“ Er glaubt nicht unbedingt, dass der Film viel verändern und mit allen Vorurteilen und Klischees aufräumen wird. Aber er glaubt, mit seinem Film Jugendlichen mit Migrationshintergrund mehr Selbstbewusstsein zu geben, und ihnen zu zeigen, dass man es auch als Ausländer schaffen kann, Drehbuchautor, Kameramann oder Schauspieler zu werden. „Für meine Generation gab es solche Vorbilder nicht. Wir mussten lange für unseren Traum kämpfen. Vielleicht können wir es heutigen Jugendlichen leichter machen.“

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